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NACHSYNODALES
APOSTOLISCHES SCHREIBEN
VITA CONSECRATA
VON PAPST
JOHANNES PAUL II.
AN DEN EPISKOPAT UND DEN KLERUS,
AN DIE ORDEN UND KONGREGATIONEN,
AN DIE
GESELLSCHAFTEN DES APOSTOLISCHEN LEBENS,
AN DIE SAKULARINSTITUTE
UND AN ALLE GLAUBIGEN
UBER DAS GEWEIHTE LEBEN UND SEINE SENDUNG
IN KIRCHE UND WELT
EINLEITUNG
1. Das Geweihte Leben, tiefverwurzelt im Beispiel und in der
Lehre Christi, des Herrn, ist ein Geschenk Gottes des Vaters durch den Geist an
seine Kirche. Mit dem Bekenntnis zu den evangelischen Räten
erlangen die Wesenszüge Jesu — Jungfräulichkeit, Armut und Gehorsam —
eine typische und beständige »Sichtbarkeit« mitten in der Welt, und der
Blick der Gläubigen wird auf jenes Geheimnis des Gottesreiches gelenkt, das
bereits in der Geschichte wirksam ist, seine Vollendung aber im Himmel erwartet.
Jahrhunderte hindurch hat es nie an Männern und Frauen gefehlt,
die dem Ruf des Vaters und der Einladung des Geistes folgten und diesen Weg der
besonderen Nachfolge Christi wählten, um sich ihm mit »ungeteiltem« Herzen (vgl.
1 Kor 7,34) hinzugeben. Auch sie haben wie die Apostel alles verlassen,
um bei ihm zu bleiben und sich wie er in den Dienst vor Gott und an den
Schwestern und Brüdern zu stellen. Auf diese Weise haben sie dazu beigetragen,
das Geheimnis und die Sendung der Kirche offenbar zu machen durch die
vielfältigen Gnadengaben geistlichen und apostolischen Lebens, die der Heilige
Geist ihnen zuteilte, und folglich haben sie auch an der Erneuerung der
Gesellschaft mitgewirkt.
Dank für das geweihte Leben
2. Die Rolle des geweihten Lebens in der Kirche ist so
bedeutsam, dab ich die Einberufung einer Synode beschlossen habe, um seine
Bedeutung und seine Perspektiven im Hinblick auf das bevorstehende neue
Jahrtausend zu vertiefen. Ich wollte, dab bei der Synodenversammlung neben den
Synodenvätern auch zahlreiche Personen des geweihten Lebens anwesend wären,
damit bei den gemeinsamen Überlegungen ihr Beitrag nicht fehlte.Wir wissen alle
um den Reichtum, den das Geschenk des geweihten Lebens mit der Vielfalt seiner
Charismen und Einrichtungen für die kirchliche Gemeinschaft darstellt.
Gemeinsam danken wir Gott für die Orden und für die Ordensinstitute, die
sich der Betrachtung und den Werken des Apostolats widmen, für die
Gesellschaften des apostolischen Lebens, für die Säkularinstitute und für andere
Gruppen geweihter Personen sowie für alle, die sich im Innersten ihres Herzens
mit besonderer Weihe Gott hingeben.Bei der Synode war die weltweite Verbreitung
des geweihten Lebens, das in den Kirchen überall auf der Erde präsent ist, mit
Händen zu greifen. Es spornt die Entwicklung der Evangelisierung in den
verschiedenen Regionen der Welt an und begleitet sie, wo nicht nur die von
auswärts stammenden Institute dankbar aufgenommen werden, sondern auch neue
entstehen mit einer groben Vielfalt an Ausdrucksformen.Wenn auch die Institute
des geweihten Lebens in manchen Gegenden der Erde eine schwierige Zeit
durchzumachen scheinen, gedeihen sie in anderen Regionen mit erstaunlicher Kraft
und beweisen damit, dab die Entscheidung für die Ganzhingabe an Gott in Christus
in keinster Weise mit der Kultur und der Geschichte eines Volkes unvereinbar
ist. Auch blüht das geweihte Leben nicht nur innerhalb der katholischen Kirche;
tatsächlich findet es sich besonders lebendig im Mönchtum der orthodoxen Kirchen
und gehört als Wesenszug zu deren Erscheinungsbild; und auch in den aus der
Reformation hervorgegangenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften ist es im
Begriff zu entstehen oder wiederzuentstehen, gleichsam als Zeichen einer
gemeinsamen Gnade der Jünger Christi. Aus dieser Feststellung ergibt sich ein
Impuls für die Ökumene, die das Verlangen nach einer immer volleren Gemeinschaft
unter den Christen nährt, »damit die Welt glaubt« (Joh 17,21).
Das geweihte Leben - ein Geschenk an die Kirche
3. Die weltweite Präsenz des geweihten Lebens und der
evangelische Charakter seines Zeugnisses zeigen mit aller Deutlichkeit — falls
notwendig — dab es keine isolierte Randerscheinung ist , sondern die
ganze Kirche betrifft. Die Bischöfe auf der Synode haben dies wiederholt
bestätigt: »de re nostra agitur«, »es geht um etwas, das uns
betrifft«.Tatsächlich steht das geweihte Leben als entscheidendes Element
für die Sendung der Kirche in deren Herz und Mitte, da es »das innerste
Wesen der christlichen Berufung offenbart und darstellt«und das Streben der
ganzen Kirche als Braut nach der Vereinigung mit dem einen Bräutigam zum
Ausdruck bringt.Auf der Synode wurde mehrmals bestätigt, dab das geweihte Leben
nicht nur in der Vergangenheit eine Rolle der Hilfe und der Unterstützung für
die Kirche gespielt habe, sondern dab es auch für die Gegenwart und die Zukunft
des Gottesvolkes ein kostbares und unerläbliches Geschenk ist, weil es zutiefst
zu dessen Leben, Heiligkeit und Sendung gehört.ie gegenwärtigen Schwierigkeiten,
auf die nicht wenige Institute in einigen Gegenden der Welt stoben, dürfen nicht
zu Zweifeln daran verleiten, dab das Bekenntnis zu den evangelischen Räten
wesentlicher Bestandteil des Lebens der Kirche ist, dem es einen wertvollen
Impuls zu einer immer konsequenteren Verwircklichung des Evangeliums verleiht.Es
wird in der Geschichte eine weitere Vielfalt an Formen geben können, aber das
Wesen einer Entscheidung, die in der Radikalität der Selbsthingabe aus Liebe zum
Herrn Jesus und in ihm zu jedem Angehörigen der Menschheitsfamilie ihren
Ausdruck findet, wird sich nicht ändern. Auf diese Gewibheit , die im
Laufe der Jahrhunderte zahllose Menschen zu mutigem Entschlub angeregt hat,
zählt das christliche Volk auch weiterhin, wohl wissend, dab es aus dem
Beitrag dieser hochherzigen Seelen eine wirksame Hilfe auf seinem Weg zur
himmlischen Heimat erfahren kann.
Zusammenstellung der Ergebnisse der Synode
4. Dem Wunsch der Ordentlichen Generalversammlung der
Bischofssynode folgend, die zusammengetreten war, um über das Thema »Das
geweihte Leben und seine Sendung in Kirche und Welt« zu beraten, will ich in
diesem Apostolischen Schreiben die Ergebnisse des synodalen Programms
vorlegenund allen Gläubigen — Bischöfen, Priestern, Diakonen, Ordensleuten und
Laien — sowie allen, die zuhören wollen, die Wunder aufzeigen, die der Herr auch
heute durch das geweihte Leben vollbringen will.Nach den Synoden, die den Laien
und den Priestern gewidmet waren, vervollständigt diese Synode die Behandlung
der besonderen Eigenheiten, die die vom Herrn Jesus für seine Kirche
vorgesehenen Lebensstände kennzeichnen. Auch wenn auf dem II. Vatikanischen
Konzil die grobe Wirklichkeit der kirchlichen Gemeinschaft hervorgehoben wurde,
in der sämtliche Gaben zusammenströmen für den Aufbau des Leibes Christi und für
die Sendung der Kirche in der Welt, so machte sich doch in den letzten Jahren
die Notwendigkeit bemerkbar,
die Identität der verschiedenen Stände des Lebens, ihre Berufung und
ihren besonderen Auftrag in der Kirche deutlicher herauszustellen.Die
Gemeinschaft in der Kirche bedeutet ja nicht Einförmigkeit, sondern Geschenk des
Geistes, der auch die Vielfalt der Charismen und der Lebensformen durchdringt.
Diese werden für die Kirche und ihre Sendung um so nützlicher sein, je
konsequenter ihre Identität eingehalten wird. Denn jede Gabe des Geistes wird
gewährt, damit sie im Wachsen der Brüderlichkeit und der Sendung Frucht bringe
für den Herrn.Das Wirken des Geistes in den verschiedenen
Formen des geweihten Lebens
5. Wie sollte man nicht voll Dankbarkeit gegenüber dem Geist an
die Fülle der historischen Formen des geweihten Lebens
erinnern, die von ihm geweckt wurden und noch immer im kirchlichen Gefüge
vorhanden sind? Sie erscheinen uns wie ein Baum mit vielen Zweigen,dessen
Wurzeln tief in das Evangelium hineinreichen und der in jeder Epoche der Kirche
üppige Früchte hervorbringt. Was für ein auberordentlicher Reichtum! Ich selbst
habe zum Abschlub der Synode den Wunsch verpürt, dieses in der Geschichte der
Kirche konstante Element hervorzuheben: die Schar von Ordensgründern und
-gründerinnen, von heiligen Männern und Frauen, die sich in der Radikalität des
Evangeliums und im Dienst an den Brüdern und Schwestern, besonders an den Armen
und Verlassenen, für Christus entschieden haben.Gerade in diesem Dienst wird mit
besonderer Klarheit sichtbar, dab das geweihte Leben
die Einheitlichkeit des Liebesgebotes in der untrennbaren Verbundenheit
von Gottes- und Nächstenliebe offenbar macht.Die Synode hat dieses unablässige
Wirken des Heiligen Geistes erwähnt, das im Laufe der Jahrhunderte die
Reichtümer der Anwendung der evangelischen Räte durch die vielfältigen Charismen
zur Entfaltung bringt und auch auf diese Weise in Kirche und Welt, in Zeit und
Raum beständig das Geheimnis Christi gegenwärtig macht.
Monastisches Leben in Ost und West
6. Die Synodenväter der katholischen Ostkirchen und die
Vertreter der anderen Kirchen des Orients haben in ihren Ausführungen die
evangelischen Werte des monastischen Lebensunterstrichen, das bereits in
den Anfangszeiten des Christentums in Erscheinung trat und in ihren Ländern,
besonders in orthodoxen Kirchen, noch heute von blühender Lebendigkeit ist.Seit
den ersten Jahrhunderten der Kirche hat es Männer und Frauen gegeben, die sich
berufen fühlten, den Dienst des fleischgewordenen Wortes nachzuahmen, und sich
in seine Nachfolge begeben haben, indem sie die Anforderungen, die sich aus der
der Taufe entspringenden Teilhabe am Ostergeheimnis seines Todes und seiner
Auferstehung ergeben, im Ordensberuf in besonderer und radikaler Weise lebten.
Während sie auf diese Weise zu Trägern des Kreuzes (staurophóroi) wurden,
haben sie sich verpflichtet, Zeugen des Geistes (pneumatophóroi) zu
werden, wahrhaft geistliche Männer und Frauen, die in der Lage sind, durch
Lobpreis und ständige Fürbitte, durch die asketischen Ratschläge und durch die
Werke der Liebe die Geschichte im Verborgenen zu befruchten.In der Absicht, die
Welt und das Leben in Erwartung der endgültigen Schau des Angesichtes Gottes zu
verwandeln, bevorzugt das orientalische Mönchtum die Bekehrung, den
Selbstverzicht und die Zerknirschung des Herzens, die Suche der Hesychie, d. h.
des inneren Friedens, und das unablässige Gebet, das Fasten und die Nachtwachen,
das geistige Ringen und das Schweigen, die österliche Freude über die Gegenwart
des Herrn und über die Erwartung seines endgültigen Kommens, die Hingabe seiner
selbst und seiner Habe, wie sie in der heiligen Gemeinschaft des Klosters oder
in der Einsamkeit der Eremitage gelebt wird.uch das Abendland hat seit den
ersten Jahrhunderten der Kirche das monastische Leben praktiziert und eine grobe
Vielfalt an Ausdrucksformen sowohl im klösterlichen Bereich als auch im
eremitischen Mönchtum gekannt. In seiner heutigen Gestalt, die vor allem vom hl.
Benedikt inspiriert wurde, ist das abendländische Mönchtum Erbe vieler Männer
und Frauen, die sich vom weltlichen Leben abgewandt haben, Gott suchten und sich
ihm weihten, »indem sie der Liebe zu Christus nichts vorzogen«.Auch die Mönche
von heute bemühen sich um einen harmonischen Einklang zwischen innerem Leben
und Arbeit in der Verpflichtung nach dem Evangelium zur Anderung der
Gewohnheiten, zum Gehorsam, zur Beständigkeit und in der eifrigen Hingabe an die
Betrachtung des Wortes (lectio divina), an die Feier der Liturgie und das
Gebet. Die Klöster waren und sind noch immer im Herzen der Kirche und der Welt
ein ausdrucksvolles Zeichen von Gemeinschaft, ein einladender Aufenthaltsort für
diejenigen, die Gott und die Welt des Geistes suchen; sie sind Glaubensschulen
und wahre Werkstätten für Studium, Dialog und Kultur zum Aufbau des kirchlichen
Lebens und auch, in Erwartung der himmlischen Stadt, zum Aufbau der irdischen.
Die Weihe der Jungfrauen, die Eremiten und die Witwen
7. Grund zu Freude und Hoffnung ist es zu sehen, dab die
bereits seit der apostolischen Zeit in den christlichen Gemeinden bezeugte
alte Weihe der Jungfrauen heute wiederaufblüht.Durch ihre Weihe durch den
Diözesanbischof erwerben sie eine besondere Bindung an die Kirche, deren Dienst
sie sich widmen, auch wenn sie weiter in der Welt bleiben. Allein oder in
Gemeinschaft stellen sie ein besonderes eschatologisches Bild von der
himmlischen Braut und dem zukünftigen Leben dar, wenn die Kirche endlich die
Liebe zu ihrem Bräutigam Christus in Fülle leben wird.Die als Eremiten
lebenden Männer und Frauen, die alten Orden oder neuen Instituten angehören
oder auch unmittelbar vom Bischof abhängig sind, bezeugen mit ihrer inneren und
äuberen Trennung von der Welt den vorläufigen Charakter der Gegenwart und
beweisen durch Fasten und Bube, dab der Mensch nicht von Brot allein lebt,
sondern vom Wort Gottes (vgl.
Mt 4,4). Ein solches Leben »in der Wüste« ist eine Aufforderung an den
Nächsten und zugleich an die kirchliche Gemeinschaft, niemals die höchste
Berufung aus den Augen zu verlieren, nämlich immer beim Herrn zu sein.Heute
wird auch wieder die schon zur Zeit der Apostel bekannte (vgl. 1 Tim
5,5.9-10; 1 Kor 7,8) Weihe der Witwenvollzogen sowie jene der
Witwer. Durch das Gelöbnis ewiger Keuschheit als Zeichen des Reiches Gottes
heiligen diese Personen ihren Stand, um sich dem Gebet und dem Dienst an der
Kirche zu widmen.
Institute, die sich ganz der Kontemplation widmen
8. Die Institute, die ganz auf die Kontemplation ausgerichtet
sind und aus Frauen oder Männern bestehen, sind für die Kirche ein Grund zur
Freude und eine Quelle himmlischer Gnaden. Mit ihrem Leben und ihrer Sendung
ahmen die Personen dieser Institute Christus nach, der auf den Berg stieg, um zu
beten, geben Zeugnis von Gottes Herrschaft über die Geschichte und nehmen die
künftige Herrlichkeit vorweg.In der Einsamkeit und im Stillschweigen, durch das
Hören des Wortes Gottes, durch die Feier des Gottesdienstes, durch die
persönliche Askese und das Gebet, durch die Abtötung und die geschwisterliche
Liebesgemeinschaft orientieren sie ihr ganzes Leben und ihre Tätigkeit an der
Kontemplation Gottes. Auf diese Weise geben sie der kirchlichen Gemeinschaft ein
einzigartiges Zeugnis der Liebe der Kirche zu ihrem Herrn und tragen mit einer
geheimnisvollen apostolischen Fruchtbarkeit zum Wachstum des Volkes Gottes
bei.aher ist der Wunsch berechtigt, dab die verschiedenen Formen kontemplativen
Lebens als Ausdruck tiefer Verwurzelung im Evangelium eine zunehmende
Verbreitung in den jungen Kirchen
finden, vor allem in jenen Regionen der Welt, wo andere Religionen stärker
verbreitet sind. Dies wird es ermöglichen, Zeugnis zu geben von der Kraft der
Traditionen christlicher Askese und Mystik, und wird den interreligiösen Dialog
fördern.
Das apostolische Ordensleben
9. Im Abendland sind im Laufe der Jahrhunderte vielfältige
andere Ausdrucksformen des Ordenslebens zur Blüte gelangt, in denen unzählige
Menschen nach der Absage an die Welt durch das öffentliche Bekenntnis zu den
evangelischen Räten, entsprechend einem besonderen Charisma und in einer festen
Form gemeinschaftlichen Lebenssich Gott für einen vielgestaltigen
apostolischen Dienst am Volk Gottes geweiht haben. So etwa die verschiedenen
Ordensfamilien der Regularkanoniker, die Bettelorden, die Regularkleriker und im
allgemeinen die männlichen und weiblichen Ordenskongregationen, die sich der
apostolischen Arbeit, der Missionstätigkeit und den vielfältigen Werken widmen,
die die christliche Liebe hervorgebracht hat.Es ist ein Zeugnis von wunderbarer
Mannigfaltigkeit, in dem sich die Vielfalt der von Gott den Ordensgründern und
-gründerinnen gespendeten Gaben widerspiegelt, die in ihrem Offensein für das
Wirken des Heiligen Geistes die Zeichen der Zeit zu deuten und den nach und nach
auftretenden Erfordernissen auf glänzende Weise zu entsprechen verstanden. Ihrem
Beispiel folgend haben viele andere mit Wort und Tat versucht, das Evangelium in
ihrem eigenen Leben zu verwirklichen, um die lebendige Gegenwart Jesu, des
Geweihten im wahrsten Sinne des Wortes und des Apostels des Vaters, in ihrer
Zeit wieder geltend zu machen. Christus, den Herrn, müssen sich die Personen des
geweihten Lebens immer und zu allen Zeiten zum Vorbild nehmen, indem sie im
Gebet eine tiefe Gesinnungsgemeinschaft mit ihm pflegen (vgl. Phil
2,5-11), damit ihr ganzes Leben von dem apostolischen Geist durchdrungen werde
und die gesamte apostolische Tätigkeit von Kontemplation erfüllt sei.
Die Säkularinstitute
10. Der Heilige Geist, wunderbarer Schöpfer der Vielfalt der
Charismen, hat in unserer Zeit neue Ausdrucksweisen geweihten Lebens
geschenkt, gleichsam als wollte er, einem Plan der Vorsehung entsprechend, den
neuen Bedürfnissen Genüge tun, denen die Kirche heute bei der Erfüllung ihrer
Sendung in der Welt begegnet.Ich denke vor allem an die Säkularinstitute,
deren Mitglieder die Weihe an Gott in der Welt durch das Bekenntnis zu
den evangelischen Räten im Rahmen der zeitlichen Strukturen leben
wollen, um auf diese Weise innerhalb des kulturellen, wirtschaftlichen und
politischen Lebens Sauerteig der Weisheit und Zeugen der Gnade zu sein. Durch
die ihnen eigene Synthese von Säkularem und Weihe wollen sie in die
Gesellschaft die neuen Kräfte des Reiches Christi einbringen und die Welt
durch die Kraft der Seligpreisungen von innen her zu verwandeln suchen. Während
die völlige Zugehörigkeit zu Gott sie ganz für seinen Dienst aufgehen läbt,
bestärkt so ihre Tätigkeit in der normalen weltlichen Umgebung unter dem Wirken
des Geistes die Beseelung der säkularen Gegebenheiten aus dem Evangelium. Die
Säkularinstitute tragen so dazu bei, der Kirche je nach der spezifischen Gabe
eines jeden Instituts eine ausgeprägte Präsenz in der Gesellschaft zu
gewährleisten.ine wertvolle Funktion üben auch die
klerikalen Säkularinstitute aus, in denen sich Priester, die dem
Presbyterium einer Diözese angehören, auch wenn einigen von ihnen die
Inkardination im eigenen Institut zuerkannt wird, durch die einem besonderen
Charisma entsprechende praktische Befolgung der evangelischen Räte Christus
weihen. Sie finden in den geistlichen Reichtümern des Instituts, dem sie
angehören, eine grobe Hilfe, um die dem Priestertum eigene Spiritualität zu
leben und so Ansporn zu apostolischer Gemeinschaft und Grobherzigkeit unter den
Mitbrüdern zu sein.
Die Gesellschaften des apostolischen Lebens
11. Besondere Erwähnung verdienen sodann die männlichen und
weiblichen Gesellschaften des apostolischen Lebens oder des gemeinsamen
Lebens, die mit einem ihnen eigenen Stil ein besonderes apostolisches oder
missionarisches Ziel verfolgen. In vielen von ihnen werden mit von der Kirche
offiziell anerkannten heiligen Weiheverpflichtungen die evangelischen Räte
ausdrücklich angenommen. Doch auch in diesem Fall unterscheidet die Eigenart
ihrer Weihe sie von den Ordensinstituten und Säkularinstituten. Es gilt, die
Besonderheit dieser Lebensform zu erhalten und zu fördern, die im Laufe der
letzten Jahrhunderte besonders auf dem Gebiet der Nächstenliebe und bei der
missionarischen Verbreitung des Evangeliums so viele Früchte der Heiligkeit und
des Apostolats hervorgebracht hat.
Neue Ausdrucksformen geweihten Lebens
12. Die ewige Jugend der Kirche erweist sich auch heute: in den
letzten Jahrzehnten, nach dem II. Vatikanischen Konzil, sind neue oder
erneuerte Formen geweihten Lebens in Erscheinung getreten. In vielen Fällen
handelt es sich um Institute, die den bereits bestehenden zwar ähnlich, aber aus
neuen spirituellen und apostolischen Impulsen heraus entstanden sind. Ihre
Lebensfähigkeit mub von der Autorität der Kirche geprüft werden, der die
Durchführung der zweckmäbigen Untersuchungen obliegt, sowohl um die Echtheit der
inspirierenden Zielsetzung zu prüfen wie auch die übermäbige Vermehrung nahezu
gleicher Institutionen zu vermeiden, die die Gefahr einer schädlichen
Aufsplitterung in zu kleine Gruppen nach sich ziehen könnte. In anderen Fällen
handelt es sich um echte Erfahrungen, die nach einer eigenen Identität in der
Kirche suchen und die offizielle Anerkennung durch den Apostolischen Stuhl
erwarten, bei dem allein der letzte Entscheid liegt.iese neuen Formen geweihten
Lebens, die zu den früheren hinzukommen, bezeugen die stete Anziehungskraft, die
die Ganzhingabe an den Herrn, das Ideal der apostolischen Gemeinschaft, die
Gründungscharismen auch auf die heutige Generation ausüben, und sind ebenso
Zeichen für die Komplementarität der Gaben des Heiligen Geistes.Der Geist
widerspricht sich jedoch nicht in der Neuheit! Beweis dafür ist die Tatsache,
dab die neuen Formen geweihten Lebens die früheren nicht verdrängt haben. Bei
derart vielgestaltiger Mannigfaltigkeit konnte dank derselben Berufung, die
grundlegende Einheit gewahrt bleiben, nämlich auf der Suche nach der
vollkommenen Liebe dem keuschen, armen und gehorsamen Jesus zu folgen. Wie diese
Berufung in allen bereits bestehenden Formen anzutreffen ist, so gilt sie auch
in den neu hinzugetretenen.
Zielsetzungen des Apostolischen Schreibens
13. Während ich die Früchte der Arbeiten der Synode sammle,
will ich mich mit diesem Apostolischen Schreiben an die ganze Kirche wenden, um
nicht nur den Personen des geweihten Lebens, sondern auch den Hirten und den
Gläubigen die Früchte einer anregenden Auseinandersetzung darzubieten,
über deren Fortgang der Heilige Geist es nicht fehlen lieb, mit seinen Gaben der
Wahrheit und der Liebe zu wachen.In diesen Jahren der Erneuerung hat das
geweihte Leben, wie übrigens auch andere Lebensformen in der Kirche, eine
schwierige und mühsame Zeit durchgemacht. Es war eine Zeit reich an Hoffnungen
sowie an Erneuerungsversuchen und -vorschlägen, die das Bekenntnis zu den
evangelischen Räten auf den heutigen Stand bringen sollten. Doch es war auch
eine Zeit, die nicht frei von Spannungen und Schwierigkeiten war und in der
selbst edle Erfahrungen nicht immer von positiven Ergebnissen gekrönt waren.Die
Schwierigkeiten dürfen jedoch nicht zur Entmutigung verleiten. Es ist vielmehr
notwendig, sich mit neuem Eifer zu engagieren, denn die Kirche braucht die
geistliche und apostolische Mitwirkung eines erneuerten und gestärkten geweihten
Lebens. Mit dem vorliegenden nachsynodalen Schreiben will ich mich an die
Ordensgemeinschaften und an die einzelnen Personen des geweihten Lebens im
selben Geist wenden, der den Brief beseelte, der einst vom Apostelkonzil in
Jerusalem an die Christen von Antiochien gesandt worden war; ich hege dabei die
Hoffnung, dab sich heute dieselbe Erfahrung wiederholen möge, wie sie uns von
damals überliefert ist: »Die Brüder lasen den Brief und freuten sich über die
Ermunterung« (Apg 15,31). Aber nicht nur das: ich hege auch die Hoffnung,
dadurch die Freude des ganzen Gottesvolkes zu vermehren, das durch besseres
Kennenlernen des geweihten Lebens dem Allmächtigen bewubter für dieses grobe
Geschenk zu danken vermag.In einer Haltung herzlicher Offenheit gegenüber den
Synodenvätern habe ich mir die wertvollen Beiträge zunutze gemacht, die während
der intensiven Arbeiten bei den Versammlungen zutage traten, bei denen ich
ständig anwesend sein wollte. Während dieser Zeit war ich auch darauf bedacht,
dem ganzen Volk Gottes einige systematische Katechesen über das geweihte Leben
in der Kirche zu halten. Darin habe ich die in den Texten des II. Vatikanischen
Konzils enthaltenen Lehraussagen erneut vorgestellt. Das Konzil war leuchtender
Bezugspunkt für die folgenden Lehrentwicklungen und für die von der Synode
während der Wochen intensiver Arbeit angestellten Überlegungen.ährend ich darauf
vertraue, dab die Söhne und Töchter der Kirche, insbesondere die geweihten
Personen dieses Schreiben mit hochherziger Zustimmung annehmen, wünsche ich, dab
man auch weiterhin darüber nachdenken möge, um zu einer Vertiefung des groben
Geschehens des geweihten Lebens in seiner dreifachen Dimension der Weihe, der
Gemeinschaft und der Sendung zu gelangen, und dab die geweihten Personen in
völliger Übereinstimmung mit der Kirche und ihrem Lehramt auf diese Weise weiter
angespornt werden, den drängenden Herausforderungen geistlich und apostolisch zu
begegnen.
KAPITEL I
CONFESSIO TRINITATIS
AN DEN CHRISTOLOGISCH-TRINITARISCHEN QUELLEN
DES GEWEIHTEN LEBENS
Das Bild des verklärten Christus
14. Das Fundament des geweihten Lebens im Evangelium ist in der
besonderen Beziehung zu suchen, die Jesus während seines irdischen Daseins mit
einigen seiner Jünger herstellte, indem er sie nicht nur einlud, das Reich
Gottes im eigenen Leben anzunehmen, sondern ihr Leben in den Dienst dieses
Anliegens zu stellen, alles zu verlassen und aus der Nähe seine Lebensform
nachzuahmen.Eine solche »Christus gemäbe« Existenz, die so vielen Getauften im
Verlauf der Geschichte angeboten wurde, ist nur auf Grund einer besonderen
Berufung und kraft eines eigenen Geschenkes des Geistes möglich. In ihr ist die
Taufweihe in der Tat zu einer radikalen Antwort in der Nachfolge Christi durch
die Annahme der evangelischen Räte geführt, deren erster und wesentlicher die
heilige Bindung der Keuschheit um des Himmelreiches willen ist.Diese »besondere
Nachfolge Christi«, an deren Ursprung immer die Initiative des Vaters steht, hat
also ein wesentlich christologisches und pneumatologisches Merkmal, indem sie so
auf besonders lebendige Weise den Trinitätscharakter des christlichen
Lebens ausdrückt, dessen eschatologische Verwirklichung sie irgendwie
vorwegnimmt, nach der die ganze Kirche trachtet.m Evangelium gibt es viele Worte
und Taten Christi, die den Sinn dieser besonderen Berufung erhellen. Um jedoch
in einer Zusammenschau die Wesensmerkmale zu sammeln, stellt es sich als
besonders hilfreich dar, den Blick auf das leuchtende Antlitz Christi im
Geheimnis der Verklärung zu richten. Auf dieses »Bild« bezieht sich eine ganz
alte geistliche Tradition, wenn sie das kontemplative Leben mit dem Gebet Jesu
»auf dem Berg« verbindet.Auf diese Tradition lassen sich auberdem in gewisser
Weise selbst die »aktiven« Dimensionen des geweihten Lebens zurückführen, da die
Verklärung nicht nur Enthüllung der Herrlichkeit Christi ist, sondern auch
Vorbereitung zur Übernahme des Kreuzes. Sie beinhaltet ein »Aufsteigen zum Berg«
und ein »Herabsteigen vom Berg«: die Jünger, die sich der Vertraulichkeit des
Meisters erfreut haben, für einen Augenblick vom Glanz des trinitarischen Lebens
und der Gemeinschaft der Heiligen umhüllt, gleichsam verzückt im Horizont der
Ewigkeit, sind sogleich zur Wirklichkeit des Alltags zurückgeführt, wo sie nur
»Jesus allein« in der Niedrigkeit der menschlichen Natur sehen und eingeladen
sind talwärts zu gehen, um mit ihm die Mühe des Planes Gottes zu leben und mit
Mut den Kreuzweg einzuschlagen.
»Und er wurde vor ihren Augen verwandelt ...«
15. »Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und dessen
Bruder Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg. Und er wurde vor
ihren Augen verwandelt; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider
wurden blendend weib wie das Licht. Da erschienen plötzlich vor ihren Augen Mose
und Elija und redeten mit Jesus.Und Petrus sagte zu ihm:Herr, es ist gut, dab
wir hier sind. Wenn du willst, werde ich hier drei Hütten bauen, eine für dich,
eine für Mose und eine für Elija.Noch während er redete, warf eine leuchtende
Wolke ihren Schatten auf sie, und aus der Wolke rief eine Stimme:Das ist mein
geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören.Als
die Jünger das hörten, bekamen sie grobe Angst und warfen sich mit dem Gesicht
zu Boden.Da trat Jesus zu ihnen, fabte sie an und sagte: Steht auf, habt keine
Angst! Und als sie aufblickten, sahen sie nur noch Jesus.Während sie den Berg
hinabstiegen, gebot ihnen Jesus: Erzählt niemand von dem, was ihr gesehen habt,
bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist« (Mt 17,1-9).Die
Begebenheit der Verklärung bezeichnet einen entscheidenden Augenblick in der
Sendung Jesu. Es handelt sich um ein Offenbarungsereignis, das den Glauben
im Herzen der Jünger festigt, sie auf das Drama des Kreuzes vorbereitet und die
Herrlichkeit der Auferstehung vorwegnimmt. Dieses Geheimnis wird von der Kirche,
dem Volk auf dem Pilgerweg zur endzeitlichen Begegnung mit seinem Herrn, ständig
neu erlebt. Wie die drei auserwählten Apostel, so betrachtet die Kirche das
verklärte Antlitz Christi, um sich im Glauben zu stärken und die Ohnmacht vor
seinem entstellten Antlitz am Kreuz nicht zu riskieren. Im einen wie im anderen
Fall ist sie die Braut, die vor dem Bräutigam steht, die an seinem Geheimnis
teilhat und von seinem Licht eingehüllt ist.Von diesem Licht werden alle ihre
Söhne und Töchter erreicht, die alle in gleicher Weise berufen sind, Christus
zu folgen, indem sie den letzten Sinn des eigenen Lebens in ihn setzen, um
mit dem Apostel sagen zu können: »Für mich ist Christus das Leben!« (Phil
1,21). Aber eine einzigartige Erfahrung des von dem fleischgewordenen Wort
ausgestrahlten Lichtes
machen mit Sicherheit jene, die zum geweihten Leben berufen sind. Das Bekenntnis
zu den evangelischen Räten bestimmt sie nämlich zum Zeichen und zur Prophetie
für die Gemeinschaft der Brüder und Schwestern sowie für die Welt. Daher müssen
bei ihnen die begeisterten Worte des Petrus: »Herr, es ist gut, dab wir hier
sind!« (Mt 17,4) besonderen Widerhall finden. Diese Worte drücken die
christozentrische Spannung des ganzen christlichen Lebens aus. Jedoch bekunden
sie mit besonderer Ausdruckskraft den Totalitätsanspruch, den der tiefe
Dynamismus der Berufung zum geweihten Leben darstellt: »Es ist gut, bei Dir zu
sein, uns Dir zu widmen, unser Leben ausschlieblich auf Dich zu konzentrieren!«.
Wer die Gnade dieser besonderen Liebesgemeinschaft mit Christus empfangen hat,
fühlt sich in der Tat von seinem Lichtglanz erfabt: Er ist »der Schönste von
allen Menschen« (Ps 45 [44],3), der Unvergleichliche.
»Das ist mein geliebter Sohn: auf ihn sollt ihr hören!«
16. Die drei verzückten Jünger erreicht der Anruf des Vaters,
auf Christus zu hören, in ihn ihr ganzes Vertrauen zu setzen und ihn zum
Mittelpunkt ihres Lebens zu machen. Im Wort, das von oben kommt, erhält die
Einladung eine neue Tiefe, mit der Jesus selbst sie am Anfang seines
öffentlichen Wirkens zu seiner Nachfolge berufen hatte, indem er sie aus dem
Alltagsleben rib und in sein Vertrauen nahm. Aus dieser besonderen Gnade innerer
Verbundenheit erwächst im geweihten Leben die Möglichkeit und der Anspruch der
totalen Selbsthingabe im Bekenntnis zu den evangelischen Räten. Diese sind
zuerst, mehr als ein Verzicht, eine besondere Annahme des im Inneren der
Kirche gelebten Geheimnisses Christi .In der Einheit des christlichen Lebens
sind die verschiedenen Berufungen gleichsam Strahlen des einen Lichtes Christi,
das »auf dem Antlitz der Kirche widerscheint«.Die
Laien spiegeln auf Grund des weltlichen Charakters ihrer Berufung das
Geheimnis des fleischgewordenen Wortes wider vor allem als das A und O der Welt,
Fundament und Mab des Wertes alles Geschaffenen. Die Inhaber des geweihten
Amtes sind ihrerseits lebendige Abbilder Christi, des Hauptes und Hirten,
der sein Volk in der Zeit des »bereits und noch nicht«, in Erwartung seines
Kommens in Herrlichkeit, leitet. Dem geweihten Leben
ist die Aufgabe anvertraut, den menschgewordenen Sohn Gottes zu zeigen als
das eschatologische Ziel, nach dem alles strebt, den strahlenden
Glanz, dem gegenüber jedes andere Licht verblabt, die unermebliche Schönheit,
die allein das Herz des Menschen vollständig zu erfüllen vermag. Im geweihten
Leben geht es also nicht nur darum, Christus aus ganzem Herzen zu folgen, ihn
»mehr als Vater und Mutter, mehr als Sohn oder Tochter« (vgl. Mt 10,37)
zu lieben, wie es von jedem Jünger gefordert wird, sondern dies mit der sich
Christus »anpassenden« Zustimmung oder gesamten Existenz in einer
allumfassenden Spannung zu leben und auszudrücken, die im möglichen Zeitrahmen
und entsprechend den verschiedenen Charismen die eschatologische Vollkommenheit
vorwegnimmt.Denn die geweihte Person macht durch das Bekenntnis zu den Räten
nicht nur Christus zum Sinn ihres Lebens, sondern bemüht sich, soweit als
möglich, »jene Lebensform, die der Sohn Gottes annahm, als er in die Welt
eintrat«,in sich wiederzugeben. Mit dem Entschlub zur Keuschheit macht
sie sich die jungfräuliche Liebe Christi zu eigen und bekennt ihn vor der Welt
als eingeborenen Sohn, der eins ist mit dem Vater (vgl. Joh 10,30;
14,11); durch Nachahmung seiner Armut bekennt sie ihn als den Sohn, der
alles vom Vater empfängt und in der Liebe ihm alles zurückgibt (vgl. Joh
17,7.10). Mit dem Opfer der eigenen Freiheit, bekennt sie ihn durch die
Verpflichtung zum Geheimnis ihres kindlichen Gehorsams, als den unendlich
Geliebten und Liebenden, als den, der allein Wohlgefallen daran findet, den
Willen des Vaters zu tun (vgl. Joh 4,34), mit dem sie vollkommen
verbunden ist und von dem sie in allem abhängt.Mit diesem anpassenden
Sicheinfühlen ins Geheimnis Christi verwirklicht das geweihte Leben in
besonderer Weise jene confessio Trinitatis, die das gesamte christliche
Leben kennzeichnet, indem es voll Bewunderung die erhabene Schönheit Gottes, des
Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes anerkennt und voll Freude seine
liebevolle Hinwendung zu jedem Menschen bezeugt.
I. ZUM LOB DER DREIFALTIGKEIT
A Patre ad Patrem: die Initiative Gottes
17. Den Personen des geweihten Lebens enthüllt die
kontemplative Anschauung der Herrlichkeit des Herrn Jesus im Bild der Verklärung
vor allem den Vater, Schöpfer und Spender alles Guten, der sein Geschöpf mit
einer besonderen Liebe und im Hinblick auf eine spezielle Sendung an sich zieht
(vgl. Joh 6,44). »Das ist mein geliebter Sohn: auf ihn sollt ihr hören!«
( Mt 17,5). Indem sie diesem Ruf, der von einer innigen Anziehung
begleitet ist, folgt, vertraut die berufene Person sich der Liebe Gottes an, der
sie in seinen ausschlieblichen Dienst beruft, und weiht sich vollständig ihm und
seinem Heilsplan (vgl. 1 Kor 7,32-34).Hier liegt der Sinn der Berufung
zum geweihten Leben: eine ganz und gar vom Vater ausgehende Initiative (vgl.
Joh 15,16), die von denen, die er erwählt hat, die Antwort einer
ausschlieblichen Ganzhingabe fordert.Die Erfahrung dieser unentgeltlichen Liebe
Gottes ist dermaben tief und stark, dab der Betreffende spürt, mit der
bedingungslosen Hingabe seines Lebens antworten zu müssen, indem er alles,
Gegenwart und Zukunft, in seine Hände hinein opfert. Auf Grund dessen kann man,
im Sinne des hl. Thomas, die Identität der geweihten Personen von der Totalität
ihrer Hingabe her begreifen, die mit wahrer Selbstaufopferung vergleichbar ist.
Per Filium: in den Fubstapfen Christi
18. Der Sohn, der Weg, der zum Vater führt (vgl. Joh
14,6), ruft alle, die ihm der Vater gegeben hat (vgl. Joh 17,9), in eine
Nachfolge, die für ihr Dasein richtungweisend ist. Von einigen aber — eben den
Personen des geweihten Lebens — verlangt er eine totale Verpflichtung, die damit
verbunden ist, dab sie alles verlassen (vgl. Mt
19,27), um in innigem Vertrauen mit ihm zu lebenund ihm überallhin zu folgen
(vgl. Offb 14,4).Im Blick Jesu (vgl. Mk 10,21), »Ebenbild des
unsichtbaren Gottes« (Kol 1,15), Abglanz der Herrlichkeit des Vaters
(vgl. Hebr 1,3), ist die Tiefe einer ewigen und unermeblichen Liebe
wahrzunehmen, die an die Wurzeln des Seins rührt.Wer sich davon ergreifen läbt,
mub alles verlassen und ihm folgen (vgl. Mk 1,16-20; 2,14; 10,21.28). Wie
Paulus, sieht er alles übrige »als Verlust an, weil die Erkenntnis Christi Jesu
alles übertrifft«, und zögert nicht, verglichen mit ihm alles »für Unrat« zu
halten, »um Christus zu gewinnen« (Phil
3,8). Seine Sehnsucht geht dahin, sich in ihn hineinzudenken, indem er seine
Gefühle und seine Lebensform annimmt. Dab also einer alles verläbt und dem Herrn
folgt (vgl. Lk 18,28), stellt ein für alle Berufenen und für alle Zeiten
gültiges Programm dar.Die evangelischen Räte, durch die Christus einige dazu
einlädt, seine Erfahrung der Keuschheit, der Armut und des Gehorsams zu teilen,
erfordern bei dem, der sie annimmt, das ausdrückliche Verlangen nach
vollständiger Gleichförmigkeit mit ihm
und lassen dieses Verlangen klar zutage treten. Durch ein Leben »in Gehorsam,
ohne Eigentum und in Keuschheit«bekennen die Personen des geweihten Lebens, dab
Jesus das Vorbild ist, in dem jede Tugend zur Vollkommenheit gelangt. Seine
Lebensform in Keuschheit, Armut und Gehorsam erscheint in der Tat als die
radikalste Weise, das Evangelium auf dieser Erde zu leben, eine sozusagen
göttliche Lebensform, weil sie von ihm, dem Gottmenschen, als Ausdruck
seiner Beziehung als des eingeborenen Sohnes zum Vater und zum Heiligen Geist
angenommen wurde. Das ist der Grund, warum in der christlichen Überlieferung
immer von der objektiven Vollkommenheit des geweihten Lebens gesprochen
wurde.Darüber hinaus läbt sich nicht bestreiten, dab die Übung der Räte eine
besonders tiefe und fruchtbare Weise darstellt, auch an der Sendung Christi
teilzunehmen, nach dem Vorbild Mariens von Nazaret, der ersten Jüngerin, die es
annahm, sich durch die Ganzhingabe ihrer selbst in den Dienst des göttlichen
Heilsplanes zu stellen. Jede Sendung beginnt mit derselben Haltung, wie sie von
Maria bei der Verkündigung zum Ausdruck gebracht worden ist: »Ich bin die Magd
des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast« (Lk 1,38).
In Spiritu: vom Heiligen Geist geweiht
19. »Eine leuchtende Wolke warf ihren Schatten auf sie« (Mt
17,5). Eine bedeutende geistliche Interpretation der Verklärung sieht in dieser
Wolke das Bild des Heiligen Geistes.ie die ganze christliche Existenz, so steht
auch die Berufung zum geweihten Leben in enger Beziehung zum Wirken des Heiligen
Geistes. Er ist es, der im Laufe der Jahrtausende immer aufs neue Menschen dafür
empfänglich macht, das Faszinierende einer derart verpflichtenden Entscheidung
wahrzunehmen. Unter seinem Wirken erleben sie gewissermaben wieder die Erfahrung
des Propheten Jeremia: »Du hast mich betört, o Herr, und ich lieb mich betören«
(20,7). Der Geist ist es, der das Verlangen nach einer vollkommenen Antwort
weckt; er leitet das Wachstum dieses Verlangens, indem er die positive Antwort
heranreifen läbt und dann ihre getreue Ausführung unterstützt; er formt und
bildet die Seele der Berufenen, indem er sie nach dem keuschen, armen und
gehorsamen Christus gestaltet und sie anspornt, sich seine Sendung zu eigen zu
machen. Während sie sich auf einem Weg unablässiger Läuterung vom Geist leiten
lassen, werden sie immer mehr zu Personen, die mit Christus gleichförmig sind,
zur Verlängerung einer besonderen Gegenwart des auferstandenen Herrn in die
Geschichte hinein.Mit treffender Intuition haben die Kirchenväter diesen
geistlichen Weg als filocalia bezeichnet, das heibt Liebe zur
göttlichen Schönheit, die Ausstrahlung der göttlichen Güte ist. Wer von der
Macht des Heiligen Geistes stufenweise zur vollkommenen Gleichgestaltung mit
Christus geführt wird, spiegelt in sich einen Strahl des unerreichbaren Lichtes
wider und geht auf seinem irdischen Pilgerweg bis zur unerschöpflichen Quelle
des Lichtes. So wird das geweihte Leben zu einem besonders tiefen Ausdruck für
die Kirche als Braut, die, vom Geist geführt, in sich die Wesenszüge des
Bräutigams wiederzugeben, »herrlich, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler,
heilig und makellos« vor ihm erscheint (Eph
5,27).Weit davon entfernt, diejenigen, die der Vater berufen hat, der
Menschheitsgeschichte vorzuenthalten, stellt sie derselbe Geist sodann, je nach
den Bestimmungen ihres Lebensstandes, in den Dienst der Brüder und Schwestern
und leitet sie an, in Bezug auf die Bedürfnisse von Kirche und Welt durch die
den verschiedenen Instituten eigenen Charismen besondere Aufgaben zu erfüllen.
Daraus erklärt sich das Entstehen so vielfältiger Formen geweihten Lebens, durch
die die Kirche »mit den mannigfachen Gnadengaben ihrer Kinder wie eine Braut für
ihren Mann geschmückt dasteht (vgl. Offb 21,2)«und durch jedes Mittel
bereichert wird, um ihre Sendung in der Welt zu erfüllen.
Die evangelischen Räte, Geschenk der Dreifaltigkeit
20. Die evangelischen Räte sind also vor allem eine
Gnadengabe der Heiligsten Dreifaltigkeit. Das geweihte Leben ist Ankündigung
dessen, was der Vater durch den Sohn im Geist aus seiner Liebe, seiner Güte und
seiner Schönheit vollbringt. Denn »der Ordensstand [...] macht die Erhabenheit
des Gottesreiches gegenüber allem Irdischen und seine höchsten Ansprüche in
besonderer Weise offenkundig. Er zeigt auch allen Menschen die überragende Gröbe
der Herrscherkraft Christi und die wunderbare, unbegrenzte Macht des Heiligen
Geistes in der Kirche auf«.orrangige Aufgabe des geweihten Lebens ist das
Sichtbarmachen der Wunder, die Gott in der schwachen Menschlichkeit derer
wirkt, die er berufen hat. Mehr als mit Worten bezeugen sie diese Wunder mit der
beredten Sprache einer verklärten Existenz, die in der Lage ist, die Welt zu
überraschen. Zum Staunen der Menschen antworten sie mit der Ankündigung der
Wunder der Gnade, die der Herr in denen wirkt, die er liebt. In dem Mabe, in dem
sich der geweihte Mensch vom Geist zu den Höhen der Vollkommenheit führen läbt,
kann er ausrufen: »Ich sehe die Schönheit deiner Gnade und versenke mich in ihr
Licht; ich betrachte voll Staunen diesen unsagbaren Glanz; ich bin auber mir,
während ich doch über mich selber nachdenke: was ich war und was ich geworden
bin. O Wunder! Ich bin aufmerksam, erfüllt von heiligem Respekt vor mir selbst,
von Ehrfurcht, von Angst, als stünde ich vor dir, und weib nicht, was ich tun
soll, denn mich hat die Angst ergriffen; ich weib nicht, wo ich mich
niederlassen, wohin ich mich wenden soll, wohin diese Glieder legen, die deine
sind; für welche Taten, für welche Werke sie verwenden, diese überraschenden
göttlichen Wunder«.So wird das geweihte Leben zu einer der konkreten Spuren, die
die Dreifaltigkeit in der Geschichte hinterläbt, damit die Menschen das
Faszinierende der göttlichen Schönheit und die Sehnsucht nach ihr wahrnehmen
können.
Der Abglanz des trinitarischen Lebens in den Räten
21. Der Bezug der evangelischen Räte auf die Heilige und
heiligende Dreifaltigkeit offenbart ihren tiefsten Sinn. Sie sind nämlich
Ausdruck der Liebe, die der Sohn dem Vater in der Einheit des Heiligen Geistes
entgegenbringt. Durch ihr Befolgen erlebt derjenige, der sich Gott geweiht hat,
besonders intensiv den trinitarischen und christologischen Charakter, der das
ganze christliche Leben kennzeichnet.Die Keuschheit
der unverheirateten Männer und der Jungfrauen als Bekundung der ungeteilten
Hingabe an Gott (vgl. 1 Kor 7,32-34) stellt einen Abglanz der
grenzenlosen Liebe dar, die die drei göttlichen Personen in der
geheimnisvollen Tiefe des trinitarischen Lebens verbindet; der Liebe, die von
dem fleischgewordenen Wort bis zur Hingabe seines Lebens bezeugt wird; der
Liebe, die vom Heiligen Geist »in unsere Herzen ausgegossen« wurde (Röm
5,5), die zu einer Antwort totaler Liebe zu Gott und zu den Brüdern und
Schwestern anspornt.Die
Armut bekennt, dab Gott der einzige wahre Reichtum des Menschen ist. Nach
dem Beispiel Christi gelebt, der, obwohl er »reich war, arm wurde« (2 Kor
8,9), wird die Armut Ausdruck jener Ganzhingabe, zu der sich die drei
göttlichen Personen gegenseitig machen. Es ist die Hingabe, die in die Schöpfung
überströmt und sich voll in der Menschwerdung des Wortes und in seinem
erlösenden Tod offenbart.Der Gehorsam, der in der Nachahmung Christi
geübt wird, dessen Speise es war, den Willen des Vaters zu tun (vgl. Joh
4,34), stellt die befreiende Schönheit einer von Verantwortungsgefühl erfüllten
und von gegenseitigem Vertrauen beseelten kindlichen und nicht sklavischen
Abhängigkeit dar, die Abglanz der liebevollen Gegenseitigkeit der
drei göttlichen Personen in der Geschichte ist.Das geweihte Leben ist daher
berufen, die Gabe der evangelischen Räte mit einer immer aufrichtigeren und
stärkeren Liebe in
trinitarischer Dimension beständig zu vertiefen: Liebe zu Christus,
der in seinem Vertrauen ruft; zum Heiligen Geist, der die Seele bereit
macht für die Aufnahme seiner Eingebungen; zum Vater, Ursprung und
höchstes Ziel des geweihten Lebens.So wird es zum Bekenntnis und Zeichen der
Dreifaltigkeit, deren Geheimnis der Kirche als Vorbild und Quelle jeder
christlichen Lebensform hingestellt wird.Gerade das geschwisterliche Leben,
kraft dessen sich die Personen des geweihten Lebens bemühen, in Christus zu
leben und »ein Herz und eine Seele« zu sein (Apg
4,32), stellt sich als beredtes Bekenntnis zur Dreifaltigkeit dar. Es bekennt
den Vater, der aus allen Menschen eine einzige Familie machen will; es
bekennt den menschgewordenen Sohn, der die Erlösten in der Einheit
versammelt und ihnen mit seinem Beispiel, mit seinem Gebet, mit seinen Worten
und vor allem mit seinem Tod, der Quelle der Versöhnung für die entzweiten und
zerstreuten Menschen, den Weg zeigt; es bekennt den Heiligen Geist als
Prinzip der Einheit in der Kirche, wo er nicht aufhört, geistliche Familien und
brüderliche Gemeinschaften ins Leben zu rufen.
Für das Reich Gottes geweiht wie Christus
22. Das geweihte Leben ahmt auf Anregung des Heiligen Geistes
die Lebensform »ausdrücklicher nach und bringt sie in der Kirche ständig zur
Darstellung«,die Jesus, der höchste Geweihte und Gesandte des Vaters für sein
Reich, annahm und für die Jünger, die ihm folgten, bestimmt hat (vgl. Mt
4,18-22; Mk 1,16-20; Lk 5,10-11; Joh
15,16). Im Lichte der Weihe Jesu kann man in der Initiative des Vaters, der
Quelle aller Heiligkeit, die ursprüngliche Quelle des geweihten Lebens
entdecken. Denn Jesus selbst ist derjenige, den »Gott gesalbt hat mit dem
Heiligen Geist und mit Kraft« (Apg 10,38), »den der Vater geheiligt und
in die Welt gesandt hat« (Joh 10,36). Der Sohn, der die Weihe durch den
Vater empfängt, weiht sich ihm seinerseits für die Menschen (vgl.
Joh 17,19): sein Leben in Keuschheit, Gehorsam und Armut ist Ausdruck
seiner kindlichen und vollständigen Zustimmung zum Plan des Vaters (vgl.
Joh 10,30; 14,11). Seine vollkommene Hingabe verleiht allen Begebenheiten
seines irdischen Daseins eine Bedeutung von heiligender Weihe.Er ist der
Gehorsame schlechthin , der vom Himmel herabgekommen ist, nicht um seinen
Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der ihn gesandt hat (vgl. Joh
6,38; Hebr 10,5.7). Er legt seine Lebens- und Handlungsweise zurück in
die Hände des Vaters (vgl. Lk 2,49). In kindlichem Gehorsam nimmt er den
Stand eines Sklaven an: »Er entäuberte sich und wurde wie ein Sklave [...], und
war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz« (Phil
2,7-8). In dieser Gehorsamshaltung gegenüber dem Vater nimmt Christus, obwohl er
die Würde und Heiligkeit des ehelichen Lebens anerkennt und verteidigt, die
jungfräuliche Lebensform an und enthüllt auf diese Weise den hohen Wert und
die geheimnisvolle geistliche Fruchtbarkeit der Jungfräulichkeit
. Seine volle Zustimmung zum Plan des Vaters offenbart sich auch in der
Loslösung von den irdischen Gütern: »Er, der reich war, wurde euretwegen arm, um
euch durch seine Armut reich zu machen« (2 Kor 8,9). Die
Tiefgründigkeit seiner Armut erweist sich in der vollkommenen Aufopferung
alles dessen an Gott, was sein ist.Das geweihte Leben stellt wahrhaftig
lebendige Erinnerung an die Lebens- und Handlungsweise Jesu als
fleischgewordenes Wort gegenüber dem Vater und gegenüber den Brüdern und
Schwestern dar. Es ist lebendige Überlieferung des Lebens und der Botschaft des
Erlösers.
II. ZWISCHEN OSTERN UND VOLLENDUNG
Vom Tabor auf den Kalvarienberg
23. Das strahlende Ereignis der Verklärung bereitet jenes
dramatische, doch nicht weniger glorreiche Geschehen auf dem Kalvarienberg vor.
Petrus, Jakobus und Johannes sehen den Herrn Jesus zusammen mit Mose und Elija,
mit denen er — nach dem Evangelisten Lukas — »von seinem Ende (spricht), das
sich in Jerusalem erfüllen sollte« (9,31). Die Augen der Jünger sind also auf
Jesus gerichtet, der an das Kreuz denkt (vgl. Lk
9,43-45). Dort wird seine jungfräuliche Liebe zum Vater und zu allen Menschen
ihren höchsten Ausdruck erreichen; seine Armut wird zur völligen Entäuberung
gelangen; sein Gehorsam bis zur Hingabe des Lebens.Die Jünger sind eingeladen,
den am Kreuz erhöhten Jesus zu betrachten, an dem Kreuz, von dem her »das Wort,
das aus dem Schweigen hervorgegangen war«,in seinem Schweigen und seiner
Einsamkeit prophetisch die absolute Transzendenz Gottes über alle geschaffenen
Güter bestätigt, in seinem Fleisch unsere Sünde besiegt, jeden Mann und jede
Frau an sich zieht und jedem das neue Leben der Auferstehung schenkt (vgl.
Joh 12,32; 19,34.37). In der Betrachtung des gekreuzigten Christus finden
alle Berufungen Erleuchtung; von ihr nehmen alle Gnadengaben und insbesondere
die Gabe des geweihten Lebens mit der grundlegenden Gabe des Geistes ihren
Ausgang.Nach Maria, der Mutter Jesu, empfängt Johannes diese Gnadengabe, der
Jünger, den Jesus liebte, der Zeuge, der zusammen mit Maria unter dem Kreuz
stand (vgl. Joh 19,26-27). Seine Entscheidung zur Ganzhingabe ist Frucht
der göttlichen Liebe, die ihn umhüllt, ihn trägt und sein Herz erfüllt. Johannes
gehört neben Maria zu den ersten in der langen Reihe von Männern und Frauen, die
von den Anfängen der Kirche bis zu ihrem Ende von der Liebe Gottes erfabt werden
und sich gerufen fühlen, dem Lamm, das geopfert wurde und lebt, zu folgen, wohin
es geht (vgl. Offb
14,1-5).
Österliche Dimension des geweihten Lebens
24. Der Mensch, der sich Gott geweiht hat, macht in den
verschiedenen Lebensformen, die vom Heiligen Geist im Laufe der Geschichte
eingegeben wurden, die Erfahrung der Wahrheit über den Gott der Liebe um so
unmittelbarer und intensiver, je mehr er sich unter das Kreuz Christi stellt.
Er, der in seinem Tod den menschlichen Augen so entstellt und unschön erscheint,
dab die Anwesenden vor ihm das Gesicht verhüllen (vgl. Jes
53,2-3), offenbart gerade am Kreuz die Schönheit und die Macht der Liebe Gottes
in Fülle. Der hl. Augustinus besingt ihn so: »Schön ist Gott, das Wort bei Gott
[...] Schön im Himmel, schön auf Erden; schön im Schob, schön in den Armen der
Eltern; schön in den Wundern, schön in den Todesqualen; schön, wenn er zum Leben
einlädt, schön, wenn man sich nicht um den Tod kümmert, schön im Verlassen des
Lebens und schön, wenn er dieses Leben wieder nimmt; schön am Kreuz, schön im
Grab, schön im Himmel. Hört den Gesang mit Klugheit und die Schwachheit des
Fleisches möge eure Augen nicht vom Glanz seiner Schönheit ablenken«.iesen Glanz
der Liebe spiegelt das geweihte Leben wider, weil es mit seiner Treue zum
Kreuzesgeheimnis bekennt, an die Liebe des Vaters, des Sohnes und des Heiligen
Geistes zu glauben und aus ihr zu leben. Auf diese Weise trägt es dazu bei, in
der Kirche das Bewubtsein lebendig zu erhalten, dab das Kreuz der Überflub
der Liebe Gottes ist, die auf diese Welt überströmt , das grobartige Zeichen
der Heilsgegenwart Christi. Und dies besonders bei Schwierigkeiten und
Heimsuchungen. Das alles wird mit zutiefst bewunderswertem Mut von einer groben
Anzahl geweihter Personen fortwährend bezeugt, die oft in schwierigen
Situationen, bis hin zu Verfolgung und Martyrium ausharren. Ihre Treue zur
einzigen Liebe zeigt und stärkt sich in der Demut eines verborgenen Lebens, in
der Annahme von Leiden, um in ihrem Leben, im schweigenden Opfer, in der Hingabe
an den heiligen Willen Gottes, in Treue auch angesichts des Schwindens der
Kräfte und des eigenen Ansehens »das zu ergänzen, was an den Leiden Christi noch
fehlt« (Kol 1,24). Aus der Treue zu Gott erwächst auch die Hingabe an den
Nächsten, die die Personen des geweihten Lebens in der ständigen Fürbitte für
die Nöte der Brüder und Schwestern, im hochherzigen Dienst an den Armen und
Kranken, im Teilen und Mittragen der Schwierigkeiten anderer, in der eifrigen
Teilnahme an den Sorgen und Heimsuchungen der Kirche nicht ohne Opfer leben.
Zeugen Christi in der Welt
25. Aus dem Ostergeheimnis entspringt auch der
missionarische Charakter, eine das gesamte kirchliche Leben kennzeichnende
Dimension. Sie findet eine besondere Verwirklichung im geweihten Leben. Denn
auch unabhängig von den Charismen jener Institute, die sich der Mission ad
gentes widmen oder apostolische Aktivitäten im eigentlichen Sinne des Wortes
ausüben, kann man sagen, dab der missionarische oder Sendungscharakter jeder
Form des geweihten Lebens zutiefst innewohnt. In dem Mabe, in dem der
Geweihte ein Leben lebt, das ausschlieblich dem Vater gewidmet (vgl. Lk
2,49; Joh 4,34), von Christus ergriffen (vgl. Joh
15,16; Gal 1,15-16), und vom Geist beseelt ist (vgl. Lk 24,49;
Apg 1,8; 2,4), arbeitet er wirksam mit an der Sendung des Herrn Jesus
(vgl. Joh 20,21) und trägt in besonders intensiver Weise zur Erneuerung
der Welt bei.Die erste missionarische Aufgabe haben die Personen des geweihten
Lebens gegenüber sich selbst und sie erfüllen sie dadurch, dab sie ihr Herz dem
Wirken des Geistes Christi öffnen. Ihr Zeugnis hilft der ganzen Kirche, sich
daran zu erinnern, dab an erster Stelle der unentgeltliche Dienst an Gott steht,
der durch Christi Gnade ermöglicht wird, die dem Gläubigen durch das Geschenk
des Geistes mitgeteilt wird. So wird der Welt der Friede verkündet, der vom
Vater herkommt, die Hingabe, die vom Sohn bezeugt wird, und die Freude, die
Frucht des Heiligen Geistes ist.Die Personen des geweihten Lebens werden vor
allem dann missionarisch sein, wenn sie unablässig das Bewubtsein vertiefen, von
Gott berufen und erwählt worden zu sein, dem sie daher ihr ganzes Leben zuwenden
und alles, was sie sind und haben, darbringen und sich von den Hindernissen
befreien müssen, die die Vollkommenheit der aus der Liebe kommenden Antwort
verzögern könnten. Auf diese Weise werden sie zu einem echten Zeichen Christi
in der Welt
werden können. Auch ihr Lebensstil mub das Ideal, zu dem sie sich bekennen,
sichtbar werden lassen und sich als lebendiges Zeichen Gottes und als beredte,
wenn auch oft schweigende Verkündigung des Evangeliums darstellen. Immer, aber
besonders in der heutigen, oft so säkularisierten Kultur, die aber trotzdem für
die Sprache der Zeichen empfänglich ist, mub sich die Kirche bemühen, ihre
Anwesenheit im Alltagsleben sichtbar zu machen. Einen bedeutsamen Beitrag in
diesem Sinne erwartet sie sich zu Recht von den Personen des geweihten Lebens,
die berufen sind, in jeder Situation konkret von ihrer Zugehörigkeit zu Christus
Zeugnis abzulegen. Da das Ordensgewand Zeichen der Weihe, der Armut und der
Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ordensfamilie ist, empfehle ich zusammen mit
den Synodenvätern den Ordensleuten nachdrücklich, ihr den Umständen von Zeit und
Ort entsprechend angepabtes Gewand zu tragen.Wo entsprechende apostolische
Erfordernisse es verlangen, können sie der Tradition und den Normen ihres
Instituts gemäb auch gewöhnliche, aber geziemende Kleidung tragen mit einem
geeigneten Symbol, das ihre Weihe erkennbar macht.Die Institute, die
ursprünglich bzw. durch Verfügung ihrer Konstitutionen kein eigenes Gewand
vorsehen, sollen dafür sorgen, dab die Kleidung der Brüder und Schwestern durch
Würde und Schlichtheit der Natur ihrer Berufung entspreche.
Eschatologische Dimension des geweihten Lebens
26. Da sich heute die apostolischen Sorgen als immer dringender
erweisen und das Engagement für die Dinge dieser Welt die Menschen immer mehr in
Anspruch zu nehmen droht, ist es besonders geboten, die Aufmerksamkeit auf die
eschatologische Natur des geweihten Lebens zu lenken.»Denn wo dein Schatz
ist, da ist auch dein Herz« (Mt 6,21): der einzige Schatz des
Gottesreiches ruft das Verlangen, die Erwartung, den Einsatz und das Zeugnis
hervor. In der Urkirche wurde die Erwartung der Wiederkunft des Herrn besonders
intensiv gelebt. Die Kirche hat jedoch während all der Jahrhunderte nicht
aufgehört, diese Hoffnungshaltung zu pflegen: sie hat immer wieder die Gläubigen
eingeladen, nach dem Heil Ausschau zu halten, das schon bald offenbar werden
wird, »denn die Gestalt dieser Welt vergeht« (1 Kor 7,31; vgl. 1 Petr
1,3-6).or diesem Hintergrund ist
die Rolle des endzeitlichen Zeichens gerade des geweihten Lebens besser
zu verstehen. Denn unveränderlich ist die Lehre, die sie als Vorwegnahme des
zukünftigen Reiches darstellt. Das II. Vatikanische Konzil greift diese Lehre
wieder auf, wenn es sagt, »der Ordensstand [...] kündigt die zukünftige
Auferstehung und die Herrlichkeit des Himmelreiches an«.Das geschieht vor allem
durch die Entscheidung für die Jungfräulichkeit, die von der
Überlieferung immer als eine Vorwegnahme der endgültigen Welt verstanden
wurde, die schon jetzt am Werk ist und den Menschen in seiner Ganzheit
verwandelt.Die Menschen, die ihr Leben Christus geweiht haben, müssen in der
Sehnsucht leben, ihm zu begegnen, um endlich und für immer bei ihm zu sein.
Daher die brennende Erwartung, daher das Verlangen, »einzutauchen in das Feuer
der Liebe, das in ihnen brennt und das nichts anderes ist als der Heilige
Geist«,Erwartung und Sehnsucht, gestärkt von den Gaben, die der Herr freigiebig
denen gewährt, die nach dem streben, was im Himmel ist (vgl. Kol 3,1).Die
Person des geweihten Lebens, die in den Dingen des Herrn feststeht, erinnert
sich, dab »wir hier keine Stadt haben, die bestehenbleibt« (Hebr 13,14),
denn »unsere Heimat ist im Himmel« (Phil 3,20). Es kommt allein darauf
an, nach dem »Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit« zu suchen (Mt 6,33)
mit der unaufhörlichen Bitte um das Kommen des Herrn.
Eine tätige Erwartung: Einsatz und Wachsamkeit
27. «Komm, Herr Jesus!« (Offb 22,20). Diese Erwartung
ist alles andere als untätig: auch wenn sie sich dem künftigen Reich
zuwendet, setzt sie sich in Arbeit und Mission um, damit durch das Erwecken des
Geistes der Seligpreisungen, der auch in der menschlichen Gesellschaft wirksame
Forderungen nach Gerechtigkeit, Frieden, Solidarität und Vergebung zu stellen
vermag, das Reich schon jetzt gegenwärtig werde.Das wird von der Geschichte des
geweihten Lebens, das immer reiche Früchte auch für die Welt hervorgebracht hat,
ausführlich bewiesen. Mit ihren Gnadengaben werden die Personen des geweihten
Lebens zu einem Zeichen des Geistes für eine neue, vom Glauben und von der
christlichen Hoffnung erleuchtete Zukunft hin. Die Endzeitstimmung setzt sich
in Sendung um, damit das Reich hier und jetzt in steigendem Mabe
Wirklichkeit werde. An die Bitte: »Komm, Herr Jesus!« schliebt sich die andere
inständige Bitte an: »Dein Reich komme!« (Mt 6,10).Wer wachsam die
Erfüllung der Verheibungen Christi erwartet, ist imstande, auch bei seinen im
Hinblick auf die Zukunft oft mibtrauischen und pessimistischen Brüdern und
Schwestern Hoffnung zu wecken. Seine Hoffnung gründet sich auf die Verheibung
Gottes, die im Wort der Offenbarung enthalten ist: die Geschichte der Menschen
geht auf den »neuen Himmel und die neue Erde« zu (Offb 21,1), wo der Herr
»alle Tränen von ihren Augen abwischen wird: Der Tod wird nicht mehr sein, keine
Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen« (Offb
21,4).Das geweihte Leben steht im Dienst dieser endgültigen Ausstrahlung der
göttlichen Herrlichkeit, wenn alle Menschen das Heil sehen werden, das von Gott
kommt (vgl. Lk 3,6; Jes 40,5). Der christliche Orient stellt diese
Dimension heraus, wenn er die Mönche als Engel Gottes auf Erden
betrachtet, die die Erneuerung der Welt in Christus verkünden. Im Abendland ist
das Mönchtum feierliches Gedenken und Vigil: Gedenken
der von Gott vollbrachten Wunder, Vigil der letzten Erfüllung der
Hoffnung. Die Botschaft des Mönchtums und des kontemplativen Lebens wiederholt
unablässig, dab der Vorrang Gottes für die menschliche Existenz Fülle von
Bedeutung und Freude ist, weil der Mensch für Gott geschaffen und unruhig ist,
bis er in ihm Frieden findet.
Die Jungfrau Maria, Modell der Weihe und Nachfolge
28. Von ihrer unbefleckten Empfängnis an spiegelt Maria am
vollkommensten die göttliche Schönheit wider. »Ganz und gar Schöne« ist der
Titel, mit dem die Kirche sie anruft. »Die Beziehung zur seligsten Jungfrau
Maria, die jeder Gläubige wegen seiner Verbundenheit mit Christus hat, ist im
Leben der Ordensleute besonders ausgeprägt... Alle [Institute des geweihten
Lebens] sind davon überzeugt, dab die Gegenwart Mariens eine grundlegende
Bedeutung hat sowohl für das geistliche Leben jeder geweihten Person als auch
für die Beständigkeit, die Einheit und den Fortschritt der ganzen
Gemeinschaft«.aria ist in der Tat das höchste Vorbild vollkommener Weihe
in der vollen Zugehörigkeit und Ganzhingabe an Gott. Vom Herrn erwählt, der in
ihr das Geheimnis der Menschwerdung vollzogen hat, erinnert sie die Personen des
geweihten Lebens an den Vorrang der Initiative Gottes . Gleichzeitig
stellt sich Maria, die dem göttlichen Wort, das in ihr Fleisch geworden ist,
ihre Zustimmung gegeben hat, als Modell des Gnadenempfanges seitens der
menschlichen Kreatur dar.Die Jungfrau, die während des verborgenen Lebens in
Nazaret zusammen mit Josef Christus nahe und in den entscheidenden Augenblicken
seines öffentlichen Lebens neben dem Sohn zugegen war, ist Lehrmeisterin
bedingungsloser Nachfolge und beständigen Dienstes. In ihr, dem »Heiligtum des
Heiligen Geistes«,erstrahlt so der ganze Glanz der neuen Schöpfung. Das geweihte
Leben blickt auf sie als höchstes Modell der Weihe an den Vater, der Einheit mit
dem Sohn und der Fügsamkeit gegenüber dem Heiligen Geist in dem Bewubtsein, dab
das Befolgen »der jungfräulichen und armen Lebensweise«Christi bedeutet, sich
auch die Lebensweise Mariens zu eigen zu machen.In der Jungfrau begegnet die
geweihte Person auberdem einer Mutter mit ganz besonderem Anrecht. Denn
auch wenn die am Kalvarienberg Maria übertragene neue Mutterschaft ein Geschenk
an alle Christen ist, hat sie für denjenigen, der sein Leben vollständig
Christus geweiht hat, eine besondere Bedeutung. »Siehe, deine Mutter« (Joh
19,27): Jesu Worte an den Jünger, »den er liebte« (Joh
19,26), gewinnen im Leben der geweihten Person eine besondere Tiefe. Denn sie
ist mit Johannes aufgerufen, Maria zu sich zu nehmen (vgl. Joh 19,27),
wobei sie diese mit der Radikalität seiner Berufung liebt und nachahmt und, als
Erwiderung, eine besondere mütterliche Zärtlichkeit erfährt. Die Jungfrau
vermittelt ihr jene Liebe, die sie jeden Tag das Leben für Christus darbringen
läbt, indem er mit ihr für die Rettung der Welt wirkt. Darum stellt die
kindliche Beziehung zu Maria den bevorzugten Weg für die Treue zu der
empfangenen Berufung und eine äuberst wirksame Hilfe dar, um in dieser Berufung
voranzukommen und sie in Fülle zu leben.
III. IN DER KIRCHE UND FÜR DIE KIRCHE
»Es ist gut, dab wir hier sind«: das geweihte Leben im
Geheimnis der Kirche
29. Beim Anblick der Verklärung spricht Petrus im Namen der
anderen Apostel: »Es ist gut, dab wir hier sind« (Mt 17,4). Die Erfahrung
der Herrlichkeit Christi, die ihm sogar den Verstand und das Herz berauscht,
isoliert ihn nicht, sondern bindet ihn im Gegenteil noch enger an das »wir« der
Jünger.Diese Dimension des »wir« läbt uns den Stellenwert betrachten, den das
geweihte Leben im Geheimnis der Kirche
innehat. Die theologische Reflexion über das Wesen des geweihten Lebens hat in
diesen Jahren die aus der Lehre des II. Vatikanischen Konzils hervorgegangenen
neuen Sichtweisen vertieft. So hat man in ihrem Licht erkannt, dab das
Bekenntnis zu den evangelischen Räten unerschütterlich zum Leben und zur
Heiligkeit der Kirche gehört.Das bedeutet, dab das von Anfang an vorhandene
geweihte Leben in der Kirche als ein für sie unverzichtbares und kennzeichnendes
Element nie wird fehlen können, weil es Ausdruck ihres eigentlichen Wesens
ist.Dies geht klar daraus hervor, dab das Bekenntnis zu den evangelischen Räten
zutiefst mit dem Geheimnis Christi verbunden ist, da es die Aufgabe hat, so gut
wie möglich die Lebensform darzustellen, die er für sich wählte, und sie als
absoluten und eschatologischen Wert aufzuzeigen. Jesus selbst hat durch die
Berufung einiger Personen, die er aufforderte, alles zu verlassen und ihm zu
folgen, diese Lebensform eingeführt, die sich unter der Wirkung des Geistes im
Laufe der Jahrhunderte allmählich in den verschiedenen Formen des geweihten
Lebens entfalten wird. Die Vorstellung von einer Kirche, die einzig aus
geweihten Amtsinhabern und aus Laien zusammengesetzt ist, entspricht deswegen
nicht den Absichten ihres göttlichen Gründers, wie sie uns aus den Evangelien
und den neutestamentlichen Schriften ersichtlich sind.
Die neue und besondere Weihe
30. In der Tradition der Kirche wird die Ordensprofeb als
eine einzigartige und fruchtbare Vertiefung der Taufweihe betrachtet, da
sich durch sie die bereits mit der Taufe eingeleitete innige Verbindung mit
Christus in dem Geschenk einer durch das Bekenntnis zu den evangelischen Räten
vollkommener zum Ausdruck gebrachten und verwirklichten Anpassung an ihn
entfaltet.iese weitere Weihe weist dennoch ihre Eigenart im Vergleich zur ersten
auf, insofern sie nicht eine notwendige Folge daraus ist.Tatsächlich ist jeder,
der in Christus zu neuem Leben erweckt wurde, berufen, mit der aus der Gabe des
Geistes stammenden Kraft seinem Lebensstand gemäb die Keuschheit, den Gehorsam
gegenüber Gott und der Kirche und eine vernünftige Loslösung von den materiellen
Gütern zu leben, weil alle zur Heiligkeit berufen sind, die in der
Vollkommenheit der Liebe besteht.Aber die Taufe ist an und für sich nicht mit
der Berufung zum Zölibat oder zur Jungfräulichkeit, mit dem Verzicht auf Besitz
von Gütern und mit dem Gehorsam gegenüber einem Oberen in der eigentlichen Form
der evangelischen Räte verbunden. Deshalb setzt das Bekenntnis zu diesen
evangelischen Räten ein besonderes, nicht allen gewährtes Geschenk Gottes
voraus, wie Jesus selber für den Fall des freiwilligen Zölibats hervorhebt (vgl.
Mt 19,10-12).Dieser Berufung entspricht allerdings eine spezifische Gabe
des Heiligen Geistes , damit derjenige, der sich Gott weiht, seiner Berufung
und seiner Sendung zu entsprechen vermag. Wie die Liturgie im Orient und im
Abendland bezeugt, ruft deshalb die Kirche beim Ritus der Ablegung des
Ordensgelübdes und bei der Jungfrauenweihe auf die erwählten Personen die Gabe
des Heiligen Geistes herab und verbindet ihre Selbsthingabe mit dem Opfer
Christi.as Bekenntnis zu den evangelischen Räten ist auch eine Entfaltung der
Gnade des Sakramentes der Firmung, geht aber über die normalen Ansprüche der
Chrisam-Weihe hinaus, kraft einer besonderen Gabe des Geistes, die, wie die
Geschichte des geweihten Lebens beweist, neue Möglichkeiten und Früchte der
Heiligkeit und des Apostolats eröffnet.Was die Priester betrifft, die das
Gelübde der evangelischen Räte ablegen, zeigt die Erfahrung, dab
das Weihesakrament in dieser Weihe zu einer besonderen Fruchtbarkeit gelangt,
da sie die Anforderung einer engeren Zugehörigkeit zum Herrn stellt und
begünstigt. Der Priester, der das Gelübde der evangelischen Räte ablegt, ist
auch dank der je eigenen Spiritualität seines Instituts und der apostolischen
Dimension des zugehörigen Charismas in besonderer Weise dafür ausgestattet, die
Fülle des Geheimnisses Christi in sich neu zu beleben. Im Priester laufen
nämlich die Berufung zum Priestertum und zum geweihten Leben in tiefer,
dynamischer Einheit zusammen.Von unermeblichem Wert ist auch der Beitrag, der
von den Ordenspriestern zum Leben der Kirche geleistet wird, die sich gänzlich
der Kontemplation widmen. In der Eucharistiefeier vollziehen sie insbesondere
eine Handlung der Kirche und für die Kirche, mit der sie ihre Selbsthingabe
verbinden in Gemeinschaft mit Christus, der sich für das Heil der ganzen Welt
dem Vater hingibt.
Die Beziehungen zwischen den verschiedenen Lebensformen
des Christen
31. Die verschiedenen Lebensformen, in die sich nach dem Plan
des Herrn Jesus das kirchliche Leben gliedert, weisen wechselseitige Beziehungen
auf, die einer eingehenderen Betrachtung wert sind.Alle Gläubigen teilen kraft
ihrer Wiedergeburt in Christus eine gemeinsame Würde; alle sind zur Heiligkeit
berufen; alle wirken am Aufbau des einen Leibes Christi mit, ein jeder
entsprechend seiner Berufung und der vom Geist empfangenen Gabe (vgl. Röm
12,3-8).Die gleiche Würde unter allen Gliedern der Kirche ist das Werk des
Geistes, sie ist begründet auf der Taufe und der Firmung und wird gestärkt durch
die Eucharistie. Aber Werk des Geistes ist auch die Vielgestaltigkeit. Er ist
es, der in der Vielfalt von Berufungen, Charismen und Dienstämtern die Kirche in
einer organischen Gemeinschaft begründet.ie Berufungen zum Leben als Laie, zum
geweihten Dienst und zum geweihten Leben können gleichsam als beispielhaft
angesehen werden, da alle einzelnen Berufungen sich unter dem einen oder anderen
Aspekt auf sie berufen oder auf sie zurückführen lassen, ob man sie nun einzeln
oder zusammen empfängt, je nach dem Reichtum der Gabe Gottes. Darüber hinaus
dienen sie einander zum Wachstum des Leibes Christi in der Geschichte und zu
seiner Sendung in der Welt. Alle in der Kirche haben die Tauf-oder Firmweihe
erhalten, aber das geweihte Dienstamt und das geweihte Leben setzen jeweils eine
unterschiedliche Berufung und eine besondere Weiheform im Hinblick auf eine
bestimmte Sendung voraus.Angemessene Grundlage für die Sendung der Laien,
deren Aufgabe es ist, »in der Verwaltung und gottgemäben Regelung der zeitlichen
Dinge das Reich Gottes zu suchen«,ist die allen Gliedern des Gottesvolkes
gemeinsame Taufweihe. Die geweihten Diener
empfangen auber dieser grundlegenden Weihe jene der Ordination, um das
apostolische Dienstamt in der Zeit fortzuführen. Die Personen des geweihten
Lebens, die die evangelischen Räte befolgen, erhalten eine neue und
besondere Weihe, die – auch wenn sie keinen sakramentalen Charakter hat – sie
verpflichtet, sich in Zölibat, in der Armut und im Gehorsam die Lebensform zu
eigen zu machen, die Jesus persönlich gelebt hat und von ihm den Jüngern
empfohlen worden ist. Obwohl diese verschiedenen Stände Bekundungen des
einzigartigen Geheimnisses Christi sind, haben die Laien als besonderes, wenn
auch nicht ausschliebliches Merkmal den Weltcharakter, die geweihten Hirten den
Dienstamtscharakter, die Ordensleute die besondere Gleichförmigkeit mit dem
keuschen, armen und gehorsamen Christus.
Der besondere Wert des geweihten Lebens
32. In dieser harmonischen Gesamtheit von Gaben ist jede der
grundlegenden Lebensformen mit der Aufgabe betraut, in ihrem eigenen Lebensstand
die eine oder andere Dimension des einzigartigen Geheimnisses Christi zum
Ausdruck zu bringen. Wenn das Laienleben einen besonderen Auftrag hat,
der Botschaft des Evangeliums innerhalb der zeitlichen Wirklichkeit Gehör zu
verschaffen, so wird im Bereich der kirchlichen Gemeinschaft
von den Mitgliedern des geweihten Standes ein unersetzlicher Dienst versehen,
in besonderer Weise von den Bischöfen. Diese haben die Aufgabe, das Volk Gottes
zu leiten durch die Lehre des Wortes, die Spendung der Sakramente und die
Ausübung der heiligen Amtsgewalt im Dienste der kirchlichen Gemeinschaft, die
eine organische, hierarchisch geordnete Gemeinschaft ist.as die Bedeutung der
Heiligkeit der Kirche angeht, mub ein objektiver Vorrang dem geweihten Leben
zuerkannt werden, das die Lebensweise Christi selbst widerspiegelt. Eben
deshalb findet sich darin eine besonders reichhaltige Beschreibung der
evangelischen Güter und eine vollkommenere Verwirklichung des Zieles der Kirche,
das die Heiligung der Menschheit ist. Das geweihte Leben kündigt die künftige
Zeit an und nimmt sie gewissermaben vorweg, wenn jenes Himmelreich, das schon
jetzt im Keim und im Geheimnis gegenwärtig ist, zur Vollendung gelangt ist,und
die Kinder der Auferstehung nicht mehr heiraten, sondern sein werden wie die
Engel Gottes (vgl. Mt 22, 30).Tatsächlich ist die Vorzüglichkeit der
vollkommenen Keuschheit um des Himmelreiches willen,die zu Recht als das »Tor«
zum ganzen geweihten Leben gilt,Thema der feststehenden Lehre der Kirche. Sie
zollt allerdings grobe Hochachtung der Berufung zur Ehe, die die Eheleute zu
»Zeugen und Mitarbeitern der fruchtbaren Mutter Kirche« macht »zum Zeichen und
in Teilnahme jener Liebe, in der Christus seine Braut geliebt und sich für sie
hingegeben hat«.nter diesem Gesichtspunkt, der dem ganzen geweihten Leben
gemeinsam ist, bewegen sich untereinander verschiedene, aber sich ergänzende
Wege. Die Personen des geweihten Lebens, die sich gänzlich der Kontemplation
widmen, sind in besonderer Weise Abbild Christi, der auf dem Berg betet.Die
geweihten Personen mit einem aktiven Leben tun ihn kund, »wie er den Scharen das
Reich Gottes verkündigt oder wie er die Kranken und Schwachen heilt und die
Sünder zum Guten bekehrt oder wie er die Kinder segnet und allen Wohltaten
erweist«.Einen besonderen Dienst an der Ankunft des Reiches Gottes versehen die
Personen geweihten Lebens in den Säkularinstituten ; sie vereinen in
einer spezifischen Synthese den Wert der Weihe mit dem Charakter des Säkularen.
Indem sie ihre Weihe in der Welt und von der Welt ausgehend leben,»sind [sie]
bestrebt, wie ein Sauerteig alles mit dem Geist des Evangeliums zu durchdringen
zur Stärkung und zum Wachstum des Leibes Christi«.Sie haben zu diesem Zweck
Anteil am Verkündigungsdienst der Kirche durch das persönliche Zeugnis eines
christlichen Lebens, durch den Einsatz, damit die zeitlichen Dinge nach dem
Willen geordnet seien, durch die Mitarbeit im Dienst an der kirchlichen
Gemeinschaft, entsprechend dem ihrer Lebensausrichtung eigenen Weltcharakter.
Das Evangelium der Seligpreisungen bezeugen
33. Besondere Aufgabe des geweihten Lebens ist es, in den
Getauften das Bewubtsein für die wesentlichen Werte des Evangeliums lebendig zu
erhalten, indem sie »ein deutliches und hervorragendes Zeugnis dafür geben,
dab die Welt nicht ohne den Geist der Seligpreisungen verwandelt und Gott
dargebracht werden kann«.Auf diese Weise läbt das geweihte Leben fortwährend im
Bewubtsein des Gottesvolkes das Bedürfnis aufbrechen, mit der Heiligkeit des
Lebens auf die durch den Heiligen Geist in die Herzen ausgegossene Liebe Gottes
zu antworten (vgl. Röm 5,5), indem sich in der Haltung die sakramentale
Weihe widerspiegelt, die durch Gottes Wirken in der Taufe und in der Firmung
oder in der Weihe erfolgt ist. Es ist in der Tat notwendig, von der in den
Sakramenten vermittelten Heiligkeit zur Heiligkeit des täglichen Lebens
überzugehen. Das geweihte Leben stellt sich mit seiner Existenz in der Kirche in
den Dienst der Heiligung des Lebens jedes Gläubigen, des Laien wie des
Klerikers.Andererseits darf man nicht vergessen, dab die Personen des geweihten
Lebens auch ihrerseits vom eigenen Zeugnis der anderen Berufungen eine Hilfe
erhalten, um die Zugehörigkeit zum Geheimnis Christi und der Kirche in ihren
vielfältigen Dimensionen vollständig zu leben. Auf Grund dieser wechselseitigen
Bereicherung wird die Sendung des geweihten Lebens bedeutsamer und wirksamer:
den anderen Brüdern und Schwestern mit festem Blick auf den zukünftigen Frieden
als Ziel die endgültige Seligkeit bei Gott aufzuzeigen.
Lebendiges Bild der Kirche als Braut
34. Einen besonderen Stellenwert im geweihten Leben hat der
Sinn des Bräutlichen, der auf das Bedürfnis der Kirche hinweist, in
ausschlieblicher Ganzhingabe an ihren Bräutigam zu leben, von dem sie alles Gute
empfängt. In dieser Dimension des Bräutlichen, die dem ganzen geweihten Leben
zueigen ist, ist es vor allem die Frau, die sich in einzigartiger Weise
wiederfindet, so als würde sie den besonderen Charakter ihrer Beziehung zum
Herrn entdecken.Eindrucksvoll ist diesbezüglich die neutestamentliche Stelle,
die Maria mit den Aposteln im Abendmahlssaal in betender Erwartung des Heiligen
Geistes darstellt (vgl. Apg 1,13-14). Da kann man ein lebendiges Bild der
Kirche als Braut sehen, die auf die Zeichen des Bräutigams achtet und bereit
ist, sein Geschenk zu empfangen. Bei Petrus und den anderen Aposteln tritt vor
allem die Dimension der Fruchtbarkeit hervor, die sich im kirchlichen Dienstamt
ausdrückt, das durch die Weitergabe des Wortes, die Feier der Sakramente und die
Seelsorge zum Werkzeug des Geistes für die Zeugung neuer Söhne und Töchter wird.
In Maria ist die Dimension der bräutlichen Aufnahme besonders lebendig, mit der
die Kirche durch ihre ganze jungfräuliche Liebe in sich das göttliche Leben
fruchtbar werden läbt.Das geweihte Leben wurde immer vorwiegend von seiten
Mariens, der jungfräulichen Braut, gesehen. In dieser jungfräulichen Liebe hat
eine besondere Fruchtbarkeit ihren Ursprung, die zum Entstehen und Wachstum des
göttlichen Lebens in den Herzen beiträgt.Auf den Spuren Mariens, der neuen Eva,
bringt die Person des geweihten Lebens ihre geistliche Fruchtbarkeit dadurch zum
Ausdruck, dab sie aufnahmebereit wird für das Wort, um mit ihrer bedingungslosen
Hingabe und ihrem lebendigen Zeugnis am Aufbau der neuen Menschheit mitzuwirken.
So offenbart die Kirche voll ihre Mütterlichkeit sowohl durch die dem Petrus
anvertraute Mitteilung des göttlichen Handelns als auch durch die für Maria
typische verantwortungsvolle Annahme des göttlichen Geschenkes.Das christliche
Volk findet seinerseits im geweihten Dienstamt die Mittel des Heils, im
geweihten Leben den Ansporn zu einer vollkommenen Antwort der Liebe in allen
verschiedenen Formen der Diakonie.
IV. VOM GEIST DER HEILIGKEIT GEFÜHRT
»Verklärte« Existenz: der Ruf zur Heiligkeit
35. «Als die Jünger das hörten, bekamen sie grobe Angst und
warfen sich mit dem Gesicht zu Boden« (Mt 17,6). Im Ereignis der
Verklärung betonen die Synoptiker, wenn auch mit verschiedenen Nuancen, den Sinn
der Angst, die die Jünger ergreift. Der Glanz des verklärten Antlitzes Christi
verhindert nicht, dab sie sich angesichts der göttlichen Majestät, die sie in
ihren Bann schlägt, bestürzt vorkommen. Wann immer der Mensch die Herrlichkeit
Gottes erfährt, berührt er auch mit den Händen sein Kleinsein, und er bekommt
davon ein Gefühl des Schreckens. Diese Angst ist heilbringend. Sie erinnert den
Menschen an die göttliche Vollkommenheit und gleichzeitig drängt sie ihn mit
einem dringenden Aufruf zur »Heiligkeit«.Alle Söhne und Töchter der Kirche, die
vom Vater aufgerufen sind, auf Christus »zu hören«, müssen ein tiefes
Bedürfnis nach Bekehrung und Heiligkeit
verspüren. Wie bei der Synode betont wurde, ruft dieses Bedürfnis aber in erster
Linie das geweihte Leben auf den Plan. Denn die Berufung der Personen des
geweihten Lebens, vor allen anderen Dingen das Reich Gottes zu suchen, ist vor
allem ein Ruf zur völligen Umkehr, in der Selbstaufgabe, um ganz vom Herrn zu
leben, damit Gott alles in allen sei. Die Personen des geweihten Lebens sind
berufen, das verklärte Angesicht Christi zu betrachten und zu bezeugen; sie sind
aber auch zu einem »verklärten« Dasein berufen.Bezeichnend ist in diesem
Zusammenhang, was im Schlubbericht der II. Auberordentlichen Versammlung
der Synode formuliert wurde: »In der ganzen Kirchengeschichte sind heilige
Männer und Frauen stets in den schwierigsten Situationen Quelle und Ursprung der
Erneuerung gewesen. Heute haben wir gröbten Bedarf an Heiligen, die wir
eindringlich von Gott erflehen müssen. Die Institute des geweihten Lebens müssen
sich durch das Bekenntnis zu den evangelischen Räten ihrer besonderen Sendung in
der Kirche von heute bewubt sein, und wir müssen sie in ihrer Sendung
ermutigen«.Dieser Beurteilung stimmten die Väter der IX. Synodenversammlung zu,
die erklärten: »Das geweihte Leben ist während der ganzen Kirchengeschichte eine
lebendige Gegenwart dieses Wirkens des Geistes gewesen. Es war ein bevorzugter
Raum der absoluten Liebe zu Gott und zum Nächsten, ein Zeugnis für den
göttlichen Plan, aus der ganzen Menschheit in der Zivilisation der Liebe die
grobe Familie der Kinder Gottes zu machen«.ie Kirche hat stets im Bekenntnis zu
den evangelischen Räten einen bevorzugten Weg zur Heiligkeit gesehen. Die
Ausdrücke selbst, mit denen sie diese umschreibt — Schule des Dienstes am Herrn,
Schule der Liebe und Heiligkeit, Weg oder Stand der Vollkommenheit —, weisen
sowohl auf die Wirksamkeit und den Reichtum der dieser evangelischen Lebensform
eigenen Wege wie auf das besondere Engagement derer hin, die sie annehmen.Es ist
kein Zufall, dab im Laufe der Jahrhunderte so viele Personen des geweihten
Lebens eindrucksvolle Zeugnisse der Heiligkeit hinterlassen und besonders
grobherzige und schwierige Werke der Evangelisierung und des Dienstes vollbracht
haben.
Treue zum Charisma
36. In der Nachfolge Christi und in der Liebe zu seiner Person
gibt es einige Punkte bezüglich des Wachstums der Heiligkeit im geweihten Leben,
die heute besonders hervorgehoben zu werden verdienen.Vor allem wird die
Treue zum Gründungscharisma und dem sich daraus ergebenden geistlichen Erbe
jedes Instituts verlangt. Gerade in dieser Treue zur Inspiration der Gründer und
Gründerinnen, einer Gabe des Heiligen Geistes, lassen sich die wesentlichen
Elemente des geweihten Lebens leichter wiederentdecken und intensiver
wiederbeleben.Jedes Charisma hat nämlich an seinem Anfang eine dreifache
Orientierung: vor allem ist es auf den Vater ausgerichtet im Verlangen,
kindlich seinen Willen zu suchen durch einen dauernden Bekehrungsprozess, in dem
der Gehorsam die Quelle wahrer Freiheit ist, die Keuschheit die Erwartung eines
von jeder vergänglichen Liebe unbefriedigten Herzens zum Ausdruck bringt, die
Armut jenen Hunger und Durst nach Gerechtigkeit nährt, den zu stillen Gott
verheiben hat (vgl. Mt 5,6). In dieser Sicht wird das Charisma jedes
Instituts die Person des geweihten Lebens anspornen, ganz Gott zu gehören, mit
Gott oder von Gott zu reden, wie vom hl. Dominikus gesagt wird,um zu kosten, wie
gütig der Herr in allen Situationen ist (vgl.
Ps 34 [33],9).Die Charismen des geweihten Lebens schlieben auch eine
Orientierung auf den Sohn hin ein: sie leiten dazu an, mit ihm eine
innige und frohe Lebensgemeinschaft in der Schule seines grobherzigen Dienstes
vor Gott und an den Brüdern und Schwestern zu pflegen. »Der nach und nach
Christus ähnlich gewordene Blick lernt so, sich abzukehren vom Äuberlichen, vom
Sturm der Gefühle, das heibt von allem, was den Menschen daran hindert, sich
leicht und bereitwillig vom Geist ergreifen zu lassen«,und erklärt sich so
bereit, mit Christus in die Mission zu gehen, indem er mit ihm bei der
Ausbreitung seines Reiches arbeitet und leidet.Schlieblich wohnt jedem Charisma
eine Orientierung nach dem Heiligen Geist inne, denn es veranlabt den
Betreffenden, sowohl auf seinem persönlichen geistlichen Weg wie im Leben der
Gemeinschaft und bei der apostolischen Tätigkeit sich von ihm leiten und
bestärken zu lassen, um in jener Haltung des Dienens zu leben, die jede
Entscheidung eines glaubwürdigen Christen inspirieren mub.Tatsächlich tritt bei
jedem Gründungscharisma immer diese dreifache Beziehung zutage, wenn auch mit
den je spezifischen Zügen der verschiedenen Lebensmodelle, auf Grund der
Tatsache, dab in ihm »eine tiefe, brennende Sehnsucht des Herzens« herrscht,
»Christus gleichförmig zu werden, um einen gewissen Aspekt seines Geheimnisses
zu bezeugen«;gemeint ist der spezifische Aspekt, gemäb den Regeln,
Konstitutionen und Statuten in die echte Tradition des Instituts hineinzuwachsen
und sich darin zu entfalten.
Schöpferische Treue
37. Die Institute werden daher eingeladen, als Antwort auf die
in der heutigen Welt auftretenden Zeichen der Zeit mutig den Unternehmungsgeist,
die Erfindungsgabe und die Heiligkeit der Gründer und Gründerinnen wieder
hervorzuheben.Diese Einladung ist vor allem ein Aufruf zur Beharrlichkeit auf
dem Weg der Heiligkeit durch die materiellen und geistlichen Schwierigkeiten
hindurch, von denen das Alltagsgeschehen gezeichnet ist. Sie ist aber auch ein
Aufruf, die Zuständigkeit wieder in der eigenen Arbeit zu suchen und eine
dynamische Treue zur eigenen Sendung zu pflegen, indem die Institute in voller
Fügsamkeit gegenüber der göttlichen Eingebung und der kirchlichen Erkenntnis die
Formen, falls nötig, an die neuen Situationen und verschiedenen Bedürfnisse
anpassen. Es mub freilich die Überzeugung lebendig bleiben, dab auf der Suche
nach immer vollkommenerer Gleichförmigkeit mit dem Herrn die Gewähr für jede
Erneuerung gegeben ist, die der ursprünglichen Inspiration treu bleiben will.n
diesem Geist wird heute für jedes Institut eine erneuerte Bezugnahme auf die
Regel zur dringenden Notwendigkeit, da in ihr und in den Konstitutionen ein
Weg der Nachfolge enthalten ist, der von einem eigenen, von der Kirche
beglaubigten Charisma gekennzeichnet ist. Eine stärkere Beachtung der Regel wird
es nicht versäumen, den Personen des geweihten Lebens ein sicheres Kriterium
anzubieten auf der Suche nach geeigneten Formen eines Zeugnisses, das auf die
Forderungen der Zeit zu antworten imstande ist, ohne sich von der
Anfangsinspiration zu entfernen.
Gebet und Askese: der geistliche Kampf
38. Der Ruf zur Heiligkeit wird nur in der Stille der
Anbetung vernommen und kann nur vor der unendlichen Transzendenz Gottes
gepflegt werden: »Wir müssen uns eingestehen, dab wir alle dieses von
angebeteter Gegenwart erfüllte Schweigen nötig haben: die Theologie, um die
eigene Seele der Weisheit und des Geistes voll erschlieben zu können; das Gebet,
damit es niemals vergesse: Gott schauen heibt, mit so strahlendem Gesicht vom
Berg hinabzusteigen, dab man es mit einem Schleier verhüllen mub (vgl.
Ex 34,33) [...]; das Engagement, damit es darauf verzichte, sich in einen
Kampf zu verbeiben, der keine Liebe und Gnade kennt [...]. Alle, Glaubende und
Nicht-Glaubende, müssen ein Schweigen erlernen, das dem anderen zu sprechen
erlaubt, wann und wo er will, und uns jenes Wort verstehen läbt«.Dies schliebt
konkret eine grobe Treue zum liturgischen und persönlichen Gebet ein, zu den für
das geistige Gebet und die Betrachtung vorgesehenen Zeiten, zur eucharistischen
Anbetung, zu den monatlichen Einkehrtagen und zu den geistlichen Exerzitien.Es
gilt auch die für die geistliche Tradition der Kirche und des eigenen Instituts
typischen asketischen Mittel
wiederzuentdecken. Sie waren und sind noch immer eine wirksame Hilfe für einen
echten Weg der Heiligkeit. Da die Askese die Neigungen der von der Sünde
verletzten menschlichen Natur zu beherrschen und zu korrigieren hilft, ist sie
für die Person des geweihten Lebens wirklich unentbehrlich, um ihrer Berufung
treu zu bleiben und Jesus auf dem Kreuzweg zu folgen.Es ist ebenso notwendig,
einige Versuchungen zu erkennen und zu überwinden, die bisweilen durch
teuflische Verlockung unter dem Anschein des Guten auftreten. So kann zum
Beispiel das berechtigte Bedürfnis, die heutige Gesellschaft kennenzulernen, um
auf ihre Herausforderungen zu antworten, dazu verleiten, bei Minderung des
geistlichen Eifers oder mit erkennbaren Anzeichen von Mutlosigkeit den Moden des
Augenblicks nachzugeben. Die Möglichkeit einer höheren geistlichen Bildung
könnte die Personen des geweihten Lebens zu einem gewissen Überlegenheitsgefühl
gegenüber den anderen Gläubigen verleiten, während die Dringlichkeit begründeter
und gebührender beruflicher Qualifikation zu einem übertriebenen Bemühen um
Effizienz werden kann, als hinge der apostolische Dienst vorwiegend von den
menschlichen Mitteln und nicht von Gott ab. Das lobenswerte Anliegen, den
Männern und Frauen unserer Zeit, Glaubenden und Nicht-Glaubenden, Armen und
Reichen, näherzukommen, kann zur Annahme eines säkularisierten Lebensstils oder
zu einer Förderung der menschlichen Werte in rein horizontalem Sinne führen. Die
Billigung der berechtigten Forderungen der eigenen Nation oder Kultur könnte
dazu verleiten, sich Formen des Nationalismus anzu-schlieben oder
gewohnheitsmäbige Elemente anzunehmen, die jedoch der Reinigung und Verbesserung
im Lichte des Evangeliums bedürfen.Der Weg zur Heiligkeit schliebt also die
Annahme des geistlichen Kampfes ein. Das ist eine anspruchsvolle Tatsache,
der man heute nicht immer die notwendige Aufmerksamkeit widmet. In der
Überlieferung ist häufig das geistliche Ringen in Jakobs Kampf mit dem Geheimnis
Gottes dargestellt worden, den er angreift, um zu seinem Segen zu gelangen und
sein Angesicht zu schauen (vgl. Gen 32,23-31). In diesem Geschehen der
Anfänge der biblischen Geschichte können die Personen des geweihten Lebens das
Symbol des asketischen Eifers lesen, den sie brauchen, um das Herz weitzumachen
und für die Annahme des Herrn sowie der Brüder und Schwestern zu öffnen.
Die Förderung der Heiligkeit
39. Ein erneuertes Engagement der Personen des geweihten Lebens
zur Heiligkeit ist heute notwendiger denn je, auch um das Streben jedes
Christen nach Vollkommenheit zu fördern und zu unterstützen. »Es mub daher
in jedem Gläubigen eine echte Sehnsucht nach Heiligkeit geweckt werden, ein
starkes Verlangen nach Umkehr und persönlicher Erneuerung in einem Klima immer
intensiveren Betens und solidarischer Annahme des Nächsten, besonders des am
meisten Bedürftigen«.n dem Mabe, in dem sie ihre Freundschaft mit Gott
vertiefen, versetzen sich die Personen des geweihten Lebens in die Lage, durch
wirksame geistliche Initiativen Brüdern und Schwestern zu helfen, wie
Gebetsschulen, Exerzitien und geistliche Einkehrtage, geistliches Hören und
geistliche Anleitung. Auf diese Weise wird der Fortschritt im Gebet von Menschen
erleichtert, die daraufhin eine bessere Erkenntnis hinsichtlich des Willens
Gottes in bezug auf sich selbst erreichen und sich für die vom Glauben
geforderten mutigen, ja bisweilen heroischen Optionen entscheiden können. In der
Tat »fügen sich die Ordensleute durch ihr tiefstes Wesen in den Dynamismus der
Kirche ein, ergriffen vom Absoluten, das Gott ist, und zur Heiligkeit
aufgerufen. Von dieser Heiligkeit geben sie Zeugnis«.Die Tatsache, dab wir alle
aufgerufen sind, heilig zu werden, mub jene in höherem Mabe anspornen, die auf
Grund ihrer Lebensentscheidung die Sendung haben, die anderen daran zu erinnern.
»Steht auf, habt keine Angst«: ein erneuertes Vertrauen
40. «Da trat Jesus zu ihnen, fabte sie an und sagte: Steht auf,
habt keine Angst« (Mt 17,7). Wie die drei Apostel im Ereignis der
Verklärung, so wissen die Personen des geweihten Lebens aus Erfahrung, dab ihr
Leben nicht immer von jenem spürbaren Eifer erleuchtet ist, der rufen läbt: »Es
ist gut, dab wir hier sind« (Mt 17,4). Es ist jedoch immer ein von der
Hand Christi »berührtes« Leben, von seiner Stimme erreicht und seiner Gnade
unterstützt.»Steht auf, habt keine Angst«. Diese Ermutigung des Meisters ist
selbstverständlich an jeden Christen gerichtet. Aber sie gilt noch mehr für den,
der berufen ist »alles zu verlassen« und folglich für Christus »alles zu
riskieren«. Dies gilt in besonderer Weise jedes Mal, wenn man mit dem Meister
vom »Berg« herabsteigt, um den Weg einzuschlagen, der vom Tabor auf den
Kalvarienberg führt.Wenn Lukas sagt, dab Mose und Elija mit Christus von seinem
Ostergeheimnis sprachen, benützt er bezeichnenderweise den Ausdruck »Ende« (éxodos):
»sie sprachen von seinem Ende, das sich in Jerusalem erfüllen sollte« (Lk
9,31). »Ende«: Grundbegriff der Offenbarung, auf den sich die ganze
Heilsgeschichte beruft und der den tiefen Sinn des Ostergeheimnisses zum
Ausdruck bringt. Ein für die Spiritualität des geweihten Lebens besonders
wichtiges Thema, das seine Bedeutung gut hervorhebt. Darin ist unvermeidlich
enthalten, was zum mysterium Crucis gehört. Aber dieser anspruchsvolle
»Weg zum Ende hin«, aus der Perspektive des Berges Tabor betrachtet, erscheint
wie ein Weg zwischen zwei Lichtern: das vorwegnehmende Licht der Verklärung und
jenes endgültige Licht der Auferstehung.Die Berufung zum geweihten Leben — unter
dem Blickwinkel des ganzen christlichen Lebens — ist trotz seiner Entsagungen
und Prüfungen, im Gegenteil, gerade deswegen, Weg »des Lichtes«, über den
der Blick des Erlösers wacht: »steht auf, habt keine Angst«.
KAPITEL II
SIGNUM FRATERNITATIS
DAS GEWEIHTE LEBEN ALS ZEICHEN
DER GEMEINSCHAFT IN DER KIRCHE
I. BLEIBENDE WERTE
Als Abbild der Dreifaltigkeit
41. Während seines Erdenlebens rief der Herr Jesus jene zu
sich, die er erwählt hatte, um sie bei sich zu haben und sie zu unterweisen,
nach seinem Beispiel für den Vater und für den von ihm erhaltenen Auftrag zu
leben (vgl. Mk 3,13-15). Damit begründete er jene neue Familie, zu der im
Laufe der Jahrhunderte alle gehören sollen, die bereit sein werden, »den Willen
Gottes zu erfüllen« (vgl. Mk 3,32-35). Nach der Himmelfahrt entstand
unter der Wirkung der Gabe des Geistes um die Apostel eine brüderliche Gemeinde,
die sich versammelte, um Gott zu loben und Gemeinschaft konkret zu erfahren
(vgl. Apg 2,42-47; 4,32-35). Das Leben dieser Gemeinde und noch mehr die
Erfahrung der vollen Zugehörigkeit zu Christus, wie sie von den zwölf Aposteln
gelebt wurde, sind stets das Modell gewesen,
an dem sich die Kirche inspirierte, wenn sie den glühenden Eifer der
Anfangszeiten wiederbeleben und sich mit erneuerter evangelischer Kraft wieder
auf ihren Weg in der Geschichte machen wollte.In der Tat ist die Kirche ihrem
Wesen nach Geheimnis der Gemeinschaft, »das von der Einheit des Vaters und
des Sohnes und des Heiligen Geistes geeinte Volk«.Die Tiefe und die Fülle dieses
Geheimnisses will das geschwisterliche Leben dadurch widerspiegeln, dab es sich
als von der Dreifaltigkeit bewohnter menschlicher Raum gestaltet, der auf diese
Weise die den drei göttlichen Personen eigenen Gaben der Gemeinschaft in die
Geschichte einbringt. Vielfältig sind im kirchlichen Leben die Bereiche und
Modalitäten, in denen die geschwisterliche Gemeinschaft zum Ausdruck gebracht
wird. Das geweihte Leben hat zweifellos das Verdienst, wirksam dazu beigetragen
zu haben, in der Kirche das Verlangen nach Geschwisterlichkeit als Bekenntnis
zur Dreifaltigkeit lebendig zu erhalten. Es hat durch die ständige Förderung der
geschwisterlichen Liebe auch in der Form des Gemeinschaftslebens gezeigt, dab
die Teilnahme an der trinitarischen Gemeinschaft die menschlichen Beziehungen
dahingehend zu verändern vermag , dab sie eine neue Art von Solidarität
hervorbringt. Auf diese Weise zeigt das geweihte Leben den Menschen sowohl die
Schönheit der geschwisterlichen Gemeinschaft als auch die Wege, die konkret zu
ihr führen. Denn die Personen des geweihten Lebens leben »für« Gott und »von«
Gott und können sich eben deshalb zur Macht der versöhnenden Wirkung der Gnade
bekennen, die die im Herzen des Menschen und in den sozialen Beziehungen
vorhandenen zersetzenden Kräfte niederwirft.
Geschwisterliches Leben in Liebe
42. Das geschwisterliche Leben, verstanden als in Liebe
geteiltes Leben, ist ein ausdrucksvolles Zeichen der kirchlichen Gemeinschaft.
Es wird mit besonderer Sorgfalt von den Ordensinstituten und den Gesellschaften
des apostolischen Lebens gepflegt, wo das Leben in Gemeinschaft besondere
Bedeutung erlangt.Doch die Dimension der geschwisterlichen Gemeinschaft ist
weder den Säkularinstituten noch den individuellen Formen geweihten Lebens
fremd. So entziehen sich die Eremiten in ihrer tiefen Einsamkeit keineswegs der
kirchlichen Gemeinschaft, sondern dienen ihr mit ihrem besonderen Charisma der
Kontemplation; die gottgeweihten Jungfrauen in der Welt verwirklichen ihre Weihe
durch eine besondere Verbindung der Gemeinschaft mit der Teil- und der
Universalkirche. Ähnliches gilt für Witwen und Witwer, die die Weihe empfangen
haben.Alle diese Personen bemühen sich, in Verwirklichung der Jüngerschaft im
Sinn des Evangeliums das »neue Gebot« des Herrn zu leben, nämlich einander zu
lieben, wie er uns geliebt hat (vgl. Joh
13,34). Die Liebe hat Christus zur Selbsthingabe bis hin zum höchsten Opfer am
Kreuz geführt. Auch unter seinen Jüngern gibt es keine echte Einheit ohne
diese bedingungslose gegenseitige Liebe, die Verfügbarkeit zum Dienst unter
Einsatz aller Kräfte erfordert, Bereitschaft, den anderen so, wie er ist, ohne
Vorurteil anzunehmen, die Fähigkeit, auch »siebenundsiebzigmal« zu vergeben (Mt
18,22), den Willen, keinen zu verurteilen (vgl.
Mt 7,1-2). Für die Personen des geweihten Lebens, die durch diese vom
Heiligen Geist in die Herzen ausgegossene Liebe (vgl. Röm 5,5) »ein Herz
und eine Seele« geworden sind (Apg 4,32), wird es zum inneren Bedürfnis,
alles gemeinsam zu haben: materielle Güter und geistliche Erfahrungen,
Begabungen und Eingebungen sowie apostolische Ideale und Dienst der
Nächstenliebe: »Im Gemeinschaftsleben geht die in einem vorhandene Kraft des
Geistes gleichzeitig auf alle über. Da erfreut man sich nicht nur der eigenen
Gabe, sondern vervielfältigt sie, indem man andere daran teilhaben läbt, und
geniebt die Frucht der Gabe der anderen wie die eigene«.odann mub im
Gemeinschaftsleben irgendwie erkennbar werden, dab die geschwisterliche
Gemeinschaft, noch eher als Weg für eine bestimmte Sendung, göttlicher Ort
ist, an dem die mystische Gegenwart des auferstandenen Herrn erfahren werden
kann (vgl. Mt 18,20).Das geschieht dank der gegenseitigen Liebe aller,
die die Gemeinschaft bilden, einer Liebe, die vom Wort und von der Eucharistie
genährt, im Sakrament der Versöhnung gereinigt und von der Bitte um Einheit
gestärkt wird, dem besonderen Geschenk des Geistes für diejenigen, die gehorsam
auf das Evangelium hören. Er, der Geist selbst ist es, der die Seele zur
Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn Jesus Christus führt (vgl. 1 Joh
1,3), zur Gemeinschaft, in der die Quelle des geschwisterlichen Lebens ist. Vom
Geist werden die Gemeinschaften des geweihten Lebens bei der Erfüllung ihrer
Sendung zum Dienst an der Kirche und an der ganzen Menschheit entsprechend ihrer
ursprünglichen Inspiration geleitet.In dieser Perspektive sind die »Kapitel«
(oder analoge Versammlungen), sei es besondere oder Generalkapitel, von
besonderer Bedeutung. Während dieser Kapitel ist jedes Institut berufen, nach
den von deren Konstitutionen festgelegten Normen die Oberen oder die Oberinnen
zu wählen und im Lichte des Geistes die angemessenen Bestimmungen zu treffen, um
das eigene Charisma und das eigene spirituelle Erbe zu bewahren und es in den
verschiedenen historischen und kulturellen Situationen auf den aktuellen Stand
zu bringen.
Die Aufgabe der Autorität
43. Im geweihten Leben war das Amt der Oberen und Oberinnen,
auch der Ortsoberen, stets von grober Bedeutung sowohl für das geistliche Leben
als auch für die Sendung. In diesen Jahren des Suchens und der Veränderungen war
gelegentlich auch von der Notwendigkeit einer Revision dieses Amtes zu hören. Es
gilt aber anzuerkennen, dab derjenige, der die Autorität ausübt,
auf seine Aufgabe als erster Verantwortlicher der Gemeinschaft, nämlich
auf die Leitung der Brüder und Schwestern auf dem geistlichen und apostolischen
Weg, nicht verzichten kann.Es ist nicht leicht, in einem stark vom
Individualismus geprägten Milieu die Aufgabe, die die Autorität zum Vorteil
aller ausübt, anzuerkennen und anzunehmen. Es mub jedoch die Wichtigkeit dieser
Aufgabe erneut herausgestellt werden, die sich als notwendig erweist, um die
geschwisterliche Gemeinschaft zu festigen und nicht den gelobten Gehorsam zu
vereiteln. Auch wenn die Autorität vor allem geschwisterlich und geistlicher Art
sein soll und infolgedessen derjenige, der mit ihr ausgestattet ist, die
Mitbrüder und Mitschwestern durch den Dialog in den Entscheidungsprozeb
einzubeziehen wissen mub, ist es dennoch angebracht, sich daran zu erinnern, dab
die Autorität das letzte Wort hat und es ihr zusteht, dab die gefabten
Beschlüsse eingehalten werden.
Die Rolle der alten Leute
44. Die Sorge um die Alten und Kranken gehört ganz wesentlich
zum geschwisterlichen Leben, besonders in einer Zeit wie der unseren, in der in
manchen Gegenden der Welt die Zahl der Personen des geweihten Lebens zunimmt,
die in den Jahren nunmehr fortgeschritten sind. Die zuvorkommende
Aufmerksamkeit, die sie verdienen, entspricht nicht nur einer eindeutigen
Verpflichtung zu Liebe und Anerkennung, sondern sie ist auch Ausdruck der
Erkenntnis, dab ihr Zeugnis für die Kirche und die Institute sehr nützlich ist
und ihre Sendung auch dann gültig und verdienstvoll bleibt, wenn sie wegen des
Alters oder aus Krankheit ihre eigentliche Tätigkeit aufgeben müssen. Sie
haben zweifellos der Gemeinschaft viel an Weisheit und Erfahrung
zu geben, wenn diese imstande ist, ihnen voll Aufmerksamkeit und mit der
Fähigkeit zum Zuhören nahezustehen.In der Tat besteht die apostolische Sendung
noch vor dem Tun im Zeugnis der eigenen vollkommenen Hingabe an den Heilswillen
des Herrn, einer Hingabe, die sich an den Quellen des Gebets und der Bube nährt.
Es gibt daher viele Möglichkeiten, wie die alten Mitglieder ihre Berufung leben
können: das eifrige Gebet, die geduldige Annahme der eigenen Situation, die
Verfügbarkeit für den Dienst als Spiritual, als Beichtvater und Begleiter des
Betens.
Als Abbild der apostolischen Gemeinschaft
45. Das geschwisterliche Leben spielt auf dem geistlichen Weg
der Personen des geweihten Lebens eine grundlegende Rolle sowohl für ihre
ständige Erneuerung als auch für die vollkommene Erfüllung ihrer Sendung in der
Welt: dies läbt sich aus den theologischen Begründungen schlieben, die dem
geschwisterlichen Leben zugrunde liegen, findet aber auch in der eigenen
Erfahrung weitgehende Bestätigung. Ich ermahne daher die Personen des geweihten
Lebens, das Gemeinschaftsleben eifrig zu pflegen und damit dem Beispiel der
ersten Christen von Jerusalem zu folgen, die voll Eifer die Lehre der Apostel
hörten, am gemeinsamen Gebet und an der Feier der Eucharistie teilnahmen und die
materiellen Güter und Gnadengaben miteinander teilten (vgl. Apg 2,42-47).
Vor allem ermahne ich die Ordensleute und die Mitglieder der Gesellschaften des
apostolischen Lebens, vorbehaltlos die gegenseitige Liebe zu leben und dieser
durch die Bestimmungen, die der Natur eines jeden Instituts entsprechen,
Ausdruck zu verleihen, damit sich jede Gemeinschaft als leuchtendes Zeichen des
neuen Jerusalem, der »Wohnung Gottes unter den Menschen« (Offb 21,3),
erweise.Denn die ganze Kirche zählt sehr auf das Zeugnis von Gemeinschaften, die
»voll Freude und erfüllt vom Heiligen Geist« sind (Apg 13, 52). Sie
möchte die Welt auf das Beispiel von Gemeinschaften hinweisen, in denen die
gegenseitige Aufmerksamkeit die Einsamkeit überwinden hilft, die Kommunikation
alle dazu anspornt, sich mitverantwortlich zu fühlen, und in denen Vergebung die
Wunden heilt und in jedem einzelnen den Vorsatz zur Gemeinschaft stärkt. In
derartigen Gemeinschaften lenkt die Natur des Charismas die Kräfte, festigt die
Treue und richtet die apostolische Arbeit aller auf die eine Sendung aus. Um der
heutigen Menschheit ihr wahres Gesicht zu zeigen, braucht die Kirche dringend
solche brüderliche Gemeinschaften, die schon allein durch ihr Bestehen einen
Beitrag zur Neuevangelisierung leisten, da sie konkret die Früchte des »neuen
Gebotes« erbringen.
Sentire cum Ecclesia
46. Eine grobe Aufgabe ist dem geweihten Leben auch im Lichte
der vom II. Vatikanischen Konzil mit fester Entschiedenheit dargestellten
Lehre von der Kirche als Gemeinschaft anvertraut. Von den Personen des
geweihten Lebens wird verlangt, als »Zeugen und Baumeister jenes ‘göttlichen
Planes für Gemeinschaft', der die Geschichte der Menschen krönen soll«,wirklich
Experten der Gemeinschaft zu sein und deren Spiritualität in die Praxis
umzusetzen.Der Sinn der kirchlichen Gemeinschaft, die sich zu einer
Spiritualität der Gemeinschaft entwickelt, fördert eine Weise des Denkens,
Sprechens und Handelns, die die Kirche an Tiefe und Weite wachsen läbt. Denn das
Gemeinschaftsleben »wird zu einem Zeichen für die Welt, zur anziehenden
Kraft , die zum Glauben an Christus führt [...] Auf diese Weise öffnet
sich die communio der Sendung, wird selbst Sendung«, ja, » die
communio schafft communio und stellt sich wesentlich als missionarische
communio dar«.ei den Stiftern und Stifterinnen erscheint der Sinn für die
Kirche immer lebendig und zeigt sich in ihrer vollkommenen Teilnahme am
kirchlichen Leben in allen seinen Dimensionen und im bereitwilligen Gehorsam den
Bischöfen, insbesondere dem Papst von Rom gegenüber. Vor diesem Horizont der
Liebe zur heiligen Kirche, »Säule und Fundament der Wahrheit« (1 Tim
3,15), begreifen wir die Ergebenheit eines Franz von Assisi dem »Herrn Papst«
gegenüber,den kindlichen Unternehmungsgeist einer Katharina von Siena dem
gegenüber, den sie den »süben Christus auf Erden nennt«,den apostolischen
Gehorsam und das »Sentire cum Ecclesia«eines Ignatius von Loyola, das freudige
Glaubensbekenntnis einer Theresia von Jesus: »Ich bin Tochter der Kirche«.Man
versteht auch die Sehnsucht der Theresia von Lisieux: »Im Herzen der Kirche,
meiner Mutter, werde ich die Liebe sein«.Ähnliche Zeugnisse stellen die volle
kirchliche Gemeinschaft dar, die Heilige sowie Stifter und Stifterinnen zu ganz
verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen und oft sehr schwierigen Umständen
gegeben haben. Auf diese Vorbilder müssen die Personen des geweihten Lebens
immer wieder Bezug nehmen, um den heutzutage besonders aktiven zentrifugalen und
zersetzenden Antriebskräften entgegenzuwirken.Ein Wesensmerkmal dieser
kirchlichen communio ist das Festhalten mit Herz und Verstand am Lehramt der
Bischöfe, das von allen Personen des geweihten Lebens, besonders jenen, die in
der theologischen Forschung, in der Lehre, im Publikationswesen, in der
Katechese, im Bereich der sozialen Kommunikationsmittel tätig sind, treu gelebt
und vor dem Volk Gottes klar und deutlich bezeugt werden mub.Da die Personen des
geweihten Lebens einen besonderen Platz in der Kirche einnehmen, kommt ihrer
diesbezüglichen Haltung für das ganze Volk Gottes grobe Bedeutung zu. Ihr
apostolisches Wirken, das sich im Rahmen der prophetischen Sendung aller
Getauften im allgemeinen durch Aufgaben besonderer Zusammenarbeit mit der
Hierarchie qualifiziert, gewinnt aus ihrem Zeugnis kindlicher Liebe Kraft und
Schärfe.Auf diese Weise leisten sie mit dem Reichtum ihrer Charismen einen
besonderen Beitrag, damit die Kirche ihr Wesen als Sakrament der innigen
Vereinigung mit Gott und der Einheit des gesamten Menschengeschlechts immer
vollkommener verwirkliche.
Die Brüderlichkeit in der Universalkirche
47. Die Personen des geweihten Lebens sind auf Grund der
Tatsache selbst, dab die vielfältigen Charismen der jeweiligen Institute vom
Heiligen Geist geschenkt werden im Hinblick auf das Wohl des ganzen mystischen
Leibes, zu dessen Aufbau sie beitragen sollen (vgl. 1 Kor
12,4-11), dazu berufen, Sauerteig missionarischer Gemeinschaft in der
Universalkirche zu sein. Bezeichnenderweise ist es die Liebe, die nach den
Worten des Apostels »der Weg« ist, »der alles übersteigt« (1 Kor 12,31),
die Wirklichkeit, die »die gröbte unter allen ist« (1 Kor 13,13), die
alle Unterschiede harmonisch in Einklang bringt und allen die Kraft verleiht, im
apostolischen Einsatz einander Stütze zu sein. Gerade danach strebt das
besondere Band der Gemeinschaft, das die verschiedenen Formen des geweihten
Lebens und die Gesellschaften des apostolischen Lebens zum Nachfolger Petri
in seinem Dienst an der Einheit und der missionarischen Universalität haben.
Die Geschichte der Spiritualität veranschaulicht dieses Band eingehend dadurch,
dab sie deren günstige Aufgabe zeigt, um sowohl die dem geweihten Leben eigene
Identität als auch die missionarische Ausbreitung des Evangeliums zu
gewährleisten. Die machtvolle Verbreitung der evangelischen Botschaft ebenso wie
die feste Verwurzelung der Kirche in so vielen Gegenden der Welt und der
christliche Frühling, der heute in den jungen Kirchen festzustellen ist, wären —
wie die Synodenväter festgestellt haben — ohne den Beitrag so vieler Institute
des geweihten Lebens und der Gesellschaften des apostolischen Lebens undenkbar.
Sie haben über Jahrhunderte hin die Gemeinschaft mit den Nachfolgern des hl.
Petrus aufrechterhalten, die bei ihnen grobzügige Bereitschaft vorfanden, sich
der Mission mit einer Verfügbarkeit zu widmen, die, wenn nötig, bis zum
Heroismus reichen konnten.So ragt das Wesensmerkmal der Universalität und der
Gemeinschaft hervor, das den Instituten des geweihten Lebens und den
Gesellschaften des apostolischen Lebens eigen ist. Aufgrund des in ihrer
besonderen Beziehung zum Petrusamt verwurzelten überdiözesanen Charakters stehen
sie auch im Dienst der Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen
Teilkirchen,unter denen sie den »Austausch der Gaben« wirksam fördern und
dadurch zu einer Inkulturation des Evangeliums beitragen können, die die
Reichtümer der Kulturen aller Völker reinigen, bewerten und annehmen soll.Auch
heute offenbart die Blüte an Berufungen zum geweihten Leben in den jungen
Kirchen die Fähigkeit, die es besitzt, um innerhalb der katholischen Einheit die
Erfordernisse der verschiedenen Völker und Kulturen zum Ausdruck zu bringen.
Das geweihte Leben und die Teilkirche
48. Eine bedeutsame Rolle kommt den Personen des geweihten
Lebens auch innerhalb der Teilkirchen zu. Ausgehend von der Lehre des
Konzils über die Kirche als Gemeinschaft und Geheimnis und über die Teilkirchen
als Teil des Gottesvolkes, in denen »die eine, heilige, katholische und
apostolische Kirche Christi wahrhaft wirkt und gegenwärtig ist«,ist dieser
Aspekt in verschiedenen Nachfolgedokumenten vertieft und kodifiziert worden. Im
Lichte dieser Texte zeigt sich mit aller Klarheit die fundamentale Bedeutung,
die der Zusammenarbeit der Personen des geweihten Lebens mit den Bischöfen für
die harmonische Entwicklung der Pastoral in der Diözese zukommt. Die Charismen
des geweihten Lebens können viel zum Aufbau der Liebe in der Teilkirche
beitragen.Die verschiedenen Formen, in denen die evangelischen Räte gelebt
werden, sind in der Tat Ausdruck und Frucht der von den Stiftern und
Stifterinnen empfangenen geistlichen Gaben und stellen als solche eine »Erfahrung
des Geistes [dar], die den eigenen Schülern überliefert wurde, damit sie von
ihnen gelebt, bewahrt, vertieft und ständig weiterentwickelt werden in der
Übereinstimmung mit dem Leib Christi, der ständig im Wachsen begriffen ist«.Der
eigene Charakter jedes Instituts enthält einen besonderen Stil der Heiligung und
des Apostolats, der sich in einer bestimmten, von objektiven Elementen geprägten
Tradition zu festigen sucht.Darum sorgt die Kirche dafür, dab die Institute dem
Geist der Stifter und Stifterinnen und ihren gesunden Überlieferungen gemäb
wachsen und sich entfalten.emzufolge wird den einzelnen Instituten eine
gebührende Autonomie
zuerkannt, kraft derer sie sich eine eigene Ordnung zunutze machen und ihr
spirituelles und apostolisches Erbe unversehrt bewahren können. Diese Autonomie
zu wahren und zu schützen ist Aufgabe der Ortsordinarien.Die Bischöfe werden
daher ersucht, die Charismen des geweihten Lebens anzunehmen und zu achten,
indem sie ihnen in den Entwürfen der diözesanen Pastoral Raum geben. Besondere
Aufmerksamkeit müssen sie den Instituten diözesanen Rechts widmen, die der
besonderen Sorge des Ortsbischofs anvertraut sind. Eine Diözese ohne geweihtes
Leben würde nicht nur vieler geistlicher Gaben, geeigneter Orte für die Suche
nach Gott, spezifischer apostolischer Aktivitäten und pastoraler Methoden
verlustig gehen, sondern sie würde darüber hinaus Gefahr laufen, in hohem Mabe
in jenem missionarischen Geist geschwächt zu werden, der der Mehrheit der
Institute eigen ist.Daher verlangt es die Pflicht, der Gabe des geweihten
Lebens, die der Geist in der Teilkirche schenkt, dadurch zu entsprechen, dab man
sie hochherzig und voll Dankbarkeit annimmt.
Eine fruchtbare und geordnete kirchliche Gemeinschaft
49. Der Bischof ist Vater und Hirt der ganzen Teilkirche. Seine
Zuständigkeit ist es, die einzelnen Charismen anzuerkennen und zu beachten, sie
zu fördern und zu koordinieren. Er wird also in seiner pastoralen Liebe das
Charisma des geweihten Lebens als Gnade annehmen, die nicht nur ein Institut
betrifft, sondern zum Vorteil der ganzen Kirche ausströmt. Er wird so versuchen,
den Personen des geweihten Lebens beizustehen und zu helfen, sich in
Gemeinschaft mit der Kirche den spirituellen und pastoralen Perspektiven, die
den Erfordernissen unserer Zeit entsprechen, in Treue zur Gründungsinspiration
zu öffnen. Die Personen des geweihten Lebens werden es ihrerseits nicht
versäumen, nach den eigenen Kräften und unter Wahrung des eigenen Charismas der
Teilkirche grobzügig ihre Mitarbeit anzubieten, wobei sie im Bereich der
Evangelisierung, der Katechese, und des Lebens der Pfarrgemeinden in voller
Gemeinschaft mit dem Bischof tätig sind.Es sei daran erinnert, dab sich die
Institute bei der Koordination des Dienstes an der Universalkirche mit jenem an
der Teilkirche nicht auf die gebührende Autonomie und auch nicht auf die
Exemtion berufen können, die viele von ihnen genieben,um Entscheidungen zu
rechtfertigen, die zu den von einem heilsamen kirchlichen Leben an eine
organische Gemeinschaft gestellten Erfordernissen tatsächlich im Widerspruch
stehen. Statt dessen müssen die pastoralen Initiativen der Personen des
geweihten Lebens auf der Basis eines freundlichen und offenen Dialogs zwischen
Bischöfen und Oberen der verschiedenen Institute entschieden und in die Tat
umgesetzt werden. Die besondere Aufmerksamkeit der Bischöfe für die Berufung und
Sendung der Institute und die Achtung vor dem Amt der Bischöfe von seiten der
Institute, die mit der Annahmebereitschaft der konkreten pastoralen Anweisungen
für das diözesane Leben verbunden ist, stellen zwei eng miteinander verknüpfte
Formen jener einzigartigen kirchlichen Liebe dar, die alle zum Dienst an der —
charismatischen und zugleich hierarchisch gegliederten — organischen
Gemeinschaft des ganzen Gottesvolkes verpflichtet.
Ein beständiger, von der Liebe beseelter Dialog
50. Zur Förderung des gegenseitigen Kennenlernens als
unerläblicher Voraussetzung für eine tatkräftige Zusammenarbeit vor allem auf
pastoralem Gebiet erweist sich ein ständiger Dialog der Oberen und
Oberinnen der Institute des geweihten Lebens und der Gesellschaften des
apostolischen Lebens mit den Bischöfen angebrachter als je zuvor. Dank dieser
regelmäbigen Kontakte werden Obere und Oberinnen die Bischöfe über die
apostolischen Initiativen, die sie in ihren Diözesen in die Wege zu leiten
beabsichtigen, informieren können, um mit ihnen zu den für die Durchführung
notwendigen Vereinbarungen zu gelangen. In gleicher Weise ist es angebracht, dab
von den Konferenzen der höheren Ordensoberen und -oberinnen delegierte Personen
zur Teilnahme an den Versammlungen der Bischofskonferenzen und umgekehrt, dab
Delegierte der Bischofskonferenzen zu Konferenzen der höheren Ordensoberen und
-oberinnen eingeladen werden; die entsprechenden Modalitäten dafür sind noch
festzulegen. So gesehen, wird es von grobem Nutzen sein, dab dort, wo dies noch
nicht geschehen ist, auf nationaler Ebene gemischte Kommissionen aus
Bischöfen und höheren Ordensoberen und -oberinnengebildet und tätig werden,
um miteinander Probleme von gemeinsamem Interesse zu untersuchen. Zum besseren
gegenseitigen Kennenlernen wird auch die Aufnahme der Theologie und der
Spiritualität des geweihten Lebens in den theologischen Studienplan der
Diözesanpriester beitragen; und dasselbe gilt für das Einbringen einer
entsprechenden Behandlung der Theologie der Teilkirche und der Spiritualität des
Diözesanklerus bei der Ausbildung der Personen des geweihten Lebens.röstlich ist
schlieblich daran zu erinnern, dab es auf der Synode nicht nur zahlreiche
Beiträge zur Lehre über die Gemeinschaft gegeben hat, sondern auch grobe
Genugtuung angesichts der in einem Klima des gegenseitigen Vertrauens und der
Offenheit erlebten Erfahrung des Dialogs zwischen den anwesenden Bischöfen und
Ordensleuten. Dies löste den Wunsch aus, dab »diese geistliche Erfahrung von
Gemeinschaft und Zusammenarbeit sich auch nach Abschlub der Synode auf die ganze
Kirche erstrecken möge«.Ich wünsche mir, dab die Gesinnung und die Spiritualität
der Gemeinschaft in allen wachsen möge.
Die Geschwisterlichkeit in einer gespaltenen und
ungerechten Welt
51. Die Kirche vertraut den Gemeinschaften des geweihten Lebens
die besondere Aufgabe an, die Spiritualität der Gemeinschaft
vor allem innerhalb der eigenen Gemeinschaft und dann in der kirchlichen
Gemeinschaft und über deren Grenzen hinaus dadurch zu stärken, dab sie
vor allem dort, wo die heutige Welt von Rassenhab oder mörderischem Wahn
zerrissen ist, den Dialog der Liebe eröffnet bzw. immer wieder aufnimmt.
Inmitten der verschiedenen Gesellschaften unserer Erde — Gesellschaften, die
häufig von Leidenschaften und entgegengesetzten Interessen beeinträchtigt sind,
die sich nach Einheit sehnen, jedoch unsicher bezüglich der einzuschlagenden
Wege sind — stehen die Gemeinschaften des geweihten Lebens, in denen sich
Menschen unterschiedlichen Alters und verschiedener Sprache und Kultur als
Brüder und Schwestern begegnen, als Zeichen für einen Dialog, der immer
möglich ist, und für eine Gemeinschaft, die die Unterschiede in harmonischen
Einklang zu bringen vermag.Die Gemeinschaften des geweihten Lebens sind
gehalten, durch das Zeugnis ihres Lebens den Wert der christlichen
Brüderlichkeit und die verändernde Kraft der Frohen Botschaft zu verkünden,die
alle als Kinder Gottes anerkennt und zur aufopfernden Liebe gegenüber allen
drängt, besonders gegenüber den Geringsten. Diese Gemeinschaften sind Orte der
Hoffnung und der Entdeckung der Seligpreisungen, Orte, an denen die aus dem
Gebet, der Quelle der Gemeinschaft schöpfende Liebe zur Logik des Lebens und
Quelle der Freude werden soll.In dieser Zeit, die von der weltweiten Ausdehnung
der Probleme und zugleich vom Rückfall in die Idole des Nationalismus
gekennzeichnet ist, haben vor allem die internationalen Institute die Aufgabe,
den Sinn für die Gemeinschaft unter den Völkern, Rassen und Kulturen lebendig zu
erhalten und zu bezeugen. In einem Klima der Brüderlichkeit wird die Offenheit
für die weltweite Dimension der Probleme den Reichtum der einzelnen nicht
ersticken, noch wird die Bejahung einer Eigenart Gegensatz zu den anderen oder
Zwiespalt mit der Einheit hervorrufen. Die internationalen Institute können dies
wirksam tun, indem sie sich doch selbst auf kreative Weise der Herausforderung
der Inkulturation bei gleichzeitiger Wahrung ihrer Identität stellen müssen.
Gemeinschaft unter den verschiedenen Instituten
52. Die brüderliche geistliche Beziehung und die gegenseitige
Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Instituten des geweihten Lebens und
den Gesellschaften des apostolischen Lebens werden vom kirchlichen
Gemeinschaftssinn getragen und genährt. Personen, die durch die gemeinsame
Verpflichtung zur Nachfolge Christi miteinander verbunden und vom selben
Heiligen Geist beseelt sind, müssen als Reben des einen Weinstocks die Fülle des
Evangeliums der Liebe sichtbar bekunden. Die verschiedenen Stifter und
Stifterinnen sind berufen, eingedenk der geistlichen Freundschaft, die sie auf
Erden oft miteinander verbunden hat, in Treue zum Wesen ihres Instituts eine
vorbildliche Geschwisterlichkeit zum Ausdruck zu bringen, die den anderen
Mitgliedern der Kirche in ihrem täglichen Bemühen um die Bezeugung des
Evangeliums Ansporn sein möge.Die Worte des hl. Bernhard bezüglich der
verschiedenen Orden sind nach wie vor aktuell: »Ich bewundere sie alle. Einem
von ihnen gehöre ich durch die Befolgung der Regel an, allen aber in der Liebe.
Wir alle brauchen einander: das geistliche Gut, das ich nicht habe und nicht
besitze, empfange ich von den anderen [...]. Die Kirche ist hier im irdischen
Leben noch unterwegs und, wenn ich so sagen darf, pluralisch: wir haben es mit
einer einzigartigen Pluralität und mit einer pluralischen Einheit zu tun. Und
alle unsere Verschiedenheiten, die die Fülle der Gaben Gottes offenkundig
machen, werden in dem einen Haus des Vaters, das viele Wohnungen umfabt,
anzutreffen sein. Jetzt gibt es unterschiedliche Gnadengaben: dann wird es
unterschiedliche Seligkeiten geben. Die Einheit besteht hier wie dort in ein und
derselben Liebe«.
Koordinierungsorgane
53. Einen beachtlichen Beitrag zur Gemeinschaft können die
Konferenzen der höheren Ordensoberen und -oberinnen sowie der Säkularinstitute
leisten. Hauptzweck dieser Organe, die vom II. Vatikanischen Konzilund von
nachfolgenden Dokumentenermutigt und geregelt wurden, ist die Förderung des
geweihten Lebens im Gesamtgefüge der kirchlichen Sendung.Durch diese Konferenzen
bringen die Institute die Gemeinschaft unter ihnen zum Ausdruck und suchen nach
den Mitteln, um sie unter Achtung und Erschliebung der Besonderheit der
verschiedenen Charismen zu stärken, in denen sich das Geheimnis der Kirche und
die vielgestaltige Weisheit Gottes widerspiegelt.Ich ermutige die Institute des
geweihten Lebens zur gegenseitigen Zusammenarbeit, insbesondere in jenen
Ländern, in denen wegen besonderer Schwierigkeiten die Versuchung stark sein
mag, sich auf sich selbst zurückzuziehen, zum Schaden des geweihten Lebens und
der Kirche. Es ist jedoch erforderlich, dab sie sich gegenseitig in dem Bemühen
helfen, den Plan Gottes in den gegenwärtigen Lasten der Geschichte zu begreifen
zu suchen, um mit geeigneten apostolischen Initiativen besser darauf zu
antworten.Vor diesem Horizont der Gemeinschaft, der offen ist für die
Herausforderungen unserer Zeit, mögen die Oberen und Oberinnen »in Abstimmung
mit den Bischöfen« versuchen, »sich das Wirken der besten Mitarbeiter jedes
Instituts zunutze zu machen und Dienste anzubieten, die nicht nur etwaige
Grenzen überwinden helfen, sondern einen gültigen Stil von Ordensausbildung
hervorbringen sollen«.ie Konferenzen der höheren Ordensoberen und -oberinnen und
die Konferenzen der Säkularinstitute fordere ich auf, als Bekundung ihrer
Gemeinschaft mit dem Heiligen Stuhl auch häufige und regelmäbige Kontakte mit
der Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften
des apostolischen Lebens zu pflegen. Eine aktive und vertrauensvolle Beziehung
wird auch zu den Bischofskonferenzen der einzelnen Länder gepflegt werden
müssen. Diese Beziehung soll im Geiste des Dokumentes Mutuae relationes
zweckmäbigerweise eine feste Form annehmen, um auf diese Weise die ständige und
rechtzeitige Koordination der nach und nach anstehenden Initiativen zu
ermöglichen. Wenn dies alles beharrlich und im Geist treuer Befolgung der
Anweisungen des Lehramtes durchgeführt wird, werden sich die Verbindungs- und
Gemeinschaftsorgane als besonders nützlich erweisen, um Lösungen zu finden, die
Unverständnis und Spannungen sowohl im theoretischen als auch im praktischen
Bereich vermeiden;auf diese Weise werden sie nicht nur für das Wachsen der
Gemeinschaft zwischen den Instituten des geweihten Lebens und den Bischöfen eine
Hilfe sein, sondern auch für die Erfüllung der eigentlichen Sendung der
Teilkirchen.
Gemeinschaft und Zusammenarbeit mit den Laien
54. Zu den Früchten der Lehre von der Kirche als Gemeinschaft
gehörte in diesen Jahren das Sich-Bewubtwerden der Tatsache, dab ihre
verschiedenen Glieder ihre Kräfte durch Zusammenarbeit und Austausch der Gaben
vereinen können und sollen, um wirksamer an der kirchlichen Sendung teilzuhaben.
Dies trägt zu einem klarer umrissenen und vollständigeren Bild der Kirche selbst
bei und macht darüber hinaus durch den einmütigen Beitrag der unterschiedlichen
Gaben die Antwort auf die groben Herausforderungen unserer Zeit wirksamer.Die
Beziehungen zu den Laien gestalten sich seitens der monastischen und
kontemplativen Institute als vorwiegend geistlich, während sie bei den
Instituten, die sich dem Apostolat widmen, die Form pastoraler Zusammenarbeit
annehmen. Die Mitglieder der Sälularinstitute, Laien wie Kleriker, treten mit
den anderen Gläubigen im gewöhnlichen Alltagsleben in Beziehung. Nicht wenige
Institute sind heute, häufig auf Grund neuer Situationen, zu der Überzeugung
gelangt, dab sich ihr Charisma mit den Laien teilen läbt. Diese werden
daher eingeladen, intensiver an der Spiritualität und an der Sendung des
betreffenden Instituts teilzunehmen. Man kann sagen, dab im Gefolge historischer
Erfahrungen, wie jener der verschiedenen Säkular- oder Drittorden, ein neues,
hoffnungsvolles Kapitel in der Geschichte der Beziehungen zwischen den Personen
des geweihten Lebens und den Laien begonnen hat.
Für eine erneuerte geistliche und apostolische Tatkraft
55. Diese neuen Wege von Gemeinschaft und Zusammenarbeit
verdienen aus verschiedenen Gründen ermutigt zu werden. Vor allem wird von
diesen die Ausstrahlung tätiger Spiritualität über die Grenzen des Instituts
hinaus gehen können, das auf diese Weise mit neuen Energien rechnen wird, auch
um die Kontinuität mancher seiner typischen Formen des Dienstes für die Kirche
sicherzustellen. Eine weitere positive Folge kann sodann die Erleichterung eines
intensiveren Zusammenwirkens zwischen Personen des geweihten Lebens und den
Laien im Hinblick auf die Mission sein: von den Beispielen der Heiligkeit von
Personen des geweihten Lebens angeleitet, werden die Laien in die unmittelbare
Erfahrung des Geistes der evangelischen Räte eingeführt und werden so ermutigt,
den Geist der Seligpreisungen angesichts der Umgestaltung der Welt im Sinne
Gottes zu leben und zu bezeugen.ie Beteiligung der Laien führt nicht selten zu
unerwarteten und fruchtbaren Vertiefungen mancher Aspekte des Charismas, indem
diese eine spirituellere Deutung dieses Charismas erweckt und den Anstob gibt,
Hinweise für neue apostolische Tatkräfte zu geben. Die Personen des geweihten
Lebens sollen sich daher bei jeder Tätigkeit und jedem Dienst, mit dem sie
betraut sind, erinnern, dab sie vor allem erfahrene Führer und Begleiter des
geistlichen Lebens sein müssen, und sie sollen unter dieser Perspektive »das
kostbarste Talent: den Geist«pflegen. Die Laien ihrerseits sollen den
Ordensfamilien den wertvollen Beitrag ihrer Weltlichkeit und ihres besonderen
Dienstes anbieten.
Freiwillige und assoziierte Laien
56. Eine bedeutende Ausdrucksform der Teilnahme der Laien an
den Reichtümern des geweihten Lebens ist der Beitritt der Gläubigen im
Laienstand zu den verschiedenen Instituten in der neuen Form der sogenannten
assoziierten Mitglieder oder, je nach den in einigen kulturellen
Umfeldern vorhandenen Bedürfnissen, der Beitritt von Personen, die sich für
einen bestimmten Zeitabschnitt der Aufgaben des Gemeinschaftslebens und der
besonderen beschaulichen und apostolischen Hingabe annehmen, natürlich immer
vorausgesetzt, dab die Identität des Instituts in seinem internen Leben dadurch
keinen Schaden erleidet.s ist durchaus richtig, dem Volontariat, das aus den
Reichtümern des geweihten Lebens schöpft, hohe Wertschätzung entgegenzubringen;
es mub jedoch für dessen Formation gesorgt werden, damit die freiwilligen Laien
auber der sachlichen Kompetenz immer tiefgründige übernatürliche Motivationen
für ihre Vorhaben sowie einen lebendigen Sinn für Gemeinschaft und Kirche bei
ihren Projekten haben.Ferner ist zu bedenken, dab Initiativen, bei denen auch
auf Entscheidungsebene Laien mitwirken, damit diese als Werke eines bestimmten
Instituts betrachtet werden, dessen Ziele verfolgen und unter dessen
Verantwortung durchgeführt werden müssen. Wenn also Laien die Leitung
übernehmen, werden sie den zuständigen Oberen und Oberinnen gegenüber die
Verantwortung für diese Durchführung tragen. All dies sollte durch geeignete
Vorschriften der einzelnen Institute geprüft und geregelt werden, die von der
vorgesetzten Autorität genehmigt sind und in denen die jeweiligen Kompetenzen
des Instituts selbst, der Kommunitäten und der assoziierten oder freiwilligen
Mitglieder vorgesehen sind.Die von ihren Oberen und Oberinnen entsandten und
abhängigen Personen des geweihten Lebens können sich mit Sonderformen von
Zusammenarbeit an Laieninitiativen
beteiligen, besonders in Organisationen und Einrichtungen, die sich der
Randgruppen annehmen und sich die Linderung menschlichen Leides zum Ziel setzen.
Wenn diese Zusammenarbeit von einer klaren und starken christlichen Identität
beseelt und getragen wird und das dem geweihten Leben eigene Wesen
berücksichtigt, vermag sie in den dunkelsten Situationen des menschlichen
Daseins die Leuchtkraft des Evangeliums zum Strahlen zu bringen.In diesen Jahren
sind zahlreiche Personen des geweihten Lebens einer der kirchlichen
Bewegungen beigetreten, die sich in unserer Zeit entwickelt haben. Aus
solchen Erfahrungen ziehen die Interessierten im allgemeinen Nutzen, besonders
auf der Ebene der geistlichen Erneuerung. Doch läbt sich nicht leugnen, dab dies
in einigen Fällen Unbehagen und Verwirrung im persönlichen und kommunitären
Bereich auslöst, besonders dann, wenn diese Erfahrungen mit den Anforderungen
des Gemeinschaftslebens und der Spiritualität des Instituts in Konflikt geraten.
Man wird daher Sorge tragen müssen, dab der Beitritt zu den kirchlichen
Bewegungen unter Beachtung des Charismas und der Disziplin des eigenen
Instituts,unter Zustimmung der Oberen und Oberinnen und in voller Verfügbarkeit
zur Annahme ihrer Entscheidungen erfolgt.
Die Würde und die Rolle der Frau des geweihten Lebens
57. Die Kirche enthüllt vollständig ihren vielgestaltigen
geistlichen Reichtum, wenn sie nach Überwindung der Diskriminierungen die von
Gott sowohl auf die Männer als auch auf die Frauen ausgegossenen Gaben als
wahren Segen empfängt und sie alle in ihrer gleichen Würde anerkennt. Die Frauen
des geweihten Lebens sind in ganz besonderer Weise dazu berufen, durch ihre in
Fülle und mit Freude gelebte Hingabe ein Zeichen für Gottes Zärtlichkeit
gegenüber dem Menschengeschlecht und ein besonderes Zeugnis des Geheimnisses
der Kirche zu sein, die Jungfrau, Braut und Mutter ist.Die Sendung der Frauen
des geweihten Lebens trat natürlich auch bei der Synode zutage, an der sie in
grober Zahl teilnahmen und sich zu Wort melden konnten –und ihre Stimme wurde
gehört und von allen geschätzt. Auch aus ihren Beiträgen haben sich nützliche
Anleitungen für das Leben der Kirche und deren Evangelisierungsauftrag ergeben.
Sicher mub man viele Forderungen, die die Stellung der Frau in verschiedenen
gesellschaftlichen und kirchlichen Bereichen betreffen, als berechtigt
anerkennen. In gleicher Weise gilt es hervorzuheben, dab das neue Bewubtsein der
Frau auch den Männern hilft, ihre Denkmuster, ihr Selbstverständnis und die Art
und Weise zu überprüfen, wie sie sich in der Geschichte etablieren und diese
auslegen, wie sie ihr soziales, politisches, wirtschaftliches, religiöses und
kirchliches Leben gestalten.Die Kirche, die von Christus eine Botschaft der
Befreiung empfangen hat, hat den Auftrag, diese prophetisch zu verbreiten, indem
sie Denk- und Verhaltensweisen fördert, die dem Willen des Herrn entsprechen. In
diesem Zusammenhang kann die Frau des geweihten Lebens, ausgehend von ihrer
Erfahrung von Kirche und von der Frau in der Kirche, zur Beseitigung mancher
einseitiger Ansichten beitragen, die nicht die volle Anerkennung ihrer Würde,
ihres spezifischen Beitrags zum Leben und zum pastoralen und missionarischen
Wirken der Kirche zum Ausdruck bringen. Deshalb ist das Bestreben der Frau des
geweihten Lebens gerechtfertigt, ihre Identität, ihre Fähigkeit, ihre Sendung,
ihre Verantwortung sowohl im Bewubtsein der Kirche als auch im täglichen Leben
klarer anerkannt zu sehen.Auch die Zukunft der Neuevangelisierung, wie übrigens
aller anderen Formen missionarischer Tätigkeit, ist ohne einen erneuerten
Beitrag der Frauen, insbesondere der Frauen des geweihten Lebens undenkbar.
Neue Perspektiven für Präsenz und Tätigkeit
58. Es bedarf daher dringend einiger konkreter Schritte, davon
ausgehend, dab den Frauen Räume zur Mitwirkung in verschiedenen Bereichen
und auf allen Ebenen eröffnet werden, auch in den Prozessen der
Entscheidungsfindung, vor allem dort, wo es um sie selbst geht.Notwendig ist
auch, dab die Ausbildung der Frauen ebenso wie die der Männer des geweihten
Lebens den neuen Erfordernissen angepabt wird und genügend Zeit und brauchbare
institutionelle Möglichkeiten für eine systematische Erziehung vorgesehen sind,
die alle Gebiete, von der theologisch-pastoralen Ausbildung bis zur beruflichen
Praxis, umfassen soll. Die stets wichtige pastorale und katechetische Ausbildung
gewinnt im Hinblick auf die Neuevangelisierung besondere Bedeutung, die auch von
den Frauen neue Formen der Mitwirkung verlangt.Man kann davon ausgehen, dab die
Vertiefung bei der Ausbildung der Frau des geweihten Lebens zu einem besseren
Verständnis ihrer eigenen Gaben verhilft und auch Anregung zur notwendigen
Gegenseitigkeit innerhalb der Kirche sein wird. Auch auf dem Gebiet der
theologischen, kulturellen und spirituellen Reflexion darf man sich vom Genius
der Frau viel erwarten, nicht nur in bezug auf die besondere Eigenart des
geweihten Lebens, sondern auch was das Verständnis des Glaubens in allen seinen
Ausdrucksformen betrifft. Wieviel hat in diesem Zusammenhang die Geschichte der
Spiritualität einer hl. Theresia von Jesus und einer hl. Katharina von Siena,
den beiden ersten mit dem Titel Kirchenlehrer ausgezeichneten Frauen, und vielen
anderen Mystikerinnen zu verdanken, was die Erforschung des Geheimnisses Gottes
und die Analyse seiner Wirkung auf den Gläubigen betrifft! Die Kirche zählt sehr
auf die Frauen des geweihten Lebens wegen ihres ureigenen Beitrags in der
Förderung der Lehre, der Bräuche, und selbst des Familien- und
Gesellschaftslebens, besonders was die Würde der Frau und die Achtung vor dem
menschlichen Leben angeht.Denn »die Frauen haben einen einzigartigen und
vielleicht entscheidenden Denk- und Handlungsspielraum: sie sind es, die einen
‘neuen Feminismus' fördern müssen, der, ohne in die Versuchung zu verfallen,
‘Männlichkeits'-Vorbildern nachzujagen, durch den Einsatz zur Überwindung jeder
Form von Diskriminierung, Gewalt und Ausbeutung den echten weiblichen Geist in
allen Ausdrucksformen des bürgerlichen Zusammenlebens zu erkennen und zu
bekunden versteht«.s besteht Grund zu der Hoffnung, dab sich das geweihte Leben
der Frau durch eine fundiertere Anerkennung der Sendung der Frau immer stärker
der eigenen Rolle und ihrer gesteigerten Hingabe an das Gottesreiches bewubt
wird. Das wird sich in vielfältige Werke umsetzen lassen, wie in den Einsatz für
die Evangelisierung, die Erziehungstätigkeit, die Mitwirkung an der Ausbildung
der künftigen Priester und der Personen des geweihten Lebens, die Beseelung der
christlichen Gemeinde, die geistliche Begleitung und die Förderung der
grundlegenden Güter des Lebens und des Friedens. Den Frauen des geweihten Lebens
und ihrer aubergewöhnlichen Fähigkeit zur Hingabe spreche ich noch einmal die
Bewunderung und Dankbarkeit der ganzen Kirche aus, die ihnen beisteht, damit sie
ihre Berufung in Fülle und mit Freude leben und sich zu der erhabenen Aufgabe
aufgefordert wissen, mitzuhelfen bei der Ausbildung der Frau von heute.
II. BESTANDIGKEIT IM WIRKEN DES GEISTES: TREUE IN DER
NEUERUNG
Die Schwestern in der Klausur
59. Besondere Aufmerksamkeit verdienen das Klosterleben der
Frau und die Schwestern in der Klausur wegen der Hochachtung, die die
christliche Gemeinschaft dieser Lebensform entgegenbringt, die ein Zeichen der
ausschlieblichen Vereinigung der bräutlichen Kirche mit dem über alles geliebten
Herrn ist. Das Leben der Schwestern in der Klausur, die sich hauptsächlich dem
Gebet, der Askese und dem leidenschaftlichen Vorankommen im geistlichen Leben
widmen, ist in der Tat »nichts anderes als ein Streben nach dem himmlischen
Jerusalem, eine Vorwegnahme der endzeitlichen Kirche, unverwandt ausgerichtet
auf den Besitz und die Anschauung Gottes«.Im Lichte dieser kirchlichen Berufung
und Sendung entspricht die Klausur dem als prioritär erkannten Bedürfnis, beim
Herrn zu sein. Durch die Wahl eines begrenzten Raumes als Lebensort nehmen die
Schwestern in der Klausur an der tiefen Demut Christi teil durch eine radikale
Armut, die sich im Verzicht nicht nur auf Dinge, sondern auch auf den »Raum«,
auf die Kontakte und auf so viele Güter der Schöpfung ausdrückt. Diese besondere
Art, den »Leib« zu schenken, führt sie mit mehr Feingefühl in das eucharistische
Geheimnis ein. Sie bringen sich mit Jesus für das Heil der Welt dar. Über den
Aspekt des Opfers und der Sühne hinaus erwirbt ihre Hingabe auch den Aspekt der
Danksagung an den Vater in der Teilhabe an der Danksagung des geliebten
Sohnes.Die in dieser geistlichen Spannung verwurzelte Klausur ist nicht nur ein
asketisches Mittel von sehr hohem Wert, sondern eine Art und Weise, das
Ostern Christi zu leben.Aus Erfahrung des »Todes« wird die Klausur Überflub
des Lebens, indem sie sich als frohe Ankündigung und prophetische Vorwegnahme
der jedem einzelnen und der ganzen Menschheit angebotenen Möglichkeit darstellt,
allein für Gott in Christus Jesus zu leben (vgl. Röm
6,11). Die Klausur ruft also jene Kammer des Herzens wach, in der jeder
berufen ist, die Einheit mit dem Herrn zu leben. Als Geschenk empfangen und als
freie Antwort der Liebe gewählt ist die Klausur der Ort der geistlichen
Gemeinschaft mit Gott und mit den Brüdern und Schwestern, wo die Raum- und
Kontaktbeschränkung zum Vorteil der Verinnerlichung der evangelischen Räte
gereicht (vgl. Joh 13,34; Mt 5,3.8).Die Klausurgemeinschaften, die
die Stadt auf dem Berg und das Licht auf dem Leuchter (vgl. Mt
5,14-15) darstellen, versinnbildlichen bei aller Einfachheit ihres Lebens
sichtbar das Ziel, auf das die ganze Gemeinschaft der Kirche zugeht, die
»voll Eifer der Tätigkeit hingegeben und doch frei für die Beschauung«auf den
Straben der Zeit vorwärtsgeht, den Blick fest auf die künftige Erneuerung von
allem in Christus gerichtet, wenn die Kirche mit ihrem Bräutigam vereint in
Herrlichkeit erscheint (vgl. Kol 3,1-4)«und Christus »jede Macht, Gewalt
und Kraft vernichtet hat und seine Herrschaft Gott, dem Vater, übergibt [...],
damit Gott herrscht über alles und in allem« (1 Kor 15,24.28).Diesen
geliebten Schwestern gilt deshalb meine Dankbarkeit und die Ermunterung, dem
Klausurleben gemäb ihrem Charisma treu zu bleiben. Dank ihres Beispiels
verzeichnet diese Lebensform ständig zahlreiche Berufungen, die von der
Radikalität eines »bräutlichen« Daseins angezogen sind, das sich Gott in der
Kontemplation vollkommen hingibt. Als Ausdruck reiner Liebe, die mehr wert ist
als jedes Werk, entfaltet das kontemplative Leben eine auberordentliche
apostolische und missionarische Wirksamkeit.ie Synodenväter haben dem Wert des
Klausurlebens gegenüber hohe Anerkennung zum Ausdruck gebracht und gleichzeitig
die hie und da vorgetragenen Anfragen bezüglich dessen konkreter Ordnung
geprüft. Die Hinweise der Synode zum Thema und besonders der Wunsch nach einem
stärkeren Verantwortungsbewubtmachen der höheren Oberinnen auf dem Gebiet der
Teilaufhebung der Klausur aus einem gerechten und schwerwiegenden Grundwerden
zum Gegenstand einer organischen Überlegung auf der Linie des Weges der vom II.
Vatikanischen Konzil ausgehenden und bereits verwirklichten Erneuerung.Auf diese
Weise wird die Klausur in den verschiedenen Formen und Stufen– von der
päpstlichen und der konstitutionsmäbigen bis hin zur monastischen Klausur– der
Verschiedenheit der kontemplativen Institute und der Traditionen der Klöster
besser entsprechen.Wie die Synode weiter betont hat, sollen darüber hinaus die
Vereinigungen
und Föderationen zwischen Klöstern gefördert werden, wie sie schon
von Pius XII. und vom II. Vatikanischen Konzil empfohlen wurden,besonders dort,
wo keine anderen wirksamen Formen der Koordinierung und der Hilfe bestehen, um
die Werte des kontemplativen Lebens zu schützen und zu fördern. Unter
Berücksichtigung der rechtmäbigen Autonomie der Klöster können derartige
Organismen in der Tat eine wirksame Hilfe bieten zu angemessener Lösung
gemeinsamer Probleme, wie der vorteilhaften Erneuerung der Aus- und
Weiterbildung, der gegenseitigen wirtschaftlichen Unterstützung und auch der
Reorganisation der Klöster selbst.
Die Ordensbrüder
60. Gemäb der überlieferten Lehre der Kirche ist das geweihte
Leben seiner Natur nach weder laikal noch klerikal ,und darum stellt die
»Weihe von Laien«, von Männern wie Frauen, einen in sich vollkommenen Stand der
Gelübde der evangelischen Räte dar.Sie hat daher sowohl für die betreffende
Person als auch für die Kirche einen eigenen Wert, unabhängig vom
Weiheamt.Entsprechend der Lehre des II. Vatikanischen Konzilshat die Synode hohe
Wertschätzung für diese Form des geweihten Lebens ausgesprochen, in der die
Ordensbrüder innerhalb und auberhalb der Kommunität verschiedene und wertvolle
Dienste vollbringen und so an dem Sendungsauftrag teilnehmen, das Evangelium zu
verkünden und es im täglichen Leben durch die Liebe zu bezeugen. Denn einige
dieser Dienste können als kirchliche Dienstämter
betrachtet werden, die die rechtmäbige Autorität ihnen überträgt. Dies erfordert
eine angemessene und vollständige Ausbildung: menschlich, geistlich,
theologisch, pastoral und beruflich.Nach geltendem Sprachgebrauch heiben die
Institute, die durch Entscheidung des Stifters oder kraft einer rechtmäbigen
Überlieferung eine Eigenart und Zielsetzung haben, die nicht die Ausübung der
heiligen Weihe einschlieben, »laikale Institute«.Doch wurde auf der Synode klar
herausgestellt, dab diese Bezeichnung die besondere Eigenart der Berufung der
Mitglieder solcher Ordensinstitute nicht angemessen zum Ausdruck bringt. Denn
auch wenn sie viele Dienste ausführen, die ebenso den gläubigen Laien gemeinsam
sind, tun sie es mit ihrer Identität geweihter Personen und bringen so den Geist
der Ganzhingabe an Christus und an die Kirche gemäb ihrem spezifischen Charisma
zum Ausdruck.Um jede Zweideutigkeit und Verwechslung mit dem Weltcharakter der
gläubigen Laien zu vermeiden,haben deshalb die Synodenväter die Bezeichnung
Ordensinstitute der Brüder
vorgeschlagen.Der Vorschlag ist bedeutungsvoll, vor allem wenn man bedenkt, dab
die Bezeichnung »Bruder« auch auf eine reiche Spiritualität hinweist. »Diese
Ordensmänner sind berufen, Brüder Christi zu sein, mit ihm, ‘dem Erstgeborenen
von vielen Brüdern' (Röm 8,29), eng verbunden; Brüder untereinander zu
sein in der gegenseitigen Liebe und in der Zusammenarbeit im selben Dienst zum
Wohl der Kirche; Brüder eines jeden Menschen zu sein durch das Zeugnis der Liebe
Christi zu allen, besonders den Niedrigsten und Bedürftigsten; Brüder zu sein
für eine gröbere Brüderlichkeit in der Kirche«.Während die »Ordensbrüder« in
besonderer Weise diesen Aspekt des christlichen und zugleich geweihten Lebens
leben, erinnern sie die Ordenspriester wirksam an die fundamentale Dimension der
Brüderlichkeit in Christus, die untereinander und mit jedem Menschen gelebt
werden mub, und verkündigen allen das Wort des Herrn: »Ihr alle seid Brüder« (Mt
23,8).In diesen »Ordensinstituten der Brüder« hindert nichts daran, dab einige
Mitglieder für den priesterlichen Dienst in der eigenen Ordenskommunität die
heiligen Weihen empfangen,wenn das Generalkapitel dies festgelegt hat. Doch das
II. Vatikanische Konzil bietet dazu keine ausdrückliche Ermutigung, eben weil es
wünscht, dab die Institute der Brüder ihrer Berufung und Sendung treu bleiben.
Das gilt auch für den Zugang zum Amt des Superiors, wenn man bedenkt, dab dies
in besonderer Weise die Natur des Instituts widerspiegelt.Anders ist die
Berufung der Brüder in jenen Instituten, die als »klerikal« bezeichnet werden,
weil sie aufgrund des Planes des Stifters oder kraft einer rechtmäbigen
Überlieferung die Ausübung der heiligen Weihe vorsehen, unter der Leitung von
Klerikern stehen und von der Autorität der Kirche als solche anerkannt sind.In
diesen Instituten ist das Weiheamt eben grundlegend für das Charisma und
bestimmt dessen Eigenart, Zielsetzung und Geist. Die Anwesenheit von Brüdern
stellt eine differenzierte Beteiligung am Auftrag des Instituts durch Dienste
dar, die im Zusammenwirken mit jenen, die das Priesteramt ausüben, sowohl
innerhalb der Kommunitäten als auch in den apostolischen Werken geleistet
werden.
Gemischte Institute
61. Einige Ordensinstitute, die aufgrund des ursprünglichen
Planes des Stifters die Gestalt von Brüdergemeinschaften hatten, in denen alle
Mitglieder – Priester und Nichtpriester – untereinander als gleich angesehen
wurden, haben im Laufe der Zeit einen verschiedenen Charakter angenommen. Diese
sogenannten »gemischten« Institute sollen auf der Grundlage der Vertiefung des
eigenen Gründungscharismas erwägen, ob eine Rückkehr zur ursprünglichen
Inspiration angebracht und möglich ist.Die Synodenväter haben den Wunsch
geäubert, dab in diesen Instituten allen Personen des geweihten Lebens gleiche
Rechte und Pflichten zuerkannt werden, ausgenommen jene, die sich aus der
heiligen Weihe ergeben.Zur Prüfung und Lösung der mit dieser Frage verbundenen
Probleme ist eine eigene Kommission eingerichtet worden, deren Beschlüsse man
abwarten sollte, um dann entsprechend der autoritätsgemäben Entscheidung die
angebrachten Wahlen zu treffen.
Neue Formen evangelischen Lebens
62. Der Heilige Geist, der zu verschiedenen Zeiten zahlreiche
Formen des geweihten Lebens geweckt hat, steht der Kirche unaufhörlich bei
sowohl dadurch, dab er in den bereits bestehenden Instituten das Engagement zur
Erneuerung in Treue zum ursprünglichen Charisma fördert, als auch dadurch, dab
er Männern und Frauen unserer Zeit neue Charismen zuteilt, damit sie
Institutionen ins Leben rufen, die auf die Herausforderungen von heute eine
Antwort geben können. Ein Zeichen für dieses göttliche Eingreifen sind die
sogenannten Neugründungen , die im Vergleich zu den herkömmlichen
Instituten in gewisser Weise originelle Wesenszüge aufweisen.Die Originalität
der neuen Gemeinschaften besteht häufig darin, dab es sich um gemischte
Gruppen aus Frauen und Männern, aus Klerikern und Laien, aus Verheirateten
und zölibatär Lebenden handelt, die einen besonderen Lebensstil befolgen, der
sich bisweilen an der einen oder anderen traditionellen Form inspiriert oder
sich an die Bedürfnisse der heutigen Gesellschaft anpabt. Auch die Verpflichtung
zu einem Leben nach dem Evangelium findet in unterschiedlichen Formen Ausdruck,
während als allgemeine Ausrichtung sich ein intensives Verlangen nach dem
Gemeinschaftsleben, nach der Armut und nach dem Gebet abzeichnet. Die Leitung
wird je nach ihren Kompetenzen Klerikern und Laien übertragen, und das
apostolische Ziel öffnet sich den Erfordernissen der Neuevangelisierung.Wenn
auch angesichts des Wirkens des Geistes einerseits Grund zur Freude besteht, mub
man andererseits die Unterscheidung der Charismen vornehmen. Um von
geweihtem Leben sprechen zu können, gilt grundsätzlich, dab sich die
spezifischen Wesenszüge der neuen Gemeinschaften und Lebensformen tatsächlich
auf die dem geweihten Leben eigenen wesentlichen theologischen und kanonischen
Elemente gründen.Diese Unterscheidung ist sowohl auf Orts- als auch auf
Universalebene notwendig, um dem einen Geist gemeinsam Gehorsam zu leisten. In
den Diözesen überprüfe der Bischof das Lebenszeugnis und die Rechtgläubigkeit
von Stiftern und Stifterinnen solcher Gemeinschaften, ihre Spiritualität, die
kirchliche Gesinnung bei der Erfüllung ihrer Sendung, die Ausbildungsmethoden
und die Formen der Eingliederung in die Gemeinschaft; er beurteile mit Weisheit
eventuelle Schwachheiten, indem er geduldig auf die Überprüfung der Früchte
wartet, um die Echtheit des Charismas erkennen zu können (vgl. Mt
7,16).Insbesondere wird er ersucht, im Lichte klarer Kriterien die Eignung all
derer in diesen Gemeinschaften festzustellen, die um Zulassung zu den heiligen
Weihen bitten.raft desselben Unterscheidungsgrundsatzes können in die besondere
Kategorie des geweihten Lebens jene an sich lobenswerten Formen des Engagements
nicht einbezogen werden, das einige christliche Eheleute in kirchlichen
Vereinigungen oder Bewegungen zeigen, wenn sie in der Absicht, ihre Liebe, die
schon »geweiht« ist wie im Ehesakramentzur Vollkommenheit zu bringen, mit einem
Gelübde die Pflicht der eigenen Keuschheit im Eheleben bestätigen und, ohne ihre
Pflichten gegenüber den Kindern zu vernachlässigen, die Armut und den Gehorsam
geloben.Die notwendige Präzisierung bezüglich der Art einer solchen Erfahrung
möchte diesen besonderen, an seinen Gaben und Anregungen unendlich reichen Weg
der Heiligung, an der das Wirken des Heiligen Geistes sicher nicht unbeteiligt
ist, nicht unterbewerten.Angesichts des groben Reichtums an Gaben und
Erneuerungsimpulsen scheint es zweckmäbig, eine Kommission für Fragen in
bezug auf die neuen Formen des geweihten Lebens mit dem Ziel zu errichten,
Kriterien für die Echtheit festzulegen, die bei der Unterscheidung und bei den
Entscheidungen hilfreich sein sollen.Diese Kommission wird unter anderen
Aufgaben im Lichte der Erfahrung der letzten Jahrzehnte bewerten müssen, welche
neuen Weiheformen die kirchliche Autorität mit pastoraler Klugheit und zum
allgemeinen Nutzen offiziell anerkennen und den Gläubigen, die nach einem
vollkommeneren christlichen Leben verlangen, vorschlagen könne.Diese neuen
Vereinigungen eines Lebens nach dem Evangelium
sind keine Alternativen zu den früheren Institutionen, die weiter den
hervorragenden Platz einnehmen, den die Überlieferung ihnen eingeräumt hat. Auch
die neuen Formen sind eine Gabe des Geistes, damit die Kirche ihrem Herrn mit
steter hochherziger Begeisterung folge und aufmerksam auf den Ruf Gottes achte,
der sich durch die Zeichen der Zeit offenbart. So zeigt sie sich der Welt in der
Mannigfaltigkeit der Formen von Heiligkeit und Diensten, was »Zeichen und
Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen
Menschheit«ist. Die alten Institute, von denen viele zwar härteste Prüfungen
durchgemacht, aber sich Jahrhunderte lang tapfer gehalten haben, können eine
Bereicherung erfahren, wenn sie mit den in unserer Zeit entstehenden Gründungen
den Dialog aufnehmen und Gaben austauschen.Auf diese Weise wird die Lebenskraft
der verschiedenen Einrichtungen des geweihten Lebens, von den ältesten bis zu
den jüngsten, ebenso wie die Lebendigkeit der neuen Gemeinschaften die Treue zum
Heiligen Geist fördern, der Ursprung der Gemeinschaft und ewiger Erneuerung des
Lebens ist.
III. DER BLICK IN DIE ZUKUNFT
Schwierigkeiten und Perspektiven
63. Die Veränderungen, die in der Gesellschaft in Gang sind,
und der Rückgang an Berufungen lasten schwer auf dem geweihten Leben in einigen
Gegenden der Welt. Die apostolischen Werke vieler Institute und selbst ihre
Anwesenheit in manchen Ortskirchen stehen auf dem Spiel. Wie schon öfter in der
Geschichte, gibt es sogar Institute, deren Existenz Gefahr läuft aufzuhören. Die
Universalkirche ist ihnen auberordentlich dankbar für den grobartigen Beitrag,
den sie durch ihr Zeugnis und ihren Dienst zum Aufbau der Kirche geleistet
haben.Die heutige besorgniserregende Situation macht ihre Verdienste und die
Früchte, die dank ihrer Mühen zur Reife gelangten, keineswegs zunichte.Für
andere Institute wiederum stellt sich mehr das Problem der Reorganisation der
Werke. Diese nicht einfache und nicht selten schmerzvolle Aufgabe erfordert
Studium und Unterscheidung im Licht bestimmter Kriterien. So gilt es zum
Beispiel den Sinn des eigenen Charismas zu wahren, das geschwisterliche Leben zu
fördern, die Bedürfnisse sowohl der Gesamt- als auch der Teilkirche zu
berücksichtigen, sich um das zu kümmern, was die Welt vernachlässigt, grobzügig
und mutig, wenn auch mit notgedrungen spärlichen Eingriffen, auf die neuen
Formen von Armut, vor allem an den verlassensten Orten, zu antworten.ie
verschiedenen Schwierigkeiten, die vom Rückgang an Personal und an Initiativen
herrühren, dürfen auf keinen Fall zu einem Vertrauensverlust in die
evangelische Kraft des geweihten Lebens führen, die in der Kirche immer
vorhanden und wirksam sein wird. Auch wenn die einzelnen Institute kein Vorrecht
auf ihren Fortbestand haben, wird das geweihte Leben weiterhin unter den
Gläubigen die Antwort der Liebe zu Gott und zu den Brüdern und Schwestern
fördern. Darum gilt es, die historische Wechselfolge eines bestimmten
Instituts oder einer Form des geweihten Lebens von der kirchlichen Sendung
des geweihten Lebens als solchem zu unterscheiden. Ersteres kann sich mit der
Veränderung der Situationen ändern, die zweite aber ist zum Nichtvergehen
bestimmt.Das gilt sowohl für das geweihte Leben in der kontemplativen Form als
auch für jenes, das sich den Werken des Apostolats widmet. Es ist in seiner
Gesamtheit unter dem immer neuen Wirken des Geistes bestimmt, weiterzubestehen
als leuchtendes Zeugnis der unauflöslichen Einheit von Gottesliebe und
Nächstenliebe, als lebendige Erinnerung an die auch menschliche und soziale
Fruchtbarkeit der Gottesliebe. Man mub sich daher den neuen Notsituationen mit
der Gelassenheit desjenigen stellen, der weib, dab von jedem einzelnen nicht
so sehr der Erfolg als die Verpflichtung zur Treue verlangt wird. Was
unbedingt vermieden werden mub, ist die wirkliche Niederlage des geweihten
Lebens, die nicht in der zahlenmäbigen Abnahme, sondern im Schwinden der
geistlichen Hinwendung zum Herrn und zur eigenen Berufung und Sendung besteht.
Hingegen wird durch treues Ausharren in ihr mit grober Wirksamkeit auch
gegenüber der Welt das eigene feste Vertrauen in den Herrn der Geschichte
bekannt, in dessen Händen die Zeit und die Geschicke der einzelnen, der
Institutionen, der Völker und somit auch die geschichtliche Ausführung seiner
Gaben liegen. Die schmerzlichen Krisensituationen sind für die Personen des
geweihten Lebens ein Ansporn, mit Festigkeit den Glauben an den Tod und die
Auferstehung Christi zu verkünden, um zum sichtbaren Zeichen des Durchgangs vom
Tod zum Leben zu werden.
Neuaufschwung der Berufungspastoral
64. Die Sendung des geweihten Lebens und die Lebenskraft der
Institute hängen gewib von der Treueverpflichtung ab, mit der die Personen des
geweihten Lebens auf ihre Berufung antworten, sie haben aber nur in dem Mabe
Zukunft, in dem andere Männer und Frauen den Ruf des Herrn hochherzig
annehmen. Das Problem der Berufungen ist eine echte Herausforderung, die
direkt die Institute betrifft, aber die ganze Kirche mit einbezieht. Auf dem
Gebiet der Berufungspastoral werden grobe geistige und materielle Energien
eingesetzt, doch die Ergebnisse entsprechen nicht immer den Erwartungen und
Anstrengungen. So kann es geschehen, dab die Berufungen zum geweihten Leben in
den jungen Kirchen und in jenen, die unter Verfolgungen durch totalitäre Regime
gelitten haben, blühen, während es in den traditionellerweise an Berufungen–
auch für die Mission– reichen Ländern mangelt.Diese schwierige Lage stellt die
Personen des geweihten Lebens auf die Probe und sie fragen sich mitunter: haben
wir etwa die Fähigkeit verloren, neue Berufungen anzuziehen? Man mub Vertrauen
in den Herrn Jesus setzen, der immer noch in seine Nachfolge ruft, und sich dem
Heiligen Geist anvertrauen, dem Urheber und Anstifter der Charismen des
geweihten Lebens. Während wir uns also über das Wirken des Geistes freuen, der
die Braut Christi dadurch verjüngt, dab er das geweihte Leben in vielen Nationen
blühen läbt, müssen wir inständig zum Herrn der Ernte beten, damit er Arbeiter
in seine Kirche sende, um sie für die dringenden Erfordernisse der
Neuevangelisierung bereit zu machen (vgl. Mt 9,37-38). Auber der
Förderung des Gebets um Berufungen ist es dringend notwendig, sich durch eine
klare Verkündigung und eine entsprechende Katechese darum zu bemühen, bei den
zum geweihten Leben Berufenen jene freie, aber bereite und hochherzige Antwort
zu fördern, die die Gnade der Berufung wirksam werden läbt.Die Einladung Jesu:
»Kommt und seht!« (Joh 1,39) ist noch heute die goldene Regel der
Berufungspastoral. Diese setzt sich zum Ziel, nach dem Beispiel der Stifter und
Stifterinnen
den Glanz der Person des Herrn Jesus und die Schönheit der Ganzhingabe
seiner selbst an die Sache des Evangeliums zu zeigen. Vorrangige Aufgabe aller
Personen des geweihten Lebens ist es also, mutig durch Wort und Beispiel das
Ideal der Nachfolge Christi vorzustellen und dann die Antwort auf die Impulse
des Heiligen Geistes in den Herzen der Berufenen zu unterstützen.Auf die
Begeisterung der ersten Begegnung mit Christus wird natürlich die geduldige Mühe
um die Entsprechung im täglichen Leben folgen, das die Berufung zu einer
Geschichte der Freundschaft mit dem Herrn macht. Zu diesem Zweck bedient sich
die Berufungspastoral geeigneter Hilfsmittel, wie der geistlichen Führung
, um jene persönliche Antwort der Liebe zum Herrn zu fördern, die wesentliche
Bedingung ist, um Jünger und Apostel seines Reiches zu werden. Auch wenn das
Blühen von Berufungen, wie es sich in verschiedenen Teilen der Welt zeigt,
Optimismus und Hoffnung rechtfertigt, so darf der Mangel in anderen Regionen
weder zur Mutlosigkeit noch zur Versuchung zu leichfertigen und unbedachten
Anwerbungen verleiten. Die Aufgabe der Förderung von Berufungen mub so erfüllt
werden, dab sie zunehmend als eine gemeinsame Verpflichtung der ganzen Kirche
erscheint.Sie erfordert daher die aktive Zusammenarbeit von Seelsorgern,
Ordensleuten, Familien und Erziehern, wie es einem Dienst zusteht, der
integraler Bestandteil der Gesamtpastoral jeder Teilkirche ist. Es soll daher in
jeder Diözese diesen gemeinsamen Dienst geben, der die Kräfte koordiniert
und vermehrt, ohne jedoch die für Berufungen entwickelte Aktivität jedes
einzelnen Instituts zu beeinträchtigen, ja vielmehr diese zu fördern.iese von
der Vorsehung getragene tätige Zusammenarbeit des ganzen Gottesvolkes wird
notwendigerweise die Fülle der göttlichen Gaben anregen. Die christliche
Solidarität möge den Notwendigkeiten der Ausbildung von Berufungen in den
wirtschaftlich ärmeren Ländern weithin entgegenkommen. Die Förderung von
Berufungen in diesen Nationen soll von den verschiedenen Instituten in vollem
Einklang mit den Ortskirchen auf der Grundlage einer aktiven und langfristigen
Einbeziehung in ihre Pastoral vorgenommen werden.Die zutreffendste Art, das
Wirken des Geistes zu unterstützen, wird es sein, grobzügig die besten Kräfte in
die Berufungsaktivität zu investieren, besonders durch entsprechende Hingabe an
die Jugendpastoral.
Die Aufgabe der Anfangsausbildung
65. Besondere Aufmerksamkeit hat die Synodenversammlung der
Ausbildung dessen vorbehalten, der die Absicht hat, sich dem Herrn zu
weihen,indem ihre entscheidende Bedeutung anerkannt wird. Zentrales Ziel
des Ausbildungsweges ist die Vorbereitung des einzelnen auf seine Ganzhingabe an
Gott in der Nachfolge Christi zum Dienst der Sendung. »Ja« zu sagen auf den Ruf
des Herrn und persönlich die Dynamik des Wachsens der Berufung anzunehmen, liegt
in der unveräuberlichen Verantwortung eines jeden Berufenen, der den Raum seines
Lebens für das Wirken des Heiligen Geistes öffnen mub; es heibt, den
Ausbildungsweg mit Edelmut beschreiten und in Treue die Fürsprache annehmen, die
der Herr und die Kirche anbieten.ie Ausbildung wird daher die Person in ihrem
tiefsten Inneren erreichen müssen, so dab jede ihrer Verhaltensweisen oder
Gebärden sowohl in den wichtigen Augenblicken als auch in den gewöhnlichen
Lebensumständen ihre volle und frohe Zugehörigkeit zu Gott enthülle.Da das Ziel
des geweihten Lebens in der Gleichgestaltung mit dem Herrn Jesus und in der
Ganzhingabe an ihnbesteht, mub die Ausbildung vor allem auf dieses abzielen.
Es handelt sich um einen Weg der fortschreitenden Assimilierung der Gesinnung
Christi an den Vater.Wenn dies der Zweck des geweihten Lebens ist, wird die
Methode, die darauf vorbereitet, das Merkmal der Ganzheit annehmen und
ausdrücken müssen. Sie mub Ausbildung der ganzen Personsein, in jedem Aspekt
ihrer Individualität, im Verhalten wie in den Absichten. Es ist klar, dab gerade
wegen des Strebens nach der Umgestaltung der ganzen Person die Aufgabe der
Bildung niemals aufhört. Es ist tatsächlich notwendig, dab den Personen des
geweihten Lebens bis zum Ende die Chance geboten wird, im Festhalten am Charisma
und an der Sendung ihres Instituts zu wachsen.Die Ausbildung soll, um
vollständig zu sein, alle Bereiche des christlichen Lebens und des geweihten
Lebens umfassen. Es ist daher eine menschliche, kulturelle, spirituelle und
pastorale Vorbereitung vorzusehen, wobei besonders darauf zu achten ist, dab die
harmonische Integration der verschiedenen Aspekte begünstigt wird. Für die
Anfangsausbildung, die als Entwicklungsprozeb verstanden wird, der jede Stufe
der persönlichen Reifung – von der psychologischen und geistlichen bis hin zur
theologischen und pastoralen – durchläuft, mub ein ausreichender Zeitraum
vorgesehen werden. Im Fall der Berufungen zum Priestertum fällt dieser mit einem
spezifischen Studienprogramm als Teil eines umfassenderen Ausbildungsganges
zusammen und wird mit ihm in Einklang gebracht.
Das Werk der Ausbilder und Ausbilderinnen
66. Gott Vater ist in der ständigen Gabe Christi und des
Geistes im wahrsten Sinne des Wortes der Ausbilder dessen, der sich ihm
weiht. Aber bei diesem Werk bedient er sich der menschlichen Vermittlung, indem
er dem, den er ruft, einige ältere Brüder und Schwestern an die Seite stellt.
Die Ausbildung ist also Teilhabe am Handeln des Vaters, der durch den Geist im
Herzen der jungen Männer und Frauen die Gesinnung des Sohnes formt. Die
Ausbilder und Ausbilderinnen müssen daher erfahrene Personen auf dem Weg der
Suche nach Gott sein, um auch andere auf diesem Weg begleiten zu können. Wenn
sie auf das Wirken der Gnade achten, werden sie in der Lage sein, auch auf die
weniger augenfälligen Hindernisse hinzuweisen, vor allem aber werden sie die
Schönheit der Nachfolge des Herrn und den Wert des Charismas aufzeigen, in dem
diese sich erfüllt. Im Licht geistlicher Weisheit werden sie das von den
menschlichen Mitteln gebotene Wissen verbinden, das eine Hilfe sein kann sowohl
in der Entscheidung bezüglich der Berufung als auch in der Ausbildung des neuen
Menschen, damit er ganz frei werde. Ein wichtiges Mittel der Ausbildung ist das
persönliche Gespräch, das als Gewohnheit von unersetzlicher und erprobter
Wirksamkeit mit Regelmäbigkeit und einer gewissen Häufigkeit geführt werden
soll.Angesichts so heikler Aufgaben erscheint die Ausbildung geeigneter
Ausbilder wirklich wichtig, die in ihrem Dienst eine grobe Übereinstimmung mit
dem Weg der ganzen Kirche gewährleisten sollen. Es wird notwendig sein,
entsprechende Strukturen für die Ausbildung der Ausbilder möglichst an
Orten zu errichten, wo der Kontakt mit der Kultur möglich ist, innerhalb der sie
ihren pastoralen Dienst dann ausüben sollen. Bei diesem Ausbildungswerk sollen
die Institute älterer und bewährter Tradition den Instituten jüngerer Gründung
durch die Bereitstellung einiger ihrer besten Mitglieder Hilfe leisten.
Eine gemeinschaftliche und apostolische Ausbildung
67. Da die Ausbildung auch gemeinschaftlich sein soll,
ist die Kommunität für die Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften
des apostolischen Lebens der bevorzugte Ort. In ihr erfolgt die Einweihung in
die Mühe und in die Freude des Zusammenlebens. In der Brüderlichkeit lernt ein
jeder mit dem zu leben, den Gott neben ihn gestellt hat, indem er seine
positiven Wesensmerkmale und zugleich seine Andersartigkeit und seine Grenzen
annimmt. Insbesondere lernt er, die für die Erbauung aller empfangenen Gaben mit
den anderen zu teilen, denn »jedem wird die Offenbarung des Geistes geschenkt,
damit sie anderen nützt« (1 Kor
12, 7).Gleichzeitig soll das Gemeinschaftsleben von der ersten Ausbildung an die
missionarische Dimension der Weihe an Gott zeigen. Darum wird es während der
Anfangsausbildung in den Instituten des geweihten Lebens nützlich sein, konkrete
und vom Ausbilder bzw. von der Ausbilderin umsichtig begleitete Erfahrungen zu
machen, um im Dialog mit der umgebenden Kultur apostolische Verhaltensweisen,
Anpassungsfähigkeiten und Unternehmungsgeist zu üben.Wenn es einerseits wichtig
ist, dab die Person des geweihten Lebens sich nach und nach ein im Sinne des
Evangeliums kritisches Bewubtsein gegenüber den Werten und Unwerten der eigenen
und jener Kultur bildet, der sie in ihrem künftigen Arbeitsbereich begegnen
wird, so mub sie sich andererseits in der schwierigen Kunst der Einheit des
Lebens, der gegenseitigen Durchdringung der Liebe zu Gott und der Liebe zu den
Brüdern und Schwestern üben und dabei erfahren, dab das Gebet die Seele des
Apostolates ist, aber auch, dab das Apostolat das Gebet belebt und anregt.
Die Notwendigkeit einer vollständigen und zeitgemäben
ratio
68. Eine ausdrückliche Dauer der Ausbildung, die bis zur ewigen
Profeb reichen soll, wird auch den weiblichen Instituten ebenso wie den
männlichen bzw. den Ordensbrüdern empfohlen. Das gilt im wesentlichen auch für
die Klausurgemeinschaften, die sich im Hinblick auf eine authentische Ausbildung
zum kontemplativen Leben und auf ihren besonderen Auftrag in der Kirche um die
Ausarbeitung eines angemessenen Programms bemühen sollen.Die Synodenväter haben
alle Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften des apostolischen
Lebens inständig gebeten, sobald wie möglich eine ratio institutionis, d.
h. einen am Charisma des Instituts inspirierten Ausbildungsplan zu erarbeiten,
in dem klar und dynamisch der Weg dargelegt wird, der gegangen werden mub, um
sich die Spiritualität des eigenen Instituts vollkommen anzueignen. Die ratio
antwortet heute auf eine echte Notwendigkeit: sie zeigt einerseits auf, wie der
Geist des Instituts vermittelt werden soll, damit er von den jungen Generationen
in der Unterschiedlichkeit der Kulturen und der geographischen Lagen
unverfälscht gelebt werde; andererseits erläutert sie den Personen des geweihten
Lebens die Wege, um den gleichen Geist in den verschiedenen Lebensphasen im
Fortschreiten auf die volle Reife des Glaubens an Christus hin zu leben.Wenn es
also zutrifft, dab die Erneuerung des geweihten Lebens hauptsächlich von der
Ausbildung abhängt, so ist es ebenfalls richtig, dab diese ihrerseits an die
Fähigkeit gebunden ist, eine an geistlicher und pädagogischer Weisheit reiche
Methode vorzuschlagen, die den, der sich Gott zu weihen wünscht, nach und nach
dahin führt, die selbstlose Gesinnung Christi, des Herrn, anzunehmen. Die
Ausbildung ist ein Lebensprozeb, durch den sich der Mensch bis in die Tiefen
seines Seins zum Wort Gottes bekehrt und zugleich die Kunst erlernt, in der
Wirklichkeit der Welt die Zeichen Gottes zu suchen. In einer Zeit wachsender
Verdrängung der religiösen Werte aus der Kultur ist dieser Ausbildungweg in
doppeltem Sinn bedeutsam: dank diesem vermag die Person des geweihten Lebens
nicht nur Gott weiterhin mit den Augen des Glaubens in einer Welt zu »sehen«,
die seine Gegenwart ignoriert, sondern es gelingt ihr auch, durch das Zeugnis
des eigenen Charismas seine Gegenwart irgendwie »wahrnehmbar« zu machen.
Die ständige Weiterbildung
69. Die ständige Weiterbildung ist sowohl für die Institute des
apostolischen Lebens als auch für die des kontemplativen Lebens ist eine für die
Weihe an Gott wesentliche Forderung. Der Ausbildungsprozeb beschränkt sich, wie
gesagt, nicht auf seine Anfangsphase, weil nun einmal wegen der menschlichen
Grenzen die Person des geweihten Lebens niemals annehmen kann, sie habe das
Heranwachsen jenes neuen Menschen vollendet, der in sich in jeder
Lebenssituation die Gesinnung Christi erfährt. Die
Anfangsausbildung mub sich darum mit jener ständigen Weiterbildung
verbinden, die im Menschen die Bereitschaft erzeugt, sich an jedem Tag des
Lebens bilden zu lassen.nfolgedessen wird es sehr entscheidend sein, dab jedes
Institut als Teil der ratio institutionis die möglichst präzise und
systematische Definition eines Planes für die ständige Weiterbildung vorsieht,
dessen Hauptzweck es sein soll, jede Person des geweihten Lebens mit einem das
ganze Leben umfassenden Programm zu begleiten. Keiner kann umhin, sich seinem
menschlichen und religiösen Wachstum zu widmen, so wie sich keiner anmaben kann,
sein Leben in Selbstgenügsamkeit zu führen. Keine Lebensphase kann sich für so
sicher und eifrig halten, dab man die Notwendigkeit besonderer
Vorsichtsmabnahmen aus-schlieben soll, um so das Ausharren in der Treue zu
gewährleisten, ebenso wie es kein Alter gibt, das die Reifung der Person als
beendet ansehen könnte.
In einem Dynamismus der Treue
70. Es gibt eine Jugendlichkeit des Geistes, die zeitlich
weiterbesteht: sie steht in Verbindung mit der Tatsache, dab der einzelne für
jeden Lebensabschnitt eine andere zu erfüllende Aufgabe, eine besondere
Seinsweise, eine besondere Art zu dienen und zu lieben sucht und findet.m
geweihten Leben stellen die ersten Jahre der vollen Eingliederung in die
apostolische Tätigkeit eine an und für sich kritische Phase dar, die
gekennzeichnet ist vom Übergang aus einem gelenkten Leben in eine Situation der
vollen tätigen Verantwortlichkeit. Es ist wichtig, dab junge Personen des
geweihten Lebens von einem Mitbruder oder einer Mitschwester unterstützt und
begleitet werden, der oder die ihnen helfen soll, die jugendliche Frische ihrer
Liebe und ihrer Begeisterung für Christus voll zu leben.In der anschliebenden
Phase kann sich das Risiko der Gewohnheit und die daraus folgende
Versuchung zur Enttäuschung über die Dürftigkeit der Ergebnisse einstellen. Da
gilt es nun, den Personen des geweihten Lebens des mittleren Lebensalters zu
helfen, im Lichte des Evangeliums und der charismatischen Inspiration ihre
ursprüngliche Option neu zu überdenken, wobei die Vollständigkeit der Hingabe
nicht mit der Vollständigkeit des Ergebnisses verwechselt werden darf. Dadurch
wird es möglich, der eigenen Entscheidung neuen Schwung und neue Motivationen zu
geben. Es ist die Phase der Suche nach dem Wesentlichen.Die Phase des reifen
Alters kann zusammen mit dem persönlichen Wachstum die Gefahr eines
gewissen Individualismus
mit sich bringen, der sowohl von der Furcht, nicht mehr in die Zeit zu
passen, als auch von Phänomenen wie Erstarrung, Aufhören und Erschlaffung
begleitet ist. Hier hat die ständige Weiterbildung den Zweck zu helfen, damit
nicht nur eine höhere geistliche und apostolische Lebenshaltung wiedererlangt,
sondern auch die besondere Eigenart dieser Lebensphase entdeckt wird. Nach
Läuterung einiger Aspekte der Persönlichkeit steigt in dieser Lebensphase
tatsächlich die Selbsthingabe mit gröberer Lauterkeit und Hochherzigkeit zu Gott
empor und kommt ruhiger, diskreter und zugleich transparenter und gnadenreicher
auf die Brüder und Schwestern nieder. Das ist das Geschenk und die Erfahrung der
geistlichen Vater- und Mutterschaft. Das fortgeschrittene Alter wirft
neue Probleme auf, denen man mit einem umsichtigen Programm der spirituellen
Haltung vorbeugend begegnen mub. Das zunehmende Sich-Zurückziehen aus dem
aktiven Wirken, in manchen Fällen Krankheit und notgedrungene Untätigkeit,
stellen eine Erfahrung dar, die in hohem Mabe formend sein kann. Obwohl dieser
Rückzug oft schmerzlich ist, bietet er der Person des geweihten Lebens dennoch
die Gelegenheit, sich von der österlichen Erfahrung formen zu lassenund die
Gestalt des gekreuzigten Christus anzunehmen, der in allem den Willen des Vaters
erfüllt und sich in seine Händen gibt, bis er ihm den Geist zurückgibt. Diese
Gleichgestaltung ist eine neue Weise, die Weihe an Gott zu leben, die nicht an
die Effizienz einer Führungsaufgabe oder einer apostolischen Arbeit gebunden
ist.Wenn dann der Augenblick
kommt, um sich mit der letzten Stunde der Passion des Herrn zu vereinen,
weib die Person des geweihten Lebens, dab der Vater in ihm jenen
geheimnisvollen, vor langer Zeit eingeleiteten Bildungsprozeb nunmehr beendet.
Der Tod wird nun als der letzte Akt der Liebe und Selbsthingabe erwartet und
vorbereitet.Es mub hinzugefügt werden, dab jedes Alter, unabhängig von den
verschiedenen Lebensphasen, kritische Situationen kennenlernen kann durch die
Einwirkung äuberer Faktoren– Orts- oder Amtswechsel, Schwierigkeiten bei der
Arbeit oder apostolischer Miberfolg, Unverständnis oder Ausgrenzung usw. –oder
persönlicher Faktoren im engeren Sinn– physische oder psychische Erkrankung,
geistliche Leere, Trauer, Probleme zwischenmenschlicher Beziehungen, starke
Versuchungen, Glaubens- oder Identitätskrisen, Gefühl der Bedeutungslosigkeit,
und ähnliches. Wenn die Treue schwieriger wird, mub dem einzelnen mehr Vertrauen
und gröbere Liebe auf persönlicher wie gemeinschaftlicher Ebene als Hilfe
entgegengebracht werden. Dabei ist vor allem die liebevolle Nähe des Oberen
nötig; grober Trost wird auch von der geeigneten Hilfe eines Bruders oder einer
Schwester kommen, dessen oder deren zuvorkommende und bereite Anwesenheit zur
Wiederentdeckung des Sinnes des Bundes führen kann, den Gott als erster
geschlossen hat und nicht zu widerrufen gedenkt. So wird der Geprüfte
schlieblich Läuterung und Entäuberung als wesentliche Handlungen der Nachfolge
des gekreuzigten Christus annehmen. Die Prüfung selbst wird ihm als
Ausbildungsmittel der Vorsehung in den Händen des Vaters erscheinen, nicht nur
als psychologischer Kampf, der vom Ich mit Bezug auf sich selbst und auf
seine Schwächen geführt wird, sondern als
religiöser Kampf, der jeden Tag von der Gegenwart Gottes und von der
Macht des Kreuzes gekennzeichnet ist!
Dimensionen der ständigen Weiterbildung
71. Wenn die Person Subjekt der Ausbildung in jeder Lebensphase
ist, so ist das Ziel der Ausbildung die Ganzheit des Menschen, der aufgerufen
ist, Gott zu suchen und »mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer
Kraft« (Dtn 6,5) zu lieben und den Nächsten wie sich selbst (vgl.
Lev 19,18; Mt 22,37-39). Die Liebe zu Gott und zu den Brüdern und
Schwestern ist ein mächtiger Dynamismus, der den Weg des Wachstums und der Treue
ständig zu inspirieren vermag.Das Leben im Geist hat seinen
selbstverständlichen Vorrang. In ihm findet die Person des geweihten Lebens
wieder ihre Identität und eine tiefe heitere Ruhe, wächst in der Aufmerksamkeit
auf die täglichen Herausforderungen des Gotteswortes und läbt sich von der
ursprünglichen Inspiration seines Instituts leiten. Unter dem Wirken des
Heiligen Geistes werden die Zeiten des Gebetes, der Stille und der Einsamkeit
fest verteidigt, und die Gabe der Weisheit wird inständig vom Himmel in der
Mühsal des Alltags erfleht (vgl. Weish 9,10).Die menschliche und
brüderliche Dimension erfordert die Erkenntnis seiner selbst und die der
eigenen Grenzen, um daraus die notwendige Anregung und Unterstützung auf dem Weg
zur vollen Befreiung zu gewinnen. Von besonderer Bedeutung sind in der heutigen
Situation die innere Freiheit der Person des geweihten Lebens, seine
gefühlsmäbige Integration, die Kommunikationsfähigkeit mit allen, besonders in
der eigenen Kommunität, die Gelassenheit des Geistes und das Mitgefühl mit dem
Leidenden, die Liebe zur Wahrheit sowie der klare Zusammenhang zwischen Wort und
Tat.Die apostolische Dimension öffnet Verstand und Herz der Person des
geweihten Lebens und macht sie bereit für ein ständiges aktives Bemühen als
Zeichen der Liebe Christi, die sie drängt (vgl. 2 Kor 5,14). In der
Praxis bedeutet dies die zeitgemäbe Erneuerung der Methoden und Zielsetzungen
der apostolischen Tätigkeiten in Treue zum Geist und zur Zielsetzung des
Gründers oder der Gründerin sowie zu den in der Folge gereiften Traditionen,
unter Beachtung der veränderten historischen und kulturellen, allgemeinen und
lokalen Verhältnisse des Umfeldes, in dem man sich betätigt.Die kulturelle
und berufliche Dimension
schliebt auf der Grundlage einer soliden theologischen Ausbildung, die zur
Unterscheidung befähigt, eine ständige zeitgemäbe Erneuerung und eine besondere
Beachtung der verschiedenen Bereiche ein, auf die jedes einzelne Charisma
verweist. Es ist daher notwendig, geistig offen und möglichst anpassungsfähig zu
bleiben, damit der Dienst gemäb den Erfordernissen der Zeit geplant und
durchgeführt wird, indem man sich der vom kulturellen Fortschritt
bereitgestellten Mittel bedient.In der Dimension des Charismas
schlieblich finden sich alle anderen Forderungen gesammelt, wie in einer
Synthese, die eine dauernde Vertiefung der eigenen besonderen Weihe in ihren
verschiedenen Komponenten– nicht nur in der apostolischen, sondern auch in der
asketischen und mystischen –verlangt. Das schliebt für jedes Mitglied ein
eifriges Studium des Geistes des Institutes, dem es angehört, seiner Geschichte
und seiner Sendung ein, um dessen persönliche und gemeinschaftliche Assimilation
zu verbessern.
KAPITEL III
SERVITIUM CARITATIS
DAS GEWEIHTE LEBEN,
SICHTBARWERDEN DER LIEBE GOTTES IN DER WELT
Geweiht für die Sendung
72. Nach dem Bilde Jesu, des geliebten Sohnes, »den der Vater
geheiligt und in die Welt gesandt hat« (Joh 10,36), werden auch
diejenigen, die Gott in seine Nachfolge ruft, geheiligt und in die Welt gesandt,
um sein Beispiel nachzuahmen und seine Sendung fortzusetzen. Grundsätzlich gilt
das für jeden Jünger. Doch in besonderer Weise gilt es für alle, die in der
charakteristischen Form des geweihten Lebens dazu berufen sind, Christus »aus
nächster Nähe« zu folgen und ihn »zum Ganzen« ihrer Existenz zu machen. In dem
Anruf an sie ist daher die Aufgabe enthalten,
sich vollständig der Sendung zu widmen: ja, das geweihte Leben wird unter
dem Wirken des Heiligen Geistes, dem Ursprung jeder Berufung und jedes
Charismas, selbst zur Sendung, wie es das ganze Leben Jesu gewesen ist. Das
Bekenntnis zu den evangelischen Räten, das die Person des geweihten Lebens für
die Sache des Evangeliums völlig frei macht, offenbart auch unter diesem
Gesichtspunkt seine Bedeutung. Man darf also behaupten, dab
die Sendung für jedes Institut wesentlich ist, nicht nur für die des
tätigen apostolischen Lebens, sondern auch für die des beschaulichen Lebens.
Denn noch ehe sich die Sendung durch äubere Werke kennzeichnet,
entfaltet sie sich dadurch, dab sie durch das persönliche Zeugnis für die Welt
Christus selbst gegenwärtig macht. Das ist die Herausforderung, das ist die
erstrangige Aufgabe des geweihten Lebens! Je mehr man Christus gleichförmig
wird, umso gegenwärtiger und wirksamer macht man ihn in der Welt zum Heil der
Menschen.Man kann also sagen, die Person des geweihten Lebens ist »in Mission«
eben kraft ihrer Weihe selbst, die entsprechend dem Plan des eigenen Instituts
bezeugt ist. Wenn das Gründungscharisma pastorale Tätigkeiten vorsieht, sind
offensichtlich Lebenszeugnis und Werke des Apostolats oder menschlicher
Förderung in gleicher Weise notwendig: beide stellen Christus dar, der geheiligt
ist zur Ehre des Vaters und zugleich in die Welt gesandt zum Heil der Brüder und
Schwestern.as Ordensleben nimmt noch mit einem anderen, ganz besonderen Element
an der Sendung Christi teil: dem geschwisterlichen Leben in Gemeinschaft für
die Sendung. Das Ordensleben wird daher um so apostolischer sein, je inniger
seine Hingabe an den Herrn Jesus, je brüderlicher seine gemeinschaftliche
Lebensform, je glühender die Einbeziehung in die besondere Sendung des Instituts
ist.
Im Dienste Gottes und des Menschen
73. Das geweihte Leben hat die prophetische Aufgabe, sich
auf Gottes Plan in bezug auf die Menschen zu besinnen und ihm zu dienen, wie
es von der Schrift verkündet wird und wie es aus einem aufmerksamen Lesen der
Zeichen des weisen Wirkens Gottes in der Geschichte hervorgeht. Es ist der Plan
für eine gerettete und versöhnte Menschheit (vgl. Kol
2,20-22). Um diesen Dienst in angemessener Weise zu erfüllen, müssen die
Personen des geweihten Lebens eine tiefe Gotteserfahrung haben und sich die
Herausforderungen der Zeit bewubt machen, indem sie deren tiefe theologische
Bedeutung durch die mit Hilfe des Heiligen Geistes gewirkte Unterscheidung
erfassen. In der Tat verbirgt sich in den geschichtlichen Ereignissen oft der
Anruf Gottes, nach seinem Plan durch eine aktive und fruchtbare Einbeziehung in
die Belange unserer Zeit zu wirken.ie Unterscheidung der Zeichen der Zeit mub,
wie das Konzil sagt, im Lichte des Evangeliums vorgenommen werden, damit man
»auf die bleibenden Fragen der Menschen nach dem Sinn des gegenwärtigen und des
zukünftigen Lebens und nach dem Verhältnis beider zueinander Antwort geben
kann«.Es ist daher notwendig, das Herz für die inneren Eingebungen des Geistes
zu öffnen, der dazu einlädt, die Zeichen der Vorsehung in ihrer Tiefe zu
erfassen. Er ruft das geweihte Leben, auf die neuen Probleme der Welt von heute
neue Antworten zu erarbeiten. Das sind göttliche Mahnungen, die nur Menschen,
die gewohnt sind, in allem den Willen Gottes zu suchen, getreu aufzunehmen und
dann mutig in Entscheidungen umzusetzen vermögen, die sowohl mit dem
ursprünglichen Charisma als auch mit den Erfordernissenn der konkreten
geschichtlichen Situation übereinstimmen.Angesichts der zahlreichen Probleme und
Nöte, die das geweihte Leben mitunter zu gefährden oder gar mit sich zu reiben
scheinen, müssen die Berufenen die Aufgabe wahrnehmen, die vielen Bedürfnisse
der ganzen Welt im Herzen und im Gebet zu tragen und zugleich eifrig auf den zum
Gründungscharisma gehörenden Gebieten tätig zu sein. Ihre Hingabe wird
offensichtlich von dem übernatürlichen Unterscheidungsvermögen
geleitet sein müssen und wird das, was vom Geist kommt, von dem zu unterscheiden
wissen, was ihm entgegengesetzt ist (vgl. Gal 5,16-17.22; 1 Joh
4,6). Er bewahrt durch die Treue zur Ordensregel und zu den Konstitutionen die
volle Gemeinschaft mit der Kirche.uf diese Weise wird sich das geweihte Leben
nicht darauf beschränken, die Zeichen der Zeit zu lesen, sondern es wird dazu
beitragen, auch neue Pläne der Evangelisierung für die Situationen der
heutigen Zeit auszuarbeiten und zu verwirklichen. Das alles geschieht in der
Glaubensgewibheit, dab der Geist auch auf die schwierigsten Fragen die
geeigneten Antworten zu geben vermag. In diesem Zusammenhang gilt es
wiederzuentdecken, was die groben Hauptvertreter der apostolischen Tätigkeit
schon immer gelehrt haben: man mub auf Gott vertrauen, als hinge alles von ihm
ab, und sich gleichzeitig so grobherzig einsetzen, als hinge alles von uns ab.
Kirchliche Zusammenarbeit und apostolische Spiritualität
74. Alles mub in Gemeinschaft und im Dialog mit den
anderen Mitgliedern der Kirche getan werden. Die Herausforderungen an die
Sendung sind so grob, dab sie ohne die Zusammenarbeit aller Glieder der Kirche
sowohl bei der Unterscheidung als auch beim Tun nicht wirksam angegangen werden
können. Die einzelnen verfügen kaum über die entscheidende Antwort: diese kann
hingegen aus der Gegenüberstellung und dem Dialog entspringen. Insbesondere wird
es die durch die verschiedenen Charismen tätige Gemeinschaft nicht unterlassen,
auber einer gegenseitigen Bereicherung eine ausgeprägtere Wirksamkeit in der
Sendung sicherzustellen. Die Erfahrung dieser Jahre bestätigt weitgehend, dab
»der neue Name der Liebe ‘Dialog' ist«,besonders jener kirchlichen Liebe; der
Dialog hilft, die Probleme in ihren tatsächlichen Dimensionen zu sehen, und
ermöglicht, sie mit gröberer Hoffnung auf Erfolg anzugehen. Das geweihte Leben
stellt sich auf Grund der Tatsache, dab es den Wert des geschwisterlichen Lebens
pflegt, als bevorzugte Dialogerfahrung dar. Es kann daher zur Schaffung eines
Klimas gegenseitiger Annahme beitragen, in dem die verschiedenen Personen der
Kirche, während sie sich aufgewertet fühlen durch das, was sie sind, in
überzeugterer Weise der auf die grobe universale Sendung ausgerichteten
kirchlichen Gemeinschaft zustreben.Die in der einen oder der anderen Form des
apostolischen Dienstes tätigen Institute müssen schlieblich eine solide
Spiritualität der Tätigkeit pflegen, die in allen Dingen Gott und alle Dinge
in Gott sieht. »Man mub nämlich wissen, dab, wie das gute geordnete Leben danach
strebt, vom tätigen zum kontemplativen Leben überzugehen, die Seele so meistens
in nützlicher Weise aus dem kontemplativen in das tätige Leben zurückkehrt, um
noch vollkommener das tätige Leben dafür zu bewahren, was das beschauliche Leben
im Herzen entzündet hat. Das tätige Leben soll uns also ins beschauliche
hinüberführen und bisweilen soll uns die Kontemplation aufgrund dessen, was wir
im Inneren sehen, besser zum Handeln anleiten«.Jesus selbst hat uns das
vollkommene Beispiel gegeben, wie man die Gemeinschaft mit dem Vater mit einem
intensiven tätigen Leben vereinen kann. Ohne das ständige Streben nach dieser
Einheit lauert im Hinterhalt ständig die Gefahr der inneren Ermattung, der
Orientierungslosigkeit und der Entmutigung. Die enge Verbindung zwischen
Beschaulichkeit und Tätigkeit wird es heute wie gestern ermöglichen, sich den
schwierigsten Aufträgen zu stellen.
I. DIE LIEBE BIS ZUM ENDE
Mit dem Herzen Christi lieben
75. »Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er
ihnen seine Liebe bis zur Vollendung. Es fand ein Mahl statt [...], Jesus stand
vom Mahl auf [...] und begann, den Jüngern die Fübe zu waschen und mit dem
Leinentuch abzutrocknen, mit dem er umgürtet war« (Joh 13,1-2.4-5).Bei
der Fubwaschung macht Jesus die Tiefe der Liebe Gottes zum Menschen offenbar: in
ihm stellt sich Gott selber in den Dienst der Menschen! Zugleich enthüllt er den
Sinn des christlichen Lebens und noch mehr des geweihten Lebens, das ein
Leben hingebungsbereiter Liebe, konkreten und selbstlosen Dienstes ist. Da
das geweihte Leben sich in die Nachfolge des Menschensohnes stellt, »der nicht
gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern zu dienen« (Mt 20,28),
ist es, zumindest in den besten Zeiten seiner langen Geschichte, durch dieses
»Waschen der Fübe« gekennzeichnet, das heibt durch den Dienst besonders an den
Ärmsten und Bedürftigsten. Wenn das geweihte Leben sich einerseits in das
erhabene Geheimnis des Wortes vertieft, das bei Gott war (vgl. Joh 1,1),
so folgt es andererseits eben demselben Wort, das Fleisch wird (vgl. Joh
1,14), sich erniedrigt, sich demütigt, um den Menschen zu dienen. Die Personen,
die Christus auf dem Weg der evangelischen Räte folgen, beabsichtigen auch dort
hinzugehen, wo Christus hingegangen ist, und das zu tun, was er getan hat.Er
ruft unablässig neue Jünger, Männer und Frauen zu sich, um ihnen durch die
Ausgiebung des Geistes (vgl. Röm 5, 5) die göttliche Agape, seine
Art zu lieben mitzuteilen und sie so anzuspornen, in demütiger Selbsthingabe,
fernab von eigennützigen Überlegungen, den anderen zu dienen. An Petrus, der in
ekstatischer Begeisterung über den Glanz der Verklärung ausruft: »Herr, es ist
gut, dab wir hier sind« (Mt 17,4), ergeht die Einladung, auf die Straben
der Welt zurückzukehren, um weiterhin dem Reich Gottes zu dienen: »Steige hinab,
Petrus; du wolltest auf dem Berge ausruhen: steige hinab; verkündige das Wort,
greife bei jeder Gelegenheit ein, sei es gelegen oder ungelegen, tadle, ermahne
und ermuntere mit aller Grobmut und mit jeder Art von Unterweisung. Arbeite,
strenge dich sehr an, nimm auch Leiden und Qualen auf dich, damit du mittels des
Glanzes und der Schönheit der guten Werke in der Liebe das besitzen mögest, was
im Glanz der Kleider des Herrn versinnbildlicht ist«.Der auf das Angesicht des
Herrn gerichtete Blick schwächt im Apostel den Einsatz für den Menschen nicht;
im Gegenteil, er verstärkt ihn noch, weil er den Apostel mit einer neuen
Fähigkeit zum Einwirken auf die Geschichte ausstattet, um sie von allem
Entstellenden zu befreien.Die Suche nach der göttlichen Schönheit veranlabt die
Personen des geweihten Lebens dazu, sich für das in den Gesichtern von Brüdern
und Schwestern entstellte göttliche Abbild zu sorgen, Gesichter, die durch
Hunger verzerrt, Gesichter, die von politischen Versprechungen enttäuscht sind,
gedemütigte Gesichter, die die Schmähung ihrer Kultur erleben, erschrockene
Gesichter angesichts täglicher und wahlloser Gewalt, verängstigte Gesichter von
Minderjährigen, Gesichter beleidigter und gedemütigter Frauen, müde Gesichter
von Emigranten, die keine würdige Aufnahme finden, Gesichter alter Menschen ohne
geringste Voraussetzungen für ein würdiges Leben«.So beweist das geweihte Leben
durch die Beredtheit der Werke, dab die göttliche Liebe Fundament und Ansporn zu
selbstloser und tätiger Liebe ist. Davon war der hl. Vinzenz von Paul überzeugt,
als er den Schwestern von der Liebe folgendes Lebensprogramm gab: »Der Geist der
Gesellschaft besteht in der Hingabe an Gott, um unseren Herrn zu lieben und ihm
in der Person der materiell und geistlich Armen in ihren Häusern oder anderswo
zu dienen, um die armen jungen Mädchen, die Kinder und ganz allgemein alle zu
unterrichten, die Euch die göttliche Vorsehung schickt«.nter den verschiedenen
möglichen Bereichen der Liebe ist heutzutage jener, der der Welt die Liebe »bis
zur Vollendung« auf besondere Weise offenbar macht, mit Gewibheit die
begeisterte Verkündigung Jesu Christi an all jene, die ihn noch nicht kennen, an
jene, die ihn vergessen haben, und vorzugsweise an die Armen.
Der besondere Beitrag des geweihten Lebens zur
Evangelisierung
76. Der besondere Beitrag der Personen des geweihten Lebens zur
Evangelisierung besteht vor allem im Zeugnis eines Lebens der vollständigen
Hingabe an Gott und an die Brüder und Schwestern in der Nachfolge des Erlösers,
der sich aus Menschenliebe zum Knecht gemacht hat. Denn im Heilswerk kommt alles
aus der Teilhabe an der göttlichen Agape. Die Personen des geweihten
Lebens machen in ihrer Weihe und Ganzhingabe die liebende und heilbringende
Gegenwart Christi sichtbar, der vom Vater geheiligt und in die Welt gesandt
wurde.Wenn sie sich von ihm ergreifen lassen (vgl. Phil
3,12), sind sie bereit, gewissermaben zu einer Verlängerung seines Menschseins
zu werden.Das geweihte Leben ist beredter Ausdruck dafür, dab einer, je mehr er
aus Christus lebt, ihm um so besser in den anderen dienen kann, indem er bis in
die vorderste Missionsfront vorstöbt und gröbte Risiken auf sich nimmt.
Die erste Evangelisierung: den Völkern Christus
verkündigen
77. Wer Gott, den Vater aller, liebt, mub auch den Nächsten
lieben, in denen er ebenso Brüder und Schwestern erkennt. Gerade deswegen kann
er angesichts der Feststellung, dab viele von ihnen die volle Bezeigung der
Liebe Gottes in Christus nicht kennen, nicht indifferent bleiben. Im Gehorsam
gegenüber dem Gebot Christi entsteht hier der missionarische Elan ad gentes, den
jeder bewubte Christ mit der Kirche teilt, die ihrer Natur nach missionarisch
ist. Ein Aufschwung, der vor allem von den Mitgliedern der Institute sowohl des
kontemplativen als auch des tätigen Lebens wahrgenommen wird.Denn die Personen
des geweihten Lebens haben die Aufgabe, auch unter den Nichtchristenden
keuschen, armen, gehorsamen, betenden und missionarischen Christus gegenwärtig
zu machen.Wenn sie auf dynamische Weise ihrem Charisma treu bleiben, müssen sie
sich auf Grund ihrer innigen Weihe an Gottin eine besondere Mitwirkung an der
Missionstätigkeit der Kirche miteinbezogen fühlen. Das von Theresia von Lisieux
wiederholt geäuberte Verlangen, »dich zu lieben und dich lieben zu lassen«, der
glühende Wunsch des hl. Franz Xaver, dab »viele, die die Wissenschaften
studieren, über die Rechenschaft nachdenken sollten, die Gott, unser Herr, von
ihnen und bezüglich des ihnen übergebenen Talents verlangen wird; viele würden
davon abrücken und sich jenen Mitteln und jenen geistlichen Exerzitien zuwenden,
die den göttlichen Willen im eigenen Herzen erkennen und spüren lassen, und sie
würden sich so mehr nach dem göttlichen Willen richten als nach den eigenen
Neigungen und sagen: »Herr, hier bin ich, was willst du, dab ich tue? Sende
mich, wohin du willst«,und andere ähnliche Zeugnisse unzähliger Heiliger stellen
das unaufhebbare missionarische Bestreben heraus, das das geweihte Leben
unterscheidet und kennzeichnet.
Anwesend in jedem Winkel der Erde
78. »Die Liebe Christi drängt uns« (2 Kor 5,14): diese
Worte sollten die Mitglieder jedes Instituts mit dem Apostel wiederholen können,
weil es Aufgabe des geweihten Lebens ist, in jedem Teil der Welt für die
Festigung und Ausbreitung des Reiches Christi zu arbeiten, indem sie die
Botschaft des Evangeliums überallhin, auch in die entferntesten Gegenden
bringen.In der Tat zeugt die Missionsgeschichte von dem grobartigen Beitrag, der
von ihnen zur Evangelisierung der Völker geleistet worden ist: von den ältesten
monastischen Familien bis hin zu den jüngsten Gründungen, die ausschlieblich in
der Mission »ad gentes« engagiert sind, von den Instituten des tätigen Lebens
bis hin zu jenen, die sich der Beschaulichkeit widmen,haben zahllose Personen
ihre Kräfte in dieser »wesentlichen und nie abgeschlossenen Haupttätigkeit der
Kirche«eingesetzt, da diese sich an die wachsende Vielzahl derjenigen wendet,
die Christus nicht kennen.Auch heute verlangt diese Verpflichtung weiterhin
dringend die Mitwirkung der Institute des geweihten Lebens und der
Gesellschaften des apostolischen Lebens: die Verkündigung des Evangeliums
Christi erwartet von ihnen den gröbtmöglichen Beitrag. Auch die Institute, die
in den jungen Kirchen entstehen oder tätig sind, werden aufgefordert, sich der
Mission unter den Nichtchristen innerhalb und auberhalb ihrer Heimat zu öffnen.
Trotz begreifbarer Schwierigkeiten, die manche von ihnen durchmachen mögen, ist
es gut, alle daran zu erinnern, dab, wie »der Glaube stark wird durch
Weitergabe«,die Mission das geweihte Leben stärkt, ihm neue Begeisterung und
neue Motivationen verleiht und es zur Treue anspornt. Die Missionstätigkeit
bietet ihrerseits breiten Raum für die Aufnahme der verschiedenen Formen des
geweihten Lebens.Den Frauen des geweihten Lebens, den Ordensbrüdern und den
Mitgliedern der Säkularinstitute bietet die Mission ad gentes besondere und
aubergewöhnliche Chancen für ein besonders ausgeprägtes apostolisches Wirken.
Letztere können dann durch ihre Präsenz in den verschiedenen typischen Bereichen
der laikalen Berufung eine wertvolle Evangelisierungsarbeit entfalten im
Hinblick auf die Umgebung, die Strukturen und sogar auf die Gesetze, die das
Zusammenleben regeln. Auberdem können sie an der Seite von Menschen, die noch
nichts von Jesus wissen, von den Werten des Evangeliums Zeugnis geben und damit
einen spezifischen Beitrag zur Mission leisten.Es mub betont werden, dab in den
Ländern, wo nichtchristliche Religionen Wurzel gefabt haben, die Anwesenheit des
geweihten Lebens sowohl durch erzieherische, karitative und kulturelle
Tätigkeiten als auch durch dessen kontemplative Ausprägung enorme Bedeutung
gewinnt. Deshalb soll in den neuen Kirchen besonders zur Gründung kontemplativer
Gemeinschaften ermutigt werden, da »das beschauliche Leben zur vollen
Anwesenheit der Kirche gehört«.Es ist sodann notwendig, mit geeigneten Mitteln,
sei es durch die Entsendung von Missionaren und Missionarinnen, sei es durch die
gebührende Hilfe der Institute des geweihten Lebens an die ärmeren Diözesen,
eine angemessene Versorgung des geweihten Lebens in seinen verschiedenen Formen
zu fördern, um einen neuen Impuls zur Evangelisierung zu geben.
Christusverkündigung und Inkulturation
79. Die Verkündigung Christi »hat in der Mission der Kirche
jederzeit Vorrang«und hat die Bekehrung zum Ziel, d. h. die volle und ehrliche
Zustimmung zu Christus und seinem Evangelium.In das Gesamtbild der
missionarischen Tätigkeit treten auch der Prozeb der Inkulturation und der
interreligiöse Dialog. Die Herausforderung der Inkulturation wird von den
Personen des geweihten Lebens als Appell zu einem fruchtbaren Zusammenwirken mit
der Gnade bei der Annäherung an die verschiedenen Kulturen aufgegriffen.
Voraussetzung dafür sind ernsthafte persönliche Vorbereitung, reifes
Unterscheidungsvermögen, treues Festhalten an den unverzichtbaren Kriterien für
die Rechtgläubigkeit in der Lehre sowie für die Authentizität und kirchliche
Gemeinschaft.Gestützt auf das Charisma der Stifter und Stifterinnen haben viele
Personen des geweihten Lebens es verstanden, den verschiedenen Kulturen in der
Verhaltensweise Jesu nahezukommen, der »sich entäuberte und wurde wie ein
Sklave« (Phil
2,7), und in geduldigem und mutigem Bemühen um Dialog haben sie nützliche
Kontakte zu den verschiedensten Völkern hergestellt und dabei allen den Weg zum
Heil verkündet. Auch heute sind viele von ihnen in der Lage, in der Geschichte
einzelner Personen und ganzer Völker Spuren der Gegenwart Gottes zu suchen und
aufzuspüren, der die ganze Menschheit zum Erkennen der Zeichen seines
Erlösungswillens führt. Dieses Suchen erweist sich für die Personen des
geweihten Lebens selbst als Vorteil: sie können in der Tat durch die in den
verschiedenen Zivilisationen entdeckten Werte angespornt werden, den eigenen
Eifer zur Betrachtung und zum Gebet zu erhöhen, das gemeinschaftliche
Miteinander und die Gastfreundschaft intensiver zu praktizieren sowie mit
gröberer Aufmerksamkeit die Achtung vor der Person und vor der Natur zu
pflegen.Für eine echte Inkulturation sind Verhaltensweisen vonnöten, die jenen
des Herrn ähnlich sind, als er Mensch geworden und mit Liebe und Demut in unsere
Mitte gekommen ist. In diesem Sinne macht das geweihte Leben die Menschen
besonders dafür geeignet, die umfassende, mühsame Arbeit der Inkulturation
anzugehen, weil dies sie an das Abstandnehmen von den Dingen und sogar von so
vielen Aspekten der eigenen Kultur gewöhnt. Wenn die Personen des geweihten
Lebens sich mit dieser Verhaltensweise dem Studium und dem Verständnis der
Kulturen widmen, können sie in ihnen besser die echten Werte erkennen und die
Art und Weise, in der sie mit Hilfe ihres Charismas diese Werte aufnehmen und
vervollkommnen können.Man darf freilich nicht vergessen, dab in vielen alten
Kulturen der religiöse Ausdruck so tief integriert ist, dab die Religion oft die
transzendentale Dimension der Kultur selbst darstellt. In diesem Fall ist eine
echte Inkulturation notwendigerweise mit einem ernsthaften, offenen
interreligiösen Dialog verbunden, der »nicht in Gegensatz zur Mission ad
gentes » steht und »nicht von der Verkündigung des Evangeliums enthebt«.
Die Inkulturation des geweihten Lebens
80. Das geweihte Leben, das an und für sich Träger der Werte
des Evangeliums ist, kann seinerseits dort, wo es authentisch gelebt wird, einen
originellen Beitrag zu den Herausforderungen der Inkulturation leisten. Da es in
der Tat ein Zeichen für den Vorrang Gottes und seines Reiches ist, wird es zu
einer Provokation, die im Dialog das Gewissen der Menschen aufrütteln kann. Wenn
das geweihte Leben die ihm eigene prophetische Kraft bewahrt, wird es innerhalb
einer Kultur zum Sauerteig des Evangeliums, der zu ihrer Reinigung und
Entwicklung beizutragen vermag. Dies beweist die Geschichte zahlreicher heiliger
Männer und Frauen, die es in verschiedenen Epochen verstanden, jeweils in ihre
Zeit einzutauchen, ohne sich von ihr untertauchen zu lassen, wobei sie aber
ihrer Generation neue Wege aufzeigten. Der evangeliumsgemäbe Lebensstil ist eine
wichtige Quelle für den Vorschlag eines neuen Kulturmodells. Wie viele Stifter
und Stifterinnen haben, wenn auch mit allen von ihnen selbst anerkannten
Einschränkungen, manche Forderungen ihrer Zeit aufgegriffen und ihre Antwort
darauf gegeben, die dann zu einem kulturellen Erneuerungsvorschlag geworden
ist.Die Gemeinschaften der Ordensinstitute und der Gesellschaften des
apostolischen Lebens können in der Tat konkrete und bedeutsame kulturelle
Vorschläge anbieten, wenn sie von der Art des Evangeliums Zeugnis ablegen: die
gegenseitige Annahme in der Verschiedenheit zu leben und die Autorität, die
Teilung sowohl der materiellen wie der geistlichen Güter, die Internationalität,
die Zusammenarbeit zwischen den Kongregationen sowie das Hinhören auf die Männer
und Frauen unserer Zeit zu üben. Die Denk- und Handlungsweise dessen, der
Christus mehr aus der Nähe folgt, bringt in der Tat eine echte und eigene
Kultur der Beziehung
hervor und dient dazu aufzudecken, was unmenschlich ist, und gibt Zeugnis davon,
dab Gott allein den Werten Kraft und Erfüllung verleiht. Eine echte
Inkulturation wird ihrerseits den Personen des geweihten Lebens helfen,
entsprechend dem Charisma ihres Instituts und dem Wesen der Menschen, mit denen
sie in Kontakt treten, die Radikalität des Evangeliums zu leben. Aus solch einer
fruchtbaren Beziehung gehen Lebensweisen und pastorale Methoden hervor, die sich
als echter Reichtum für das ganze Institut werden erweisen können, wenn sich
deren Übereinstimmung mit dem vom Stifter vorgesehenen Charisma und mit dem
Einheit stiftenden Wirken des Heiligen Geistes ergibt. In diesem Prozeb, der aus
Unterscheidung und Unerschrockenheit, Dialog und Herausforderung im Geist des
Evangeliums besteht, wird vom Heiligen Stuhl, dem die Aufgabe obliegt, die
Evangelisierung der Kulturen zu ermutigen, die diesbezüglichen Entwicklungen für
authentisch zu erklären und die Ergebnisse im Hinblick auf die Inkulturation zu
bestätigen,eine Gewähr für den richtigen Weg angeboten, »eine schwierige und
heikle Aufgabe, denn sie stellt die Treue der Kirche zum Evangelium und zur
apostolischen Überlieferung in der ständigen Entwicklung der Kulturen in Frage«.
Die Neuevangelisierung
81. Um den groben Herausforderungen, die die gegenwärtige
Geschichte an die Neuevangelisierung stellt, in angemessener Weise zu begegnen,
bedarf es vor allem eines geweihten Lebens, das sich ständig vom geoffenbarten
Wort und von den Zeichen der Zeit befragen läbt.Das Andenken der groben
Verkünder des Evangeliums — Männer und Frauen —, die zuvor selbst evangelisiert
worden waren, macht offenkundig, dab es zu einem Begegnen mit der heutigen Welt
Personen bedarf, die sich voll Liebe dem Herrn und seinem Evangelium weihen.
»Die Personen des geweihten Lebens sind auf Grund ihrer besonderen Berufung dazu
aufgerufen, die Einheit zwischen Selbstevangelisierung und Zeugnis, zwischen
innerer Erneuerung und apostolischem Eifer, zwischen Sein und Handeln sichtbar
werden zu lassen, indem sie herausstellen, dab der Dynamismus stets aus dem
ersten Element der Wortpaare herrührt«.ie die herkömmliche Evangelisierung, so
wird auch die Neuevangelisierung dann wirksam sein, wenn sie von den Dächern zu
verkünden vermag, was sie vorher in der innigen Vertraulichkeit mit dem Herrn
gelebt hat. Gebraucht werden dafür zuverlässige, vom Eifer der Heiligen beseelte
Persönlichkeiten. Die Neuevangelisierung erfordert von den Männern und Frauen
des geweihten Lebens, dab sie sich der theologischen Bedeutung der
Herausforderungen unserer Zeit voll bewubt sind. Diese Herausforderungen
müssen im Hinblick auf die Erneuerung der Mission durch aufmerksame und
gemeinsame Abwägung geprüft werden. Der Mut zur Verkündigung des Herrn Jesus mub
von dem Vertrauen in das Wirken der Vorsehung begleitet sein, die in der Welt
wirkt und »alles, auch menschliches Mibgeschick, zum gröberen Wohl der Kirche
bereitstellt«.ichtige Elemente für eine nützliche Einbeziehung der Institute in
den Prozeb der Neuevangelisierung sind die Treue zum Gründungscharisma, die
Gemeinschaft mit all jenen in der Kirche, die in demselben Auftrag engagiert
sind, besonders mit den Seelsorgern, und schlieblich die Zusammenarbeit mit
allen Menschen guten Willens. Dies erfordert eine ernsthafte Beurteilung des
Rufes, den der Geist an jedes einzelne Institut ergehen läbt, und zwar sowohl in
jenen Gegenden, in denen keine groben Fortschritte unmittelbar vorherzusehen
sind, als auch in anderen Regionen, in denen sich ein tröstliches Wiederaufleben
ankündigt. Die Personen des geweihten Lebens sollen an jedem Ort und in jeder
Situation leidenschaftliche Verkünder des Herrn Jesus sein, bereit, mit der
Weisheit des Evangeliums auf die Fragen zu antworten, die heute von der Unruhe
des menschlichen Herzens und dessen dringenden Bedürfnissen her gestellt werden.
Die Vorzugsoption für die Armen und die Förderung der
Gerechtigkeit
82. Zu Beginn seines öffentlichen Wirkens sagt Jesus in der
Synagoge von Nazaret, der Geist habe ihn gesalbt, damit er den Armen eine gute
Nachricht bringe, den Gefangenen die Entlassung verkünde, den Blinden das
Augenlicht zurückgebe, die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr
des Herrn ausrufe (vgl. Lk 4,16-19). Die Kirche, die sich die Sendung des
Herrn zu eigen macht, verkündet jedem Mann und jeder Frau das Evangelium und
trägt damit Sorge für deren vollständiges Heil. Doch mit besonderer
Aufmerksamkeit, ja mit einer echten »Vorzugsoption« wendet sie sich allen zu,
die sich in einer Situation gröberer Schwachheit
und daher einer schwerwiegenderen Not befinden. »Arme« in den vielfältigen
Dimensionen der Armut sind die Unterdrückten, die Ausgegrenzten, die Alten, die
Kranken, die Kleinen und alle, die als »Letzte« in der Gesellschaft angesehen
und behandelt werden.Die Option für die Armen wohnt der Dynamik der nach dem
Vorbild Christi gelebten Liebe inne. Zu dieser sind daher alle Jünger Christi
verpflichtet; diejenigen jedoch, die dem Herrn durch Nachahmung seiner
Verhaltensweisen mehr aus der Nähe folgen wollen, müssen sich in ganz besonderer
Weise hingezogen fühlen. Die Ehrlichkeit ihrer Antwort auf die Liebe Christi
regt sie an, als Arme zu leben und sich der Sache der Armen anzunehmen. Dies
bringt für jedes Institut, je nach dem spezifischen Charisma, die Annahme
eines bescheidenen und strengen Lebensstils
sowohl im persönlichen als auch im Gemeinschaftsleben mit sich. Durch dieses
gelebte Zeugnis gestärkt, werden die Personen des geweihten Lebens durch Wege,
die mit ihrem Lebensweg übereinstimmen und indem sie gegenüber politischen
Ideologien frei bleiben, die Ungerechtigkeiten anzeigen können, die gegen so
viele Kinder Gottes begangen werden, und sich für die Förderung der
Gerechtigkeit im sozialen Umfeld, in dem sie tätig sind, einsetzen können.Auf
diese Weise wird die jenen Stiftern und Stifterinnen eigene Hingabe auch in der
gegenwärtigen Lage durch das Zeugnis unzähliger Personen des geweihten Lebens
eine Erneuerung erfahren, die ihr Leben einsetzten, um dem in den Armen
gegenwärtigen Herrn zu dienen. In der Tat »findet man« Christus »auf Erden in
der Person seiner Armen [...]. Als Gott reich und als Mensch arm. In der Tat ist
der schon reiche Mensch zum Himmel aufgestiegen und sitzt zur Rechten des
Vaters, doch hier unten leidet er noch in Armut Hunger und Durst und ist
nackt«.as Evangelium wird durch die Liebe wirksam, die Ruhm der Kirche und
Zeichen ihrer Treue zum Herrn ist. Das beweist die ganze Geschichte des
geweihten Lebens, die man als eine lebendige Exegese des Wortes Jesu betrachten
kann: »Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir
getan« (Mt 25,40). Viele Institute, besonders in neuerer Zeit, sind
entstanden, um eben dem einen oder anderen Bedürfnis der Armen entgegenzukommen.
Aber auch dann, wenn diese Zielsetzung nicht bestimmend gewesen ist, waren die
durch das Gebet, durch die Annahme und die Gastfreundschaft zum Ausdruck
gebrachte Aufmerksamkeit und Sorge für die Bedürftigen stets mit den
verschiedenen Formen des geweihten — auch des kontemplativen — Lebens ganz
natürlich verbunden. Wie könnte es auch anders sein, da Christus, zu dem man in
der Kontemplation gelangt ist, derselbe ist, der in den Armen lebt und leidet?
Der hl. Paulinus von Nola, der seinen Besitz an die Armen verteilt hatte, um
sich ganz Gott zu weihen, errichtete die Zellen seines Klosters über einem
Hospiz, das für die Betreuung der Armen bestimmt war. Er freute sich bei dem
Gedanken an diesen einzigartigen »Gabenaustausch«: die Armen, denen er geholfen
hatte, festigten durch ihr Gebet die »Fundamente« seines Hauses, das ganz dem
Lobpreis Gottes gewidmet war.Der hl. Vinzenz von Paul hat seinerseits gern
gesagt, wenn er das Gebet unterbrechen mubte, um einem Armen in Not beizustehen,
dab dies in Wirklichkeit keine Unterbrechung sei, »denn man läbt Gott für Gott
zurück«.er Dienst an den Armen ist ein Akt der Evangelisierung und zugleich
»Evangelizitäts«-Siegel für das geweihte Leben und Ansporn zu ständiger
Bekehrung, denn — wie der hl. Gregor der Grobe sagt — »wenn die Liebe sich
liebevoll herabneigt, um auch für die niedrigsten Bedürfnisse des Nächsten zu
sorgen, dann lodert sie bis zu den höchsten Gipfeln empor. Und wenn sie
wohlwollend der äubersten Not gehorcht, dann nimmt sie kraftvoll den Höhenflug
wieder auf«.
Die Sorge für die Kranken
83. Einer ruhmvollen Tradition folgend üben unzählige Personen
des geweihten Lebens, vor allem Frauen, ihr Apostolat, je nach dem Charisma
ihres Instituts, in den Bereichen des Gesundheitswesens aus. Viele Personen des
geweihten Lebens haben im Laufe der Jahrhunderte ihr Leben im Dienst an
den Opfern ansteckender Krankheiten geopfert
und haben damit gezeigt, dab die Hingabe bis zum Heroismus zur prophetischen
Natur des geweihten Lebens gehört.Die Kirche blickt mit Bewunderung und
Dankbarkeit auf die vielen Personen des geweihten Lebens, die durch ihre Hilfe
für die Kranken und Leidenden in bedeutsamer Weise zu ihrer Sendung beitragen.
Sie setzen Christi Dienst der Barmherzigkeit fort, der »umherzog, Gutes tat und
alle heilte« (Apg 10,38). Indem sie in seine, d. h. in die Fubstapfen des
göttlichen Samariters, des Arztes der Seele und des Leibes,treten und dem
Beispiel ihrer Stifter bzw. Stifterinnen folgen, sollen die Personen des
geweihten Lebens, die vom Charisma ihres Instituts dazu hingeführt werden, in
ihrem Zeugnis der Liebe zu den Kranken ausharren, indem sie sich ihnen mit
einfühlendem Verständnis und mit tiefer Anteilnahme widmen. Bei ihren
Auswahlentscheidungen sollen sie den ärmsten und verlassensten Kranken sowie den
Alten, den Behinderten, den Ausgegrenzten, den unheilbar Kranken und den Opfern
von Drogenmibbrauch und von neuen Infektionskrankheiten den Vorzug geben. Sie
sollen in den Kranken die Aufopferung des eigenen Leidens in Gemeinschaft mit
dem zum Heil aller gekreuzigten und verherrlichten Christus fördern,ja sie
sollen in ihnen das Bewubtsein nähren, dab sie mit dem Gebet und mit dem Zeugnis
ihres Wortes und Verhaltens durch das besondere Charisma des Kreuzes aktive
Personen der Seelsorge sind.Auberdem erinnert die Kirche die Personen des
geweihten Lebens daran, dab es zu ihrer Sendung gehört, die Bereiche des
Gesundheitswesens, in denen sie tätig sind, zu evangelisieren, indem
sie versuchen, durch die Vermittlung der Werte des Evangeliums das Leben, das
Leiden und das Sterben der Menschen unserer Zeit zu erleuchten. Es ist ihre
Aufgabe, sich im Dienst des Evangeliums vom Leben der Humanisierung der Medizin
und der Vertiefung der Bioethik zu widmen. Daher sollen sie in voller
Übereinstimmung mit der Morallehre der Kirche vor allem die Achtung vor der
Person und vor dem menschlichen Leben, von der Empfängnis bis zum natürlichen
Ende, fördernund dazu auch Ausbildungszentren einrichtenund mit den kirchlichen
Einrichtungen der Krankenpastoral brüderlich zusammenarbeiten.
II. EIN PROPHETISCHES ZEUGNIS ANGESICHTS GROSSER
HERAUSFORDERUNGEN
Das Prophetentum des geweihten Lebens
84. Der prophetische Charakter des geweihten Lebens wurde von
den Synodenvätern nachdrücklich betont. Dieser stellt sich wie eine besondere
Form der Teilhabe an dem prophetischen Amt Christi dar, die dem ganzen Volk
Gottes vom Geist mitgeteilt wird. Es ist ein Prophetentum, das auf Grund der
radikalen Christusnachfolge und der konsequenten Hingabe an die Sendung, die sie
kennzeichnet, dem geweihten Leben als solchem innewohnt. Die Zeichenhaftigkeit,
die das II. Vatikanische Konzil dem geweihten Leben zuerkennt,findet Ausdruck in
dem prophetischen Zeugnis von der Vorrangstellung, die Gott und die Werte des
Evangeliums im christlichen Leben haben. Kraft dieser Vorrangstellung darf
nichts über die persönliche Liebe zu Christus und zu den Armen, in denen er
lebt, gestellt werden.ie Tradition der Kirchenväter hat in Elija, dem
furchtlosen Propheten und Gottesfreund, ein Vorbild des monastischen
Ordenslebens gesehen.Er lebte in der Gegenwart des Herrn und betrachtete in der
Stille seinen Vorübergang, legte Fürsprache für das Volk ein und verkündete
mutig den Willen Gottes, verteidigte seine Rechte und erhob sich, um die Armen
gegen die Mächtigen der Welt zu verteidigen (vgl. 1 Kön 18-19). In der
Kirchengeschichte hat es neben anderen Christen nicht an Männern und Frauen des
gottgeweihten Lebens gefehlt, die kraft einer besonderen Gabe des Geistes ein
glaubwürdiges Prophetenamt ausgeübt haben, wenn sie im Namen Gottes zu allen,
auch zu den Hirten der Kirche sprachen. Die wahre Prophetie entsteht aus Gott
, aus der Freundschaft mit ihm, aus dem aufmerksamen Hören seines Wortes in den
verschiedenen geschichtlichen Gegebenheiten. Der Prophet fühlt in seinem Herzen
die Leidenschaft für die Heiligkeit Gottes brennen und, nachdem er im Dialog des
Gebets sein Wort vernommen hat, verkündet er es mit seinem Leben, mit seinen
Lippen und Handlungen, indem er sich zum Sprecher Gottes gegen das Böse und die
Sünde macht. Das prophetische Zeugnis erfordert die ständige, leidenschaftliche
Suche nach dem Willen Gottes, die grobherzige und unverzichtbare kirchliche
Gemeinschaft, die Übung der geistlichen Unterscheidung und die Liebe zur
Wahrheit. Es drückt sich auch durch die Klarstellung von all dem aus, was im
Gegensatz zum göttlichen Willen steht, und durch die Erkundung neuer Wege, um
das Evangelium in der Geschichte im Hinblick auf das Reich Gottes zu
verwirklichen.
Seine Bedeutung für die Welt von heute
85. In unserer heutigen Welt, in der sich die Spuren Gottes oft
zu verlieren scheinen, erweist sich ein starkes prophetisches Zeugnis seitens
der Personen des geweihten Lebens als dringend notwendig. Es wird vor allem
die Bejahung der Vorrangstellung Gottes und der künftigen Güter betreffen,
wie diese sich aus der Nachfolge und Nachahmung des keuschen, armen und
gehorsamen Christus erkennen läbt, der sich völlig der Verherrlichung des Vaters
und der Liebe zu den Brüdern und Schwestern geweiht hat. Das geschwisterliche
Leben ist verwirklichte gegenwärtige Prophetie im Kontext einer Gesellschaft,
die ohne sich dessen manchmal bewubt zu sein, eine tiefe Sehnsucht nach einer
Geschwisterlichkeit ohne Grenzen hat. Die Treue zum eigenen Charisma ermöglicht
es den Personen des geweihten Lebens, an jedem Ort mit der Unerschrockenheit des
Propheten, der sich nicht scheut, auch sein Leben zu riskieren, ein wahrhaftiges
Zeugnis darzubringen.Eine innere Überzeugungskraft erwächst der Prophetie aus
der
Übereinstimmung zwischen Verkündigung und Leben. Die Personen des
geweihten Lebens werden ihrer Sendung in Kirche und Welt treu sein, wenn sie
imstande sein werden, sich selbst ständig im Licht des Gotteswortes zu
prüfen.Auf diese Weise können sie die anderen Gläubigen mit den empfangenen
charismatischen Gaben bereichern, indem sie sich ihrerseits durch die von den
anderen Gliedern der Kirche kommenden prophetischen Herausforderungen ansprechen
lassen. In diesem Austausch der Gaben, der durch die völlige Übereinstimmung
mit dem Lehramt und der Ordnung der Kirche sichergestellt ist, wird das
Wirken des Hl. Geistes aufleuchten, der sie »in Gemeinschaft und Dienstleistung
eint, sie durch die verschiedenen hierarchischen und charismatischen Gaben
bereitet und lenkt«.
Eine Treue bis zum Martyrium
86. In unserem Jahrhundert wie in anderen Epochen der
Geschichte haben Männer und Frauen des geweihten Lebens durch die Hingabe
ihres Lebens Zeugnis von Christus, dem Herrn, gegeben. Tausende, die durch
die Verfolgung seitens totalitärer Regime oder gewalttätiger Gruppen zum Leben
im Untergrund gezwungen und in ihrer Missionstätigkeit, im Einsatz zugunsten der
Armen, in der Sorge und Hilfe für die Kranken und die Menschen am Rande der
Gesellschaft behindert waren, haben in langem und heroischem Leiden und oft
durch Vergieben des Blutes ihre Weihe an Gott gelebt — und leben sie noch immer
— und sind so ganz dem gekreuzigten Herrn gleichförmig geworden. Einigen von
ihnen hat die Kirche bereits offiziell die Heiligkeit zuerkannt und ehrt sie
damit als Märtyrer Christi. Sie erleuchten uns durch ihr Beispiel, sie leisten
Fürbitte für unsere Treue, sie erwarten uns in der Herrlichkeit.Es besteht der
lebhafte Wunsch, dab das Andenken so vieler Glaubenszeugen als Anregung zur
Verehrung und Nachahmung im Bewubtsein der Kirche erhalten bleibe. Die Institute
des geweihten Lebens und die Gesellschaften des apostolischen Lebens mögen
hierzu beitragen, indem sie die Namen und Zeugnisse aller Personen des
geweihten Lebens zusammenstellen, die in das Martyrologium des
zwanzigsten Jahrhunderts aufgenommen werden können.
Die groben Herausforderungen des geweihten Lebens
87. Die prophetische Aufgabe des geweihten Lebens wird von
drei hauptsächlichen Herausforderungen gestellt, die an die Kirche selbst
gerichtet sind: es sind die schon immer dagewesenen Herausforderungen, die von
der modernen Gesellschaft, zumindest in manchen Teilen der Welt, in neuer und
vielleicht radikalerer Form gestellt werden. Sie berühren direkt die
evangelischen Räte von Armut, Keuschheit, Gehorsam und spornen die Kirche und
insbesondere die Personen des geweihten Lebens an, deren
tiefe anthropologische Bedeutung zu erhellen und zu bezeugen. Weit davon
entfernt, eine Verarmung echter menschlicher Werte zu begründen, erscheint die
Wahl dieser Räte in der Tat vielmehr als ihre Verklärung. Die evangelischen Räte
dürfen nicht als Leugnung der Werte angesehen werden, die der Sexualität, dem
rechtmäbigen Wunsch nach materiellem Besitz und nach autonomer
Selbstentscheidung innewohnen. Diese Neigungen sind, sofern sie in der Natur
begründet sind, in sich gut. Der durch die Erbsünde geschwächte Mensch ist
jedoch der Gefahr ausgesetzt, diese in einer die Norm übertretenden Weise in die
Tat umzusetzen. Das Bekenntnis zu Keuschheit, Armut und Gehorsam wird zur
Mahnung, die durch die Erbsünde verursachten Verletzungen nicht unterzubewerten,
und es relativiert die geschaffenen Güter, auch wenn es ihren Wert
bejaht, weil es Gott als absolutes Gut zeigt. So sollen diejenigen, die den
evangelischen Räten folgen, während sie nach der Heiligkeit für sich selbst
streben, sozusagen eine »geistliche Therapie« für die Menschheit vorschreiben,
da sie die Vergötterung der Schöpfung ablehnen und in irgendeiner Weise den
lebendigen Gott sichtbar machen. Das geweihte Leben ist insbesondere in
schwierigen Zeiten ein Segen für das menschliche und auch für das kirchliche
Leben.
Die Herausforderung der geweihten Keuschheit
88. Die erste Herausforderung ist die einer
hedonistischen Kultur, die die Sexualität jeder objektiven moralischen Norm
entbindet, indem sie diese häufig auf das Niveau von Spiel und Konsum herabsetzt
und in Komplizenschaft mit den sozialen Kommunikationsmitteln einer Art
Vergötterung des Triebes frönt. Die Folgen davon sind für alle sichtbar:
Pflichtverletzungen verschiedenster Art, mit denen unzählige psychische und
moralische Leiden für die einzelnen und für die Familien einhergehen. Die
Antwort
des geweihten Lebens besteht vor allem in der freudigen Übung der
vollkommenen Keuschheit als Zeugnis für die Macht der Liebe Gottes in der
Schwachheit des menschlichen Zustandes. Die Person des geweihten Lebens beweist:
was von den meisten für unmöglich gehalten wurde, wird durch die Gnade des Herrn
Jesus möglich und wirklich befreiend. Ja, in Christus ist es möglich, Gott mit
ganzem Herzen zu lieben, indem man ihn über jede andere Liebe stellt, und so mit
der Freiheit Gottes jeden Menschen zu lieben! Dies ist ein Zeugnis, das heute
nötiger denn je ist, gerade weil es von unserer Welt so wenig verstanden wird.
Es ist ein Angebot an jeden Menschen — an die Jugendlichen, an die Verlobten, an
die Eheleute, an die christlichen Familien —, um zu beweisen, dab die Kraft
der Liebe Gottes gerade in den Wechselfällen der menschlichen Liebe
Grobes zu bewirken vermag. Es ist ein Zeugnis, das auch einem wachsenden
Bedürfnis nach innerer Klarheit in den menschlichen Beziehungen
entgegenkommt.Das geweihte Leben mub der Welt von heute Beispiele einer
Keuschheit vor Augen führen, die von Männern und Frauen gelebt wird, die
Ausgeglichenheit, Selbstbeherrschung, Unternehmungslust, psychische und
affektive Reife beweisen.Kraft dieses Zeugnisses wird der menschlichen Liebe ein
fester Bezugspunkt geboten, den die Person des geweihten Lebens aus der
Betrachtung der uns in Christus offenbarten dreifaltigen Liebe erfährt. Da sie
sich in dieses Geheimnis vertieft, fühlt sie sich zu einer radikalen und
universalen Liebe fähig, die ihr die Kraft zur notwendigen Selbstbeherrschung
und Disziplin gibt, um nicht der Knechtschaft der Sinne und der Triebe zu
verfallen. Die geweihte Keuschheit erscheint somit als Erfahrung von Freude und
Freiheit. Erleuchtet vom Glauben an den auferstandenen Herrn und von der
Erwartung des neuen Himmels und der neuen Erde (vgl.
Offb 21,1), bietet sie auch für die Erziehung zur gebotenen Keuschheit in
anderen Lebensformen wertvolle Anregungen.
Die Herausforderung der Armut
89. Eine andere Herausforderung ist heute die eines
habgierigen Materialismus, der gegenüber den Bedürfnissen und Leiden der
Schwächsten gleichgültig ist und sich nicht um das Gleichgewicht der natürlichen
Hilfsquellen kümmert. Die Antwort des geweihten Lebens besteht im
Bekenntnis zur evangelischen Armut, die in verschiedenen Formen gelebt
wird und oft von einem aktiven Einsatz bei der Förderung von Solidarität und
Nächstenliebe begleitet wird.Wie viele Institute widmen sich der Erziehung, dem
Unterricht und der Berufsausbildung und versetzen dadurch junge und nicht mehr
ganz junge Leute in die Lage, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen! Wie
viele Personen des geweihten Lebens opfern sich für die Letzten und Geringsten
dieser Erde, ohne ihre Kräfte zu schonen! Wie viele von ihnen sind in der
Ausbildung künftiger Erzieher und Verantwortlicher im sozialen Leben in der
Weise tätig, dab sie sich verpflichten, unterdrückende Strukturen zu beseitigen
und Projekte der Solidarität zum Vorteil der Armen zu fördern! Sie kämpfen, um
den Hunger und dessen Ursachen zu beseitigen, beleben das Wirken von
freiwilligen Helfern und die humanitären Organisationen, sensibilisieren
öffentliche und private Einrichtungen für die Förderung einer gerechten
Verteilung der internationalen Hilfeleistungen. In der Tat haben die Nationen
diesen unternehmungsfreudigen, im Namen der Nächstenliebe tätigen Männern und
Frauen viel zu verdanken, die mit ihrer unermüdlichen Selbstlosigkeit einen
spürbaren Beitrag zur Humanisierung der Welt geleistet haben und leisten.
Die evangelische Armut im Dienst an den Armen
90. In Wirklichkeit ist die evangelische Armut, noch ehe
sie ein Dienst an den Armen ist, ein Wert an sich, ruft doch die erste
Seligpreisung zur Nachahmung des armen Christus auf.Ihr erster Sinn besteht in
der Tat darin, Gott als eigentlichen Reichtum des menschlichen Herzens zu
bezeugen. Eben darum kämpft sie vehement gegen die Vergötterung des Mammons,
indem sie als prophetischer Appell gegenüber einer Gesellschaft auftritt, die in
so vielen Teilen der Welt des Wohlstands Gefahr läuft, den Sinn für das Mab und
die eigentliche Bedeutung der Dinge zu verlieren. Deshalb findet ihr Ruf heute
mehr als zu anderen Zeiten auch bei denjenigen Beachtung, die im Wissen um die
Beschränktheit der Hilfsquellen des Planeten die Achtung und Bewahrung der
Schöpfung durch Einschränkung des Konsums, durch Mäbigung und Auferlegung einer
gehörigen Zügelung der eigenen Wünsche beschwören.Von den Personen des geweihten
Lebens wird also ein erneuertes und kraftvolles evangelisches Zeugnis der
Entsagung und der Mäbigung in einem von den Kriterien der Einfachheit und
Gastfreundschaft inspirierten brüderlichen Lebensstil verlangt, auch als
Beispiel für alle, die den Bedürfnissen des Nächsten gegenüber gleichgültig
sind. Dieses Zeugnis wird natürlich mit der bevorzugten Liebe für die Armen
einhergehen und in besonderer Weise dort in Erscheinung treten, wo die
Lebensverhältnisse der Allerärmsten geteilt werden. Nicht wenige Gemeinschaften
leben und arbeiten unter den Armen und den Ausgegrenzten der Gesellschaft,
nehmen sich ihrer Situation an und teilen ihre Leiden, Probleme und
Gefahren.Grobartige Seiten der Geschichte evangeliumsgemäber Solidarität und
heroischer Hingabe sind in diesen Jahren tiefgreifender Veränderungen und grober
Ungerechtigkeiten, Hoffnungen und Enttäuschungen, bedeutender Errungenschaften
und bitterer Niederlagen von den Personen des geweihten Lebens geschrieben
worden. Und nicht minder bedeutsame Seiten wurden und werden noch immer von
zahllosen anderen Personen des geweihten Lebens geschrieben, die ihr »mit
Christus in Gott verborgenes« Leben (Kol 3,3) ganz für das Heil der Welt
leben, zum Zeichen der Unentgeltlichkeit, der Hingabe des eigenen Lebens in
wenig anerkannte und noch weniger mit Beifall bedachte Anliegen. Durch diese
verschiedenen und einander ergänzenden Formen hat das geweihte Leben teil an der
vom Herrn angenommenen äubersten Armut und lebt seine besondere Rolle im
Heilsgeheimnis seiner Menschwerdung und seines Erlösertodes.
Die Herausforderung der Freiheit im Gehorsam
91. Die dritte Herausforderung kommt von jenen Auffassungen
von Freiheit, die dieses fundamentale menschliche Vorrecht von seiner
grundlegenden Beziehung zur Wahrheit und zur moralischen Norm loslösen.In
Wirklichkeit ist die Kultur der Freiheit ein echter Wert, zuinnerst verbunden
mit der Achtung vor der menschlichen Person. Wer aber sieht nicht, zu welchen
abnormen Folgen von Ungerechtigkeit und sogar von Gewalt im Leben der einzelnen
und der Völker der verfälschte Gebrauch der Freiheit führt?Eine wirkungsvolle
Antwort auf diese Situation ist der Gehorsam, der für das geweihte
Leben charakteristisch ist. Er stellt uns auf besonders lebendige Weise
wieder den Gehorsam Christi gegenüber dem Vater vor Augen und bezeugt, eben von
seinem Geheimnis ausgehend, dab kein Widerspruch zwischen Gehorsam und
Freiheit besteht. Tatsächlich enthüllt das Verhalten des Sohnes das
Geheimnis der menschlichen Freiheit als Weg des Gehorsams gegenüber dem Willen
des Vaters und das Geheimnis des Gehorsams als Weg fortschreitender Eroberung
der wahren Freiheit. Und genau diesem Geheimnis will die Person des geweihten
Lebens durch dieses bestimmte Gelübde Ausdruck verleihen. Sie will dadurch
bezeugen, dab sie sich einer Kindschaftsbeziehung bewubt ist, kraft derer sie
den väterlichen Willen als tägliche Speise (vgl. Joh
4,34), als ihren Felsen, ihre Freude, ihren Schild und Schutzwall (vgl.
Ps 18 [17],3) anzunehmen sucht. So beweist sie, dab sie in der vollen
Wahrheit über sich selbst wächst, während sie mit der Quelle ihres Seins
verbunden bleibt und darum die tröstliche Botschaft anbietet: »Alle, die deine
Weisung lieben, empfangen Heil in Fülle; es trifft sie kein Unheil« (Ps 119
[118],165).
Miteinander den Willen des Vaters erfüllen
92. Besondere Bedeutung gewinnt dieses Zeugnis der geweihten
Personen im Ordensleben auch für die Dimension der Gemeinschaft, die zu
seinen Wesensmerkmalen gehört. Das geschwisterliche Leben ist der bevorzugte
Ort, um den Willen Gottes zu erkennen und anzunehmen und eines Sinnes und
Herzens gemeinsam voranzugehen. Der von der Liebe belebte Gehorsam vereint trotz
der Vielfalt der Gaben und der Achtung der individuellen Persönlichkeit der
einzelnen die Mitglieder eines Instituts in demselben Zeugnis und in derselben
Sendung. In der vom Geist beseelten Brüderlichkeit führt jeder mit dem anderen
einen wertvollen Dialog, um den Willen des Vaters zu erkennen, und alle
anerkennen in dem, der die Leitung innehat, den Ausdruck der Vaterschaft Gottes
und die Ausübung der von Gott im Dienst der Unterscheidung und der Gemeinschaft
empfangenen Autorität.as Gemeinschaftsleben ist sodann gegenüber der Kirche und
der Gesellschaft in besonderer Weise das Zeichen der Verbundenheit, die aus
derselben Berufung und aus dem gemeinsamen Willen, ihr zu gehorchen, jenseits
aller Unterschiede von Rasse und Herkunft, Sprache und Kultur, erwächst. Gegen
den Geist von Zwietracht und Spaltung leuchten Autorität und Gehorsam als ein
Zeichen jener einzigartigen Vaterschaft, die von Gott stammt, der aus dem Geist
geborenen Brüderlichkeit, der inneren Freiheit dessen, der auf Gott vertraut
trotz der menschlichen Grenzen all derer, die ihn repräsentieren. Durch diesen
Gehorsam, den manche als Lebensregel annehmen, wird die Seligkeit erfahren und
zum Nutzen aller verkündet, die Jesus denen verheiben hat, »die das Wort Gottes
hören und es befolgen« (Lk 11,28). Wer gehorcht, hat darüber hinaus die
Gewähr, tatsächlich in Mission, in der Nachfolge des Herrn zu sein und nicht auf
seinen eigenen Wünschen oder Erwartungen zu beharren. So kann er sich vom Geist
des Herrn geführt und auch inmitten grober Schwierigkeiten von seiner sicheren
Hand gehalten wissen (vgl. Apg 20,22f).
Eine entschiedene Verpflichtung zum geistlichen Leben
93. Eine der auf der Synode wiederholt geäuberten Sorgen war
die um ein gottgeweihtes Leben, das sich an den Quellen einer starken und
tiefen Spiritualität nährt. Hier handelt es sich tatsächlich um eine
vorrangige Forderung, die dem Wesen des geweihten Lebens eingeschrieben ist,
denn wer sich zu den evangelischen Räten bekennt, ist wie jeder Getaufte und
sogar aus noch zwingenderen Gründen dazu verpflichtet, mit allen seinen Kräften
nach der Vollkommenheit der Liebe zu streben.Das ist eine Verpflichtung, an die
die unzähligen Beispiele heiliger Ordensstifter und -stifterinnen und vieler
Personen des geweihten Lebens deutlich erinnern, die die Treue zu Christus bis
hin zum Martyrium bezeugt haben.Streben nach Heiligkeit: das ist zusammengefabt
das Programm jedes geweihten Lebens, auch im Hinblick auf dessen Erneuerung an
der Schwelle des dritten Jahrtausends. Der Anfang dieses Programms besteht
darin, dab um Christi willen alles verlassen (vgl.
Mt 4,18-22; 19,21.27; Lk 5,11) und er allen Dingen vorgezogen
wird, um voll an seinem Ostergeheimnis teilhaben zu können.Das hatte der hl.
Paulus richtig verstanden, als er ausrief: »Ich sehe alles als Verlust an, weil
die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles übertrifft [...] Christus will
ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung« (Phil
3, 8.10). Es ist der von den Aposteln von Anfang an vorgezeichnete Weg, wie die
christliche Tradition im Orient und im Abendland in Erinnerung ruft:
»Diejenigen, die derzeit Jesus nachfolgen und um seinetwillen alles verlassen,
erinnern an die Apostel, die seine Einladung annahmen und auf alles andere
verzichteten. Traditionsgemäb spricht man deshalb gewöhnlich vom Ordensleben als
einer apostolica vivendi forma «.Dieselbe Tradition hat im geweihten
Leben auch die Dimension des besonderen Bundes mit Gott, ja des bräutlichen
Bundes mit Christus herausgestellt, dessen Meister der hl. Paulus durch sein
Beispiel (vgl. 1 Kor 7,7) und durch seine unter der Anleitung des Geistes
dargebotene Lehre war (vgl. 1 Kor
7,40).Wir können sagen, dab das geistliche Leben, das als Leben in Christus, als
Leben nach dem Geist verstanden wird, als ein Weg wachsender Treue Gestalt
annimmt, auf dem die Person des geweihten Lebens in voller Gemeinschaft der
Liebe und des Dienstes der Kirche vom Geist geleitet und von ihm Christus
gleichförmig gestaltet wird.Alle diese in den verschiedenen Formen des geweihten
Lebens sich begründenden Elemente bringen eine eigene Spiritualität
hervor, das heibt einen konkreten Plan der Beziehung zu Gott und zur
Umgebung, der von besonderen geistlichen Akzenten und Entscheidungen zum Handeln
gekennzeichnet ist, die bald den einen, bald den anderen Aspekt des einen
Geheimnisses Christi herausstellen und verkörpern. Wenn die Kirche eine Form des
geweihten Lebens oder ein Institut anerkennt, garantiert sie, dab sich in deren
geistlichem und apostolischem Charisma alle objektiven Anforderungen finden, um
die persönliche und gemeinschaftliche Vollkommenheit im Sinne des Evangeliums zu
erreichen.Das geistliche Leben mub also im Programm der Familien des geweihten
Lebens an erster Stelle stehen, so dab jedes Institut und jede Kommunität sich
als Schule einer echten evangeliumsgemäben Spiritualität darstellen. Von dieser
Vorzugsoption, die im persönlichen und gemeinschaftlichen Engagement entfaltet
wird, hängen die Fruchtbarkeit des Apostolats, die Selbstlosigkeit in der Liebe
für die Armen und die Anziehungskraft der Berufung auf die jungen Generationen
selber ab. Gerade
die spirituelle Qualität des geweihten Lebens vermag die Menschen unserer
Zeit, die ja auch Durst nach absoluten Werten haben, aufzurütteln, und sie wird
auf diese Weise zu einem faszinierenden Zeugnis.
Im Hören auf das Wort Gottes
94. Das Wort Gottes ist die erste Quelle jeder christlichen
Spiritualität. Es nährt eine persönliche Beziehung zum lebendigen Gott und zu
seinem heilwirkenden und heiligenden Willen. Deshalb ist seit dem Entstehen der
Institute des geweihten Lebens, insbesondere im Mönchtum der lectio divina
höchste Achtung entgegengebracht worden. Dank dieser wird das Gotteswort ins
Leben übertragen, auf das es das Licht der Weisheit wirft, die die Gabe des
Geistes ist. Obwohl die ganze Heilige Schrift »nützlich zur Belehrung« (2 Tim
3,16) und »reiner, unversieglicher Quell des geistlichen Lebens« ist,verdienen
die Schriften des Neuen Testamentes, vor allem die Evangelien, die »das
Herzstück aller Schriften«sind, besondere Verehrung. Es wird deshalb für die
Personen des geweihten Lebens von Nutzen sein, die Texte der Evangelien und die
anderen neutestamentlichen Schriften zum Thema ihrer beharrlichen Betrachtung zu
machen, die die Worte und die Beispiele Christi und der Jungfrau Maria sowie die
apostolica vivendi forma darstellen. Die Stifter und Stifterinnen haben sich
bei der Annahme der Berufung sowie beim Erkennen des Charismas und der Sendung
ihres Institutes ständig darauf bezogen.Von grobem Wert ist die
gemeinschaftliche
Bibelbetrachtung. Wenn diese den Möglichkeiten und den Umständen des
gemeinschaftlichen Lebens entsprechend geschieht, führt sie zum freudigen Teilen
der aus dem Wort Gottes geschöpften Reichtümer, durch die Brüder und Schwestern
gemeinsam wachsen und einander helfen, im geistlichen Leben Fortschritte zu
machen. Diese Praxis mub aber auch den anderen Mitgliedern des Gottesvolkes, den
Priestern und Laien nahegebracht werden, so dab sie jeweils in Übereinstimmung
mit ihrem eigenen Charisma Schulen des Gebets, Schulen für Spiritualität und zur
Lesung der Heiligen Schrift fördern, in der Gott »die Menschen wie Freunde«
anredet (vgl. Ex 33,11; Joh 15,14-15), »und mit ihnen verkehrt
(vgl. Bar 3,28), um sie in seine Gemeinschaft einzuladen«.us der
Meditation des Wortes Gottes, und besonders der Geheimnisse Christi erwachsen,
so lehrt die geistliche Tradition, die Intensität der Kontemplation und der
Eifer der apostolischen Tätigkeit. Sowohl im kontemplativen als auch im
apostolischen Ordensleben hat es immer Männer und Frauen des Gebets gegeben, die
als glaubwürdige Interpreten und Vollzieher des göttlichen Willens grobe Werke
vollbracht haben. Aus dem häufigen Umgang mit dem Wort Gottes haben sie die
notwendige Erleuchtung für jene individuelle und gemeinschaftliche
Unterscheidung geschöpft, die ihnen geholfen hat, in den Zeichen der Zeit die
Wege des Herrn zu suchen. Auf diese Weise haben sie eine Art von
übernatürlichem Instinkt erworben, der es ermöglicht hat, sich nicht dem
Geist der Welt anzugleichen, sondern den eigenen Verstand zu erneuern, damit sie
prüfen und erkennen können, »was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut
und vollkommen ist« (Röm 12,2).
In Gemeinschaft mit Christus
95. Wesentliche Mittel für eine wirksame Förderung der
Gemeinschaft mit dem Herrn ist zweifellos die heilige Liturgie,
insbesondere die Feier der Eucharistie und das Stundengebet.Vor allem die »Eucharistie
enthält das Heilsgut der Kirche in seiner ganzen Fülle, Christus selbst, unser
Osterlamm und das lebendige Brot. Durch sein Fleisch, das durch den Heiligen
Geist lebt und Leben schafft, spendet er den Menschen das Leben«.Wie für das
kirchliche Leben, ist die Eucharistie auch Herzstück für das geweihte Leben. Wie
könnte die Person, die berufen ist, durch das Gelübde der evangelischen Räte
Christus als den einzigen Sinn ihres Daseins zu wählen, nicht wünschen, mit ihm
eine immer tiefere Gemeinschaft herzustellen durch die tägliche Teilnahme am
Sakrament, das ihn im Opfer gegenwärtig werden läbt, wenn es das Liebesgeschenk
auf Golgota aktuell macht, im Gastmahl, das das pilgernde Volk Gottes nährt und
schützt. Die Eucharistie steht aufgrund ihrer Natur im Zentrum des geweihten
Lebens, des persönlichen und des kommunitären. Sie ist tägliche Wegzehrung sowie
Quelle der Spiritualität für den einzelnen und für das Institut. Jede Person des
geweihten Lebens ist berufen, das Ostergeheimnis Christi zu leben, indem sie
sich mit ihm in der Hingabe des eigenen Lebens an den Vater durch den Geist
vereint. Die eifrige und lange Anbetung Christi, der in der Eucharistie anwesend
ist, ermöglicht in gewisser Weise, die Erfahrung des Petrus in der Verklärung
neu zu erleben: »Es ist gut, dab wir hier sind«. Und in der Feier des
Geheimnisses des Leibes und Blutes des Herrn festigt sich und wächst die Einheit
und die Liebe derer, die Gott ihr Leben geweiht haben.Neben der Eucharistie und
in enger Beziehung zu ihr wird das Stundengebet entsprechend dem
Charakter jedes einzelnen Instituts gemeinschaftlich oder persönlich, in
Gemeinschaft mit dem Gebet der Kirche gefeiert. Es ist Ausdruck der den Personen
des geweihten Lebens eigenen Berufung zum Lobpreis und zur Fürbitte.In tiefer
Beziehung zur Eucharistie steht die Verpflichtung zu ständiger Umkehr und
notwendiger Läuterung, die die Personen des geweihten Lebens im Sakrament der
Versöhnung entfalten. Dadurch, dab sie häufig der Barmherzigkeit Gottes
begegnen, reinigen und erneuern sie ihr Herz und machen durch das demütige
Bekenntnis der Sünden ihre Beziehung zu ihm transparent; die freudige Erfahrung
der sakramentalen Vergebung auf dem mit den Brüdern und Schwestern gemeinsam
gegangenen Weg macht das Herz fügsam und gibt dem Bemühen um wachsende Treue
Auftrieb.Um auf dem Weg des Evangeliums, besonders während der Ausbildungszeit
und in bestimmten Augenblicken des Lebens, Fortschritte zu machen, ist die
vertrauensvolle, demütige Inanspruchnahme der geistlichen Führung sehr
hilfreich; durch sie wird dem Menschen geholfen, auf die Motivationsanstöbe des
Geistes hochherzig einzugehen und sich entschlossen nach der Heiligkeit
auszurichten.Schlieblich ermahne ich alle Personen des geweihten Lebens, ihren
jeweiligen Traditionen gemäb täglich die geistliche Gemeinschaft mit der
Jungfrau Maria zu erneuern, indem sie besonders durch das Beten des heiligen
Rosenkranzes immer wieder mit ihr über die Geheimnisse des Sohnes
nachdenken.
III. EINIGE SCHAUPLÄTZE DER SENDUNG
Präsenz in der Welt der Erziehung
96. Die Kirche hat seit jeher die Erziehung als ein
wesentliches Element ihrer Sendung verstanden. Ihr innerer Lehrmeister ist
der Heilige Geist, der die unzugänglichsten Tiefen des Herzens jedes Menschen
durchdringt und den geheimnisvollen Dynamismus der Geschichte kennt. Die ganze
Kirche wird vom Geist beseelt und vollbringt durch ihn ihre erzieherische
Aufgabe. Innerhalb der Kirche obliegt jedoch eine besondere Aufgabe in diesem
Bereich den Personen des geweihten Lebens, die berufen sind, das radikale
Zeugnis der Güter des Reiches, die jedem Menschen in Erwartung der endgültigen
Begegnung mit dem Herrn der Geschichte angeboten werden, in den
Erziehungshorizont einzubringen. Durch ihre besondere Weihe, durch die ihnen
eigene Erfahrung der Gaben des Geistes, durch das sorgfältige Hören des Wortes
und die Übung der Unterscheidung, durch das im Laufe der Zeit vom eigenen
Institut gesammelte reiche Erbe an Traditionen, die die Erziehung betreffen,
durch die vertiefte Erkenntnis der geistlichen Wahrheit (vgl. Eph 1,17)
sind die Personen des geweihten Lebens in der Lage, eine besonders wirksame
Erziehungstätigkeit zu entfalten und so einen spezifischen Beitrag zu den
Initiativen der anderen Erzieher und Erzieherinnen zu leisten.Da sie mit diesem
Charisma ausgestattet sind, können sie Erziehungsräume schaffen, die vom Geist
der Freiheit und der Liebe des Evangeliums durchdrungen sind und in denen die
jungen Menschen Hilfe erhalten sollen, um unter der Führung des Geistes an
Menschlichkeit zu wachsen.Auf diese Weise wird die Erziehungsgemeinschaft
Erfahrung von Gemeinschaft und zum Ort der Gnade, wo das pädagogische Vorhaben
dazu beiträgt, das Göttliche und das Menschliche, das Evangelium und die Kultur,
den Glauben und das Leben zu einer harmonischen Synthese zu vereinen.Die
Kirchengeschichte von der Antike bis in unsere Tage ist reich an
bewundernswürdigen Beispielen von Personen des geweihten Lebens, die das Streben
nach Heiligkeit durch das pädagogische Engagement gelebt haben und leben, wobei
sie gleichzeitig die Heiligkeit als Erziehungsziel angeben. Tatsächlich haben
viele von ihnen die Vollkommenheit der Liebe durch Erziehung verwirklicht. Das
ist eines der wertvollsten Geschenke, die die Personen des geweihten Lebens auch
heute der Jugend anzubieten haben, indem sie diese zum Objekt eines liebevollen
erzieherischen Dienstes machen, wie der hl. Johannes Bosco weise bemerkte: »Die
Jugendlichen sollen nicht nur geliebt werden, sondern sie sollen auch wissen,
dab sie geliebt sind«.
Notwendigkeit eines erneuten Engagements im
Erziehungsbereich
97. Mit feinfühliger Ehrfurcht und mit missionarischem Mut
sollen Personen des geweihten Lebens deutlich machen, dab der Glaube an Jesus
Christus den ganzen Erziehungsbereich erleuchtet, indem dieser die menschlichen
Werte nicht beeinträchtigt, sondern sie vielmehr bestätigt und erhöht. Auf diese
Weise werden sie zu Zeugen und Werkzeugen der Kraft der Menschwerdung und der
Stärke des Geistes. Diese ihre Aufgabe ist eine der bedeutsamsten
Ausdrucksweisen jener Mutterschaft, die die Kirche nach dem Vorbild Mariens
gegenüber allen ihren Kindern ausübt.eshalb hat die Synode die Personen des
geweihten Lebens eindringlich aufgefordert, wo immer es nur möglich ist, den
Erziehungsauftrag an Schulen jeglicher Art und jeglichen Grades, an
Universitäten und Hochschulen mit neuem Engagement wahrzunehmen.Indem ich mir
die Weisung der Synode zu eigen mache, lade ich die Mitglieder der Institute
ein, die sich der Erziehung widmen, ihrem ursprünglichen Charisma und ihren
Traditionen treu zu bleiben. Sie sollen dies in dem Bewubtsein tun, dab die
Liebe, die den Armen vorzugsweise zuteil wird, ihre besondere Anwendung in der
Wahl geeigneter Mittel findet, um die Menschen von jener schweren Form des
Elends zu befreien, das der Mangel an kultureller und religiöser Bildung
darstellt.Angesichts der Bedeutung, die die katholischen und kirchlichen
Universitäten und Fakultäten im Bereich der Erziehung und der Evangelisierung
haben, müssen sich die mit deren Leitung betrauten Institute ihrer Verantwortung
bewubt sein und sicherstellen, dab, während der aktive Dialog in ihnen mit dem
gegenwärtigen kulturellen Umfeld gepflegt wird, der eigentliche katholische
Charakter in voller Treue zum Lehramt der Kirche bewahrt werde. Auberdem sollen
die Mitglieder dieser Institute und Gesellschaften je nach den Umständen bereit
sein, in den staatlichen Erziehungsstrukturen Fub zu fassen. Zu dieser Art der
Beteiligung sind auf Grund ihrer spezifischen Berufung in besonderer Weise die
Mitglieder der Säkularinstitute gerufen.
Evangelisierung der Kultur
98. Die Institute des geweihten Lebens haben stets groben
Einflub auf die Bildung und Weitergabe der Kultur gehabt. Das war im Mittelalter
der Fall, als die Klöster Zugangsstätten zu den Kulturschätzen der Vergangenheit
wurden und sich in ihnen eine neue humanistische und christliche Kultur
herausbildete. Das ereignete sich jedesmal, wenn das Licht des Evangeliums neue
Völker erreichte. Viele Personen des geweihten Lebens haben die Kultur gefördert
und oft die autochthonen Kulturen erforscht und verteidigt. Die Notwendigkeit,
zur Förderung der Kultur, zum Dialog zwischen Kultur und Glauben beizutragen,
wird heutzutage in der Kirche besonders wahrgenommen.ie Personen des geweihten
Lebens müssen sich von dieser dringenden Notwendigkeit besonders angesprochen
fühlen. Auch sie sind aufgerufen, bei der Verkündigung des Wortes Gottes
Methoden zu finden, die den Bedürfnissen der verschiedenen menschlichen Gruppen
und der vielfältigen Berufsbereiche angemessener sind, damit das Licht Christi
in jeden menschlichen Bereich eindringe und der Sauerteig des Heils von innen
her das soziale Leben umwandle, indem dieses dafür sorgt, dab sich eine von
evangelischen Werten durchdrungene Kultur behaupte.Auch durch diesen Einsatz
wird das geweihte Leben an der Schwelle des dritten christlichen Jahrtausends
sein Entsprechen gegenüber dem Willen Gottes erneuern können, der allen Menschen
entgegenkommt, die bewubt oder unbewubt tastend nach der Wahrheit und nach dem
Leben suchen (vgl. Apg
17,27).Doch auber dem Dienst an den anderen ist auch innerhalb des geweihten
Lebens die Erneuerung der Liebe zum kulturellen Engagement
nötig, die Widmung zum Studium als Mittel zur ganzheitlichen Bildung und —
angesichts der Verschiedenheit der Kulturen — als auberordentlich aktueller
asketischer Weg. Eine Verminderung der Pflicht zum Studium kann auch für das
Apostolat schwerwiegende Folgen haben, weil dadurch Aubenseiter- und
Minderwertigkeitsgefühle ausgelöst oder Oberflächlichkeit und Unbesonnenheit bei
den Initiativen begünstigt werden.Bei der Vielfalt der Charismen und der realen
Möglichkeiten der einzelnen Institute kann sich die Pflicht zum Studium nicht
auf die Anfangsausbildung oder auf das Erlangen akademischer Titel und
beruflicher Fachkenntnisse beschränken. Es ist vielmehr Ausdruck des nie
erfüllten Verlangens, Gott, den Abgrund des Lichts und die Quelle jeder
menschlichen Wahrheit, immer tiefer kennenzulernen. Daher isoliert diese
Verpflichtung die Person des geweihten Lebens nicht in einen abstrakten
Intellektualismus und schliebt sie nicht in das Um-sich-Kreisen eines
erdrückenden Narzismus ein; hingegen spornt es zum Dialog und zur Teilnahme an,
bildet die Urteilsfähigkeit, regt an zur Kontemplation und zum Gebet in der
ständigen Suche nach Gott und seinem Wirken in der komplexen Realität der
modernen Welt.Die Person des geweihten Lebens, die sich vom Geist umwandeln
läbt, wird fähig, den engen Horizont der menschlichen Wünsche zu erweitern und
gleichzeitig die tiefen Dimensionen jedes Individuums und seiner Geschichte
jenseits auffälliger, aber oft nebensächlicher Aspekte zu erfassen. Zahllos sind
heutzutage die von den verschiedenen Kulturen ausgehenden Herausforderungen:
neue oder traditionell besetzte Bereiche des geweihten Lebens, zu denen
unbedingt fruchtbare Beziehungen unterhalten werden sollen in der Haltung eines
wachen kritischen Geistes, aber auch vertrauensvollen Verständnisses dem
gegenüber, der sich den typischen Schwierigkeiten der intellektuellen Arbeit
stellt, besonders wenn es angesichts der unbekannten Probleme unserer Zeit nötig
ist, sich mit neuen Analysen und Synthesen zu befassen.Eine ernsthafte und
wirksame Evangelisierung der neuen Bereiche, wo die Kultur aufgebaut und
weitergegeben wird, kann ohne eine aktive Zusammenarbeit mit den dort
beschäftigten Laien nicht durchgeführt werden.
Präsenz in der Welt der sozialen Kommunikation
99. Wie die Personen des geweihten Lebens in der Vergangenheit
imstande waren, sich mit jedem Mittel in den Dienst der Evangelisierung zu
stellen und sich dabei genial mit den Schwierigkeiten auseinanderzusetzen, so
sind sie heute auf neue Weise gefordert, das Evangelium durch die sozialen
Kommunikationsmittel zu bezeugen. Diese Medien haben durch äuberst
leistungsfähige Technologien, die jeden Winkel der Erde zu erreichen vermögen,
kosmische Ausstrahlungskapazität erlangt. Die Personen des geweihten Lebens sind
vor allem verpflichtet, wenn sie auf Grund des Charismas ihres Instituts auf
diesem Gebiet tätig sind, solide Kenntnisse des den Medien eigenen
Sprachgebrauchs zu erwerben, um zum Menschen von heute wirksam von Christus zu
sprechen, indem sie dessen »Freude und Hoffnung, Trauer und Angst«darstellen,
und so zum Aufbau einer Gesellschaft beizutragen, in der sich alle als Brüder
und Schwestern auf dem Weg zu Gott fühlen sollen.Wegen der auberordentlichen
Überzeugungskraft, über die diese Medien verfügen, gilt es jedoch gegenüber
ihrem unvorsichtigen Gebrauch wachsam zu sein. Es ist gut, die Probleme nicht zu
verhehlen, die daraus für das geweihte Leben selbst erwachsen können; vielmehr
wird man ihnen mit klarem Urteilsvermögen begegnen müssen.Die Antwort der Kirche
ist vor allem erzieherischer Natur: sie zielt darauf ab, eine Haltung des
richtigen Verstehens der zugrundeliegenden dynamischen Kräfte und eine
sorgfältige ethische Bewertung der Programmgestaltung ebenso zu fördern wie die
Annahme gesunder Gewohnheiten bei ihrem Gebrauch.Bei dieser Erziehungsaufgabe,
die der Ausbildung weiser Medienempfänger und -experten gilt, sind die Personen
des geweihten Lebens gefordert, ihr besonderes Zeugnis über die Bedingtheit
sämtlicher sichtbarer Wirklichkeiten dadurch anzubieten, dab sie den Brüdern und
Schwestern helfen, sie gemäb dem Plan Gottes zu bewerten, aber auch sich von der
Zwangsvereinnahmung der Bühne dieser vergänglichen Welt zu befreien (vgl. 1
Kor 7,31).Jede Anstrengung auf diesem wichtigen und neuen apostolischen
Gebiet mub ermutigt werden, damit das Evangelium Christi auch über diese
modernen Medien vernehmbar wird. Die verschiedenen Institute sollen durch
Bereitstellung von Kräften, Mitteln und Personen zur Zusammenarbeit bereit sein,
um gemeinsame Pläne in den verschiedenen Bereichen der sozialen Kommunikation zu
verwirklichen. Auberdem sollen die Personen des geweihten Lebens, insbesondere
die Mitglieder der Säkularinstitute, je nach den pastoralen Zweckmäbigkeiten
ihren Dienst zur religiösen Bildung der Verantwortlichen und der Mitarbeiter des
öffentlichen oder privaten Medienwesens leisten, um einerseits die vom Mibbrauch
der Medien hervorgerufenen Schäden abzuwenden und andererseits eine höhere
Qualität der Sendungen mit Botschaften zu fördern, die das Moralgesetz achten
und an menschlichen und christlichen Werten reich sind.
IV. ENGAGIERT IM DIALOG MIT ALLEN
Im Dienst an der Einheit der Christen
100. Das Gebet Christi zum Vater vor seinem Leiden, dab seine
Jünger eins bleiben mögen (vgl. Joh 17,21-23), setzt sich im Beten und
Wirken der Kirche fort. Wie könnten sich da die Personen des geweihten Lebens
nicht miteinbezogen fühlen? Die Wunde der noch immer bestehenden Trennung unter
den Christgläubigen und die Dringlichkeit, für die Förderung der Einheit aller
Christen zu beten und zu arbeiten, wurden auf der Synode besonders stark
empfunden. Die Sensibilität der Personen des geweihten Lebens für die Ökumene
ist auch durch das Bewubtsein wiederbelebt, dab sich in anderen Kirchen und
kirchlichen Gemeinschaften das Mönchtum erhält und blüht, wie es in den
orientalischen Kirchen der Fall ist, oder dab das Bekenntnis zu den
evangelischen Räten eine Erneuerung erfährt, wie in der anglikanischen
Gemeinschaft und in den aus der Reformation hervorgegangenen Gemeinschaften.Die
Synode hat den tiefen Zusammenhang des geweihten Lebens mit dem Anliegen der
Ökumene und die Dringlichkeit eines intensiveren Zeugnisses auf diesem Gebiet
herausgestellt. Wenn nämlich die Seele der Ökumene das Gebet und die Umkehrsind,
besteht kein Zweifel, dab die Institute des geweihten Lebens und die
Gesellschaften des apostolischen Lebens eine besondere Verpflichtung haben, sich
dieser Aufgabe zu widmen. Es ist also dringend geboten, im Leben der Personen
des geweihten Lebens dem ökumenischen Gebet und dem glaubwürdigen Zeugnis des
Evangeliums mehr Raum zugeben, damit die Mauern der Trennungen und der
Vorurteile zwischen den Christen durch die Kraft des Heiligen Geistes
niedergerissen werden können.
Formen des ökumenischen Dialogs
101. Die gemeinsame Teilnahme an der lectio divina
bei der Suche nach der Wahrheit, die Beteiligung am gemeinsamen Gebet, bei dem
der Herr seine Gegenwart zusichert (vgl. Mt 18,20), der Dialog der
Freundschaft und der Liebe, der spüren läbt, wie gut und schön es ist, wenn
Brüder miteinander in Eintracht wohnen (vgl. Ps 133 [132]), die herzliche
Gastfreundschaft, die gegenüber den Brüdern und Schwestern der verschiedenen
christlichen Konfessionen gepflegt wird, das gegenseitige Kennenlernen und der
Austausch der Gaben, die Zusammenarbeit bei gemeinsamen Initiativen des Dienstes
und des Zeugnisses: dies alles sind ebenfalls Formen des ökumenischen Dialogs,
dem gemeinsamen Vater wohlgefällige Äuberungen und Zeichen des Willens,
gemeinsam auf dem Weg der Wahrheit und der Liebe auf die vollkommene Einheit hin
zu gehen.Auch das Kennenlernen der Geschichte, der Lehre, der Liturgie sowie der
karitativen und apostolischen Tätigkeit der anderen Christen wird einem
erfolgreicheren ökumenischen Wirken von Nutzen sein.ch möchte jene Institute
ermutigen, die auf Grund ihres ursprünglichen Charakters oder durch
darauffolgende Berufung sich der Förderung der Einheit der Christen widmen und
dafür Initiativen für Studien und für konkrete Tätigkeiten durchführen.
Tatsächlich darf sich kein Institut des geweihten Lebens von der Arbeit für
dieses Anliegen entbunden fühlen. Meine Gedanken gehen darüber hinaus zu den
katholischen orientalischen Kirchen mit dem Wunsch, dab sie auch über das
männliche und weibliche Mönchswesen, dessen Blüte Gnade ist, die ständig erfleht
werden mub, zur Einheit mit den orthodoxen Kirchen beitragen mögen durch den
Dialog der Liebe und des Teilhabens an der gemeinsamen Spiritualität, dem Erbe
der ungeteilten Kirche des ersten Jahrtausends.In besonderer Weise vertraue ich
die geistliche Ökumene des Gebets, der Umkehr des Herzens und der Liebe den
Klöstern des beschaulichen Lebens an. Zu diesem Zweck ermutige ich sie, dort
präsent zu sein, wo christliche Gemeinschaften verschiedener Konfessionen leben,
damit ihre Ganzhingabe an das »einzig Notwendige« (vgl. Lk 10,42), an die
Verehrung Gottes und an die Fürbitte um das Heil der Welt, zusammen mit ihrem
Zeugnis des Lebens nach dem Evangelium entsprechend ihren Charismen, für alle
ein Ansporn sei, nach dem Abbild der Dreifaltigkeit in jener Einheit zu leben,
die Jesus gewollt und für alle seine Jünger vom Vater erfleht hat.
Der interreligiöse Dialog
102. Da »der interreligiöse Dialog Teil der Sendung der Kirche
zur Verkündigung des Evangeliums ist«,können sich die Institute des geweihten
Lebens nicht der Verpflichtung entziehen, sich auch auf diesem Gebiet zu
engagieren, ein jedes gemäb seinem Charisma und nach den Weisungen der
kirchlichen Autorität. Die erste Form der Evangelisierung im Hinblick auf die
Brüder und Schwestern einer anderen Religion wird das Zeugnis eines armen,
demütigen und keuschen Lebens sein, das von geschwisterlicher Liebe zu allen
durchdrungen ist. Zugleich wird die Freiheit des Geistes, die dem geweihten
Leben eigen ist, jenen »Dialog des Lebens«begünstigen, in dem sich ein
Grundmodell der Mission und der Verkündigung des Evangeliums Christi
verwirklicht. Um das gegenseitige Kennenlernen, die Achtung voreinander und die
Liebe zu fördern, werden die Ordensinstitute auberdem mit den monastischen
Kreisen anderer Religionen zweckmäbige Dialogformen pflegen können, die
von herzlicher Freundschaft und gegenseitiger Aufrichtigkeit durchdrungen
sind.Einen weiteren Bereich der Zusammenarbeit mit Männern und Frauen
unterschiedlicher religiöser Tradition stellt die gemeinsame Sorge um das
menschliche Leben dar, die vom Mitleid wegen physischen und geistigen Leides
bis zum Einsatz für die Gerechtigkeit, den Frieden und die Bewahrung der
Schöpfung reicht. Auf diesen Gebieten werden vor allem die Institute des tätigen
Lebens die Verständigung mit den Mitgliedern anderer Religionen in jenem »Dialog
der Werke«suchen, der den Weg zu einem intensiveren Miteinander vorbereitet.Ein
eigenes Gebiet reger Begegnung mit Personen anderer religiöser Traditionen ist
jenes der Ermittlung und Förderung der Würde der Frau. Aus der Sicht der
Gleichheit und richtigen Gegenseitigkeit zwischen Mann und Frau kann vor allem
von den Frauen des geweihten Lebens ein wertvoller Dienst geleistet werden.iese
und andere Aufgaben der Personen des geweihten Lebens im Dienst des
interreligiösen Dialogs erfordern eine angemessene Vorbereitung bei der
Anfangsausbildung und bei der ständigen Weiterbildung sowie im Studium und in
der Forschung,da in diesem nicht einfachen Bereich eine gründliche Kenntnis des
Christentums und der anderen Religionen erforderlich ist, die von einem
gefestigten Glauben sowie von geistlicher und menschlicher Reife begleitet ist.
Eine Antwort der Spiritualität auf die Suche nach dem
Heiligen und auf die Sehnsucht nach Gott
103. Alle Männer und Frauen, die sich dem geweihten Leben
widmen, sind auf Grund des Wesens ihrer Entscheidung gleichsam bevorzugte
Gesprächspartner für jene Suche nach Gott, die seit jeher das Herz des Menschen
bewegt und ihn zu vielfältigen Formen der Askese und der Spiritualität hinführt.
Diese Suche tritt heute in vielen Gegenden eindringlich als beherrschende
Antwort auf Kulturen auf, die dazu tendieren, die religiöse Dimension des
Daseins zwar nicht immer zu leugnen, doch sicherlich an den Rand zu drängen.Die
Personen des geweihten Lebens, die die frei übernommenen Verpflichtungen
konsequent und vollständig leben, können eine Antwort auf die Sehnsucht ihrer
Zeitgenossen anbieten, wenn sie diese von zumeist trügerischen und häufig die
heilbringende Menschwerdung Christi leugnenden Lösungen (vgl.
1 Joh 4,2-3), wie diese z. B. von den Sekten vorgeschlagen werden,
befreien. Durch das Praktizieren einer persönlichen und gemeinschaftlichen
Askese, die die ganze Existenz läutert und verklärt, bezeugen sie gegen die
Versuchung des Egozentrismus und der Sinnlichkeit die Wesensmerkmale der
authentischen Gottsuche und warnen davor, sie mit der subtilen Suche ihrer
selbst oder mit der Flucht in die Gnosis zu verwechseln. Jeder, der sein Leben
Gott geweiht hat, ist verpflichtet, den inneren Menschen zu bilden, der sich
weder von der Geschichte fernhält noch sich auf sich selbst zurückzieht. Wenn er
in gehorsamem Hören des Wortes lebt, dessen Hüter und Dolmetscher die Kirche
ist, weist er im besonders geliebten Christus und im trinitarischen Geheimnis
hin auf das Objekt der tiefen Sehnsucht des menschlichen Herzens und auf das
Ziel jedes für die Transzendenz aufrichtig offenen religiösen Weges.Darum haben
die Personen des geweihten Lebens die Pflicht, all jenen grobzügig Aufnahme und
geistliche Begleitung anzubieten, die sich vom Durst nach Gott bewegt und mit
dem Wunsch, die Anforderungen des Glaubens zu leben, an sie wenden.
SCHLUSS
Das Übermab an Unentgeltlichkeit
104. Nicht wenige fragen sich heutzutage ratlos: Wozu soll das
geweihte Leben gut sein? Warum lassen sich Menschen auf diese Lebensform ein, wo
es doch im Bereich der Nächstenliebe und selbst der Evangelisierung so viele
dringende Notwendigkeiten gibt, auf die man auch antworten kann, ohne die
besonderen Verpflichtungen des geweihten Lebens zu übernehmen? Ist das geweihte
Leben nicht vielleicht so etwas wie eine »Verschwendung« menschlicher Kräfte,
die, würde man einem Wirksamkeitskriterium folgen, für ein gröberes Gut zum
Vorteil der Menschheit und der Kirche nutzbar wären?Fragen dieser Art sind in
unserer Zeit häufiger anzutreffen, weil sie von einer utilitaristischen und
technokratischen Kultur angeregt werden, die dazu neigt, die Bedeutung der Dinge
und selbst der Personen in bezug auf ihre unmittelbare »Zweckdienlichkeit« zu
werten. Doch solche Fragen hat es immer gegeben, wie die Episode der Salbung in
Betanien aus dem Evangelium anschaulich beweist: »Da nahm Maria ein Pfund
echtes, kostbares Nardenöl, salbte Jesus die Fübe und trocknete sie mit ihrem
Haar. Das Haus wurde vom Duft des Öls erfüllt« (Joh 12,3). Als Judas
unter dem Vorwand der Not der Armen diese Verschwendung beklagte, antwortete ihm
Jesus: »Lab sie gewähren!« (Joh 12,7).Das ist die noch immer gültige
Antwort auf die Frage, die sich, und sei es auch in gutem Glauben, so viele in
bezug auf die Aktualität des geweihten Lebens stellen: Könnte man nicht sein
Leben wirksamer und rationeller für die Verbesserung der Gesellschaft
einsetzen?«. Darauf lautet die Antwort Jesu: »Lab sie gewähren«.Wem das
unschätzbare Geschenk gewährt wird, dem Herrn Jesus mehr aus der Nähe zu folgen,
dem erscheint es klar, dab er mit ungeteiltem Herzen geliebt werden kann und
mub, dab man ihm das ganze Leben und nicht nur einige Gesten, einige Momente
oder einige Aktivitäten widmen kann. Das kostbare Salböl, das als reiner Akt von
Liebe und daher fern jeder »utilitaristischen« Überlegung vergossen wurde, ist
Zeichen von Übermab an Unentgeltlichkeit, wie es in einem Leben zum
Ausdruck kommt, das hingegeben wird, um den Herrn zu lieben und ihm zu dienen,
um sich seiner Person und seinem mystischen Leib zu widmen. Aber von diesem
»verschwendeten« Leben verbreitet sich ein Duft, der das ganze Haus erfüllt. Das
Haus Gottes, die Kirche, ist durch das Vorhandensein des geweihten Lebens heute
nicht weniger geschmückt und bereichert als gestern.Was in den Augen der
Menschen als Verschwendung erscheinen mag, ist für den in seinem innersten
Herzen von der Schönheit und der Güte des Herrn angezogenen Menschen eine klare
Antwort der Liebe und eine überschwengliche Dankbarkeit dafür, auf ganz
besondere Weise zum Kennenlernen des Sohnes und zur Teilhabe an seiner
göttlichen Sendung in der Welt zugelassen worden zu sein.»Wenn ein Kind Gottes
die göttliche Liebe kennenlernte und kostete, den ungeschaffenen Gott, den
menschgewordenen Gott, den Gott, der Leiden und Tod erlitten hat, Gott, der das
höchste Gut ist, würde er sich ihm ganz hingeben, sich nicht nur den anderen
Geschöpfen, sondern sogar sich selbst entziehen und würde mit seinem ganzen
Selbst diesen Gott der Liebe lieben, bis er sich ganz zu dem Gott-Menschen
wandelt, der der Höchstgeliebte ist«.
Das geweihte Leben im Dienst des Gottesreiches
105. »Was würde aus der Welt, wenn es die Ordensleute nicht
gäbe?«.Jenseits der oberflächlichen Zweckeinschätzungen ist das geweihte Leben
gerade in seinem Übermab an Unentgeltlichkeit und Liebe von Bedeutung,
und das um so mehr in einer Welt, die Gefahr läuft, im Strudel des Vergänglichen
zu ersticken. »Ohne dieses konkrete Zeichen würde die Liebe, die die ganze
Kirche beseelt, Gefahr laufen zu erkalten, das Paradoxon heilwirkender Kraft des
Evangeliums sich abschwächen, das ‘Salz' des Glaubens in einer Welt zunehmender
Säkularisierung schal werden«.Das Leben der Kirche und der Gesellschaft hat
Menschen nötig, die fähig sind, sich ganz Gott und aus Liebe zu Gott den anderen
zu widmen.Die Kirche kann absolut nicht auf das geweihte Leben verzichten, weil
es auf anschauliche Weise ihr inneres »bräutliches« Wesen zum Ausdruck bringt.
In ihm findet die Verkündigung des Evangeliums auf der ganzen Welt neuen Schwung
und neue Kraft. In der Tat, es bedarf solcher Menschen, die das väterliche
Antlitz Gottes und das mütterliche Antlitz der Kirche zeigen, die das eigene
Leben aufs Spiel setzen, damit andere Leben und Hoffnung haben. Die Kirche
braucht Personen des geweihten Lebens, die, noch ehe sie sich dem Dienst an der
einen oder anderen edlen Sache widmen, sich von der Gnade Gottes verwandeln
lassen und dem Evangelium vollständig gleichförmig werden.Die ganze Kirche
findet diese grobe Gabe in ihren Händen und widmet sich in Dankbarkeit ihrer
Förderung durch Wertschätzung, Gebet und durch die ausdrückliche Aufforderung zu
ihrer Annahme. Wichtig ist, dab die von der evangeliumsgemäben Vorzüglichkeit
dieser Lebensform überzeugten Bischöfe, Priester und Diakone sich bemühen, durch
die Verkündigung, die Unterscheidungsgabe und eine weise geistliche Begleitung
die Keime der Berufung zu entdecken und zu stützen. Alle Gläubigen werden um
ständiges Gebet für die Personen des geweihten Lebens ersucht, damit deren Eifer
und Fähigkeit zur Liebe unablässig zunehmen und sie damit zur Verbreitung des
Wohlgeruches Christi in der heutigen Gesellschaft beitragen. Die gesamte
christliche Gemeinschaft — Seelsorger, Laien und Personen des geweihten Lebens —
ist für das geweihte Leben, für seine Annahme und für den den Neuberufenen
angebotenen Beistand verantwortlich.
An die Jugend
106. Euch jungen Leuten, sage ich: wenn ihr den Ruf des Herrn
vernehmt, weist ihn nicht zurück! Fügt euch vielmehr mutig ein in die groben
Richtungswege der Heiligkeit, die herausragende heilige Männer und Frauen in der
Nachfolge Christi angebahnt haben. Pflegt eure altersspezifischen Sehnsüchte,
aber folgt bereitwillig dem Vorhaben, das Gott mit euch plant, wenn er euch
einlädt, die Heiligkeit im geweihten Leben zu suchen. Bewundert alle Werke
Gottes in der Welt, aber wisset den Blick auf die Wirklichkeiten zu richten, die
zur Unvergänglichkeit bestimmt sind.Das dritte Jahrtausend erwartet den Beitrag
des Glaubens und der Phantasie von Scharen junger Menschen des geweihten Lebens,
auf dab die Welt heiterer und fähiger werde, Gott und in ihm alle seine Söhne
und Töchter anzunehmen.
An die Familien
107. Ich wende mich an euch, christliche Familien. Ihr Eltern,
dankt dem Herrn, wenn er eines eurer Kinder zum geweihten Leben berufen hat. Es
mub — wie es immer gewesen ist — als eine grobe Ehre angesehen werden, wenn der
Herr auf eine Familie blickt und eines ihrer Glieder auswählt, um es einzuladen,
den Weg der evangelischen Räte einzuschlagen! Hegt den Wunsch, eines eurer
Kinder dem Herrn zu schenken, damit die Liebe Gottes in der Welt wachsen möge.
Welche schönere Frucht der ehelichen Liebe könnte es für euch geben?Es mub daran
erinnert werden: wenn die Eltern die Werte des Evangeliums nicht leben, werden
der Junge und das Mädchen nur schwer in der Lage sein, den Ruf zu vernehmen, die
Notwendigkeit der Opfer zu verstehen, die es auf sich zu nehmen gilt, sowie die
Schönheit des Zieles zu schätzen wissen, das erreicht werden soll. Denn die
Kinder machen in der Familie die ersten Erfahrungen der Werte des Evangeliums
und der Liebe, die sich an Gott und an die anderen verschenkt. Sie müssen auch
zum verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Freiheit erzogen werden, um
bereit zu sein, ihrer Berufung gemäb höchste geistliche Wirklichkeiten zu
leben.Ich bete, dab ihr, christliche Familien, durch das Gebet und das
sakramentale Leben mit dem Herrn verbunden, Berufungen annehmende Heimstätten
seid.
An die Männer und Frauen guten Willens
108. Alle Männer und Frauen, die meine Stimme hören wollen,
möchte ich einladen, nach den Wegen zu suchen, die auch auf den vom geweihten
Leben vorgezeichneten Pfaden zum lebendigen und wahren Gott führen. Die Personen
des geweihten Lebens geben Zeugnis davon, dab »wer Christus, dem vollkommenen
Menschen, folgt, auch selbst mehr Mensch wird«.Wie viele von ihnen haben sich
als barmherzige Samariter über die unzähligen Wunden der Brüder und Schwestern
gebeugt — und beugen sich jetzt noch —, denen sie unterwegs begegneten.Schaut
auf diese Menschen, die von Christus ergriffen sind, die in der von der Gnade
und der Liebe Gottes getragenen Selbstbeherrschung auf das Heilmittel hinweisen,
das von Habgier, Genub- und Herrschsucht befreit. Vergebt nicht die Charismen,
die wunderbare »Gottsucher« und Wohltäter der Menschheit geformt und denjenigen,
die mit aufrichtigem Herzen Gott suchen, sichere Wege geöffnet haben. Betrachtet
die grobe Zahl von Heiligen, die in dieser Lebensform gewachsen sind, betrachtet
das Gute, das der Welt gestern und heute von denen erwiesen wurde und wird, die
sich Gott geweiht haben! Braucht diese unsere Welt etwa nicht frohe Zeugen und
Propheten der segensreichen Macht der Liebe Gottes? Braucht sie nicht auch
Männer und Frauen, die es durch ihr Leben und ihre Tätigkeit verstehen, Samen
des Friedens und der Brüderlichkeit zu säen?.
An die Personen des geweihten Lebens
109. Vor allem aber richte ich an euch, Männer und Frauen des
geweihten Lebens, zum Abschlub dieses Apostolischen Schreibens meinen
vertrauensvollen Appell: lebt ganz eure Hingabe an Gott, um es dieser Welt an
keinem Strahl der göttlichen Schönheit fehlen zu lassen, der den Weg des
menschlichen Daseins erhellt. Die Christen, die tief in die Geschäftigkeit und
die Sorgen dieser Welt verwickelt, aber auch zur Heiligkeit berufen sind, müssen
in euch geläuterte Herzen finden, die im Glauben Gott »schauen«, Menschen, die
dem Wirken des Hl. Geistes gegenüber fügsam sind, die in der Treue zum Charisma
der Berufung und der Sendung zügig vorangehen.Ihr wibt gut, dab ihr einen Weg
ständiger Bekehrung, ausschlieblicher Hingabe an die Liebe Gottes und der Brüder
eingeschlagen habt, um immer leuchtender von der Gnade Zeugnis zu geben, die die
christliche Existenz verklärt. Die Welt und die Kirche suchen nach glaubwürdigen
Zeugen Christi. Das geweihte Leben ist ein Geschenk, das Gott anbietet, damit
das »einzig Notwendige« (vgl. Lk 10,42) allen vor Augen gestellt werde.
Mit dem Leben, mit den Werken und den Worten Christus zu bezeugen ist
einzigartiger Auftrag des geweihten Lebens in Kirche und Welt.Ihr wibt, wem ihr
Glauben geschenkt habt (vgl. 2 Tim 1,12): gebt ihm alles! Die jungen
Leute sollen sich nicht irreführen lassen: wenn sie zu euch kommen, wollen sie
das sehen, was sie anderswo nicht zu sehen bekommen. Ihr habt angesichts der
Zukunft eine ungeheure Aufgabe: insbesondere die jungen Personen des geweihten
Lebens können durch das Zeugnis ihrer Weihe ihre Altersgenossen zur Erneuerung
ihres Lebens anleiten.Die leidenschaftliche Liebe zu Jesus Christus stellt eine
mächtige Anziehungskraft für die anderen jungen Menschen dar, die er in seiner
Güte ruft, ihm aus der Nähe und für immer zu folgen. Unsere Zeitgenossen wollen
an den Personen des geweihten Lebens die Freude sehen, die davon kommt, dab sie
beim Herrn sind.Ihr Personen des geweihten Lebens, alt und jung, lebt die Treue
zu eurer Verpflichtung gegenüber Gott, in gegenseitiger Erbauung und Hilfe.
Trotz der Schwierigkeiten, denen ihr bisweilen begegnen mochtet, und trotz der
nachlassenden Wertschätzung für das geweihte Leben in einer gewissen
öffentlichen Meinung habt ihr den Auftrag, die Männer und Frauen unserer Zeit
aufs neue einzuladen, nach oben zu schauen, sich nicht von den Dingen des
Alltags mitreiben, sondern sich von Gott und vom Evangelium seines Sohnes
faszinieren zu lassen. Vergebt nicht, dab ihr in ganz besonderer Weise sagen
könnt und mübt, dab ihr nicht nur von Christus seid, sondern dab »ihr Christus
geworden seid!«.
In die Zukunft blicken
110. Ihr sollt euch nicht nur einer glanzvollen Geschichte
erinnern und darüber erzählen, sondern ihr habt eine grobe Geschichte
aufzubauen! Blickt in die Zukunft, in die der Geist euch versetzt, um durch
euch noch grobe Dinge zu vollbringen.Macht euer Leben zu einer
leidenschaftlichen Christuserwartung, indem ihr ihm entgegengeht wie die klugen
Jungfrauen dem Bräutigam entgegengehen. Seid immer bereit, treu zu Christus, zur
Kirche, zu eurem Institut und gegenüber dem Menschen unserer Zeit.So werdet ihr
Tag für Tag von Christus erneuert werden, um mit seinem Geist brüderliche
Gemeinschaften aufzubauen, mit ihm den Armen die Fübe zu waschen und euren
unersetzlichen Beitrag zur Verklärung der Welt zu leisten.Diese unsere, den
Händen des Menschen anvertraute Welt, die im Begriff ist, in das neue
Jahrtausend einzutreten, soll immer menschlicher und gerechter sein können,
Zeichen und Vorwegnahme der künftigen Welt, in der er, der erniedrigte und
verherrlichte, der arme und gepriesene Herr, mit dem Vater und dem Heiligen
Geist für uns und für unsere Brüder und Schwestern die vollkommene und bleibende
Freude sein wird.
Gebet an die Heiligste Dreifaltigkeit
111. Selige und seligmachende Heiligste Dreifaltigkeit, mache
deine Söhne und Töchter selig, die du berufen hast, die Gröbe deiner Liebe,
deiner barmherzigen Güte und deiner Schönheit zu bekennen.Heiliger Vater,
heilige die Söhne und Töchter, die sich um der Ehre deines Namens willen dir
geweiht haben. Begleite sie mit deiner Macht, damit sie bezeugen können, dab du
der Ursprung von allem bist, die einzige Quelle der Liebe und der Freiheit. Wir
danken dir für das Geschenk des geweihten Lebens, das im Glauben dich sucht und
in seiner universalen Sendung alle einlädt, den Weg zu dir zu gehen.Erlöser
Jesus Christus, menschgewordenes Wort, wie du deine Lebensform jenen
anvertraut hast, die du gerufen hast, so ziehe weiterhin Menschen zu dir, die
für die Menschheit unserer Zeit Hüter der Barmherzigkeit, Vorboten deiner
Wiederkunft, lebendiges Zeichen der Güter der künftigen Auferstehung sein
sollen. Keine Bedrängnis trenne sie von dir und von deiner Liebe! Heiliger
Geist, in die Herzen ausgegossene Liebe, die du Geist und Sinn, Gnade und
Inspiration schenkst, ewige Lebensquelle, die du durch die zahlreichen Charismen
die Sendung Christi vollendest, wir bitten dich für alle Personen des geweihten
Lebens. Erfülle ihr Herz mit der innigen Gewibheit, dazu auserwählt worden zu
sein, um zu lieben, zu loben und zu dienen. Lab sie deine Freundschaft kosten,
erfülle sie mit deiner Freude und mit deinem Trost, hilf ihnen, Momente der
Schwierigkeit zu überwinden und nach dem Fall in Vertrauen wieder aufzustehen,
mache sie zum Spiegel der göttlichen Schönheit. Gib ihnen den Mut, sich den
Herausforderungen unserer Zeit zu stellen, und die Gnade, den Menschen die Güte
und Menschenfreundlichkeit unseres Retters Jesus Christus zu bringen (vgl.
Tit 3,4).
Anrufung der
Jungfrau Maria
112. Maria, Sinnbild der Kirche, Braut ohne Falte und Makel,
die, indem sie dich nachahmt, »jungfräulich einen unversehrten Glauben, eine
feste Hoffnung und eine aufrichtige Liebe bewahrt«,stehe den Personen des
geweihten Lebens in ihrem Streben nach der ewigen und einzigen Seligkeit
bei.Dir, Jungfrau der Heimsuchung, vertrauen wir sie an, damit sie auf die Nöte
der Menschen einzugehen verstehen, um ihnen Hilfe, vor allem aber Jesus zu
bringen. Lehre sie die Wunder zu verkündigen, die der Herr in der Welt
vollbringt, damit alle Völker seinen Namen rühmen. Stehe ihnen bei in ihrer
Arbeit für die Armen, die Hungernden, die Hoffnungslosen, die Geringsten und für
alle, die mit aufrichtigem Herzen deinen Sohn suchen.An dich, Mutter, die du die
geistliche und apostolische Erneuerung deiner Söhne und Töchter in der Antwort
der Liebe und der Ganzhingabe an Christus willst, wenden wir uns vertrauensvoll
mit unserem Gebet. Du, die du bereit im Gehorsam, mutig in der Armut,
empfangsbereit in der fruchtbaren Jungfräulichkeit den Willen des Vaters erfüllt
hast, erwirke von deinem göttlichen Sohn, dab alle, die die Gabe empfangen
haben, ihm im geweihten Leben zu folgen, von ihm mit einer verklärten Existenz
Zeugnis geben können, indem sie mit allen anderen Brüdern und Schwestern voll
Freude auf die himmlische Heimat und auf das nie erlöschende Licht zugehen.
Wir bitten Dich darum, dab der höchste Herr aller Dinge, Vater,
Sohn und Heiliger Geist, in allen und in allem verherrlicht, gepriesen und
geliebt werde.
Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter, am 25. März, dem Hochfest
der Verkündiging des Herrn, des Jahres 1996, dem 18. Jahr meines Pontifikats.
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